Kreimbach-Kaulbach
Wie das Backhaus Scheidt auf Stabilität und Tradition statt auf Expansion setzt
Wenn in den frühen Morgenstunden die meisten Menschen in der Region noch tief schlafen, brennt in Kreimbach-Kaulbach schon längst Licht. Ab Mitternacht herrscht in der Backstube des Backhauses Scheidt Hochbetrieb. Dort wird noch echtes Handwerk gelebt – und das seit mittlerweile 128 Jahren. Das Traditionsunternehmen zeigt, wie ein Familienbetrieb im ländlichen Raum erfolgreich wachsen und sich behaupten kann.
Geführt wird das Backhaus in der fünften Generation von Sascha Scheidt und seiner Ehefrau Kathrin. Die sechste Generation steht bereits in den Startlöchern: Der 23-jährige Sohn Robin hat vor drei Jahren seine Prüfungen zum Bäckermeister und Betriebswirt abgelegt und ist längst mittendrin im Geschäft. „Es war seine freie Entscheidung, wir haben ihn nicht dazu gedrängt“, sagt Kathrin Scheidt. Auch Sascha Scheidt musste von seinen Eltern nicht in die Spur gebracht werden. Er sei in der Bäckerei groß geworden und mit Leib und Seele Bäcker. „Das Bäckereihandwerk liegt uns im Blut“, sagt Sascha Scheidt. Seit der Gründung im Jahr 1898 wurde die Bäckerei immer vom Vater an den Sohn weitergegeben.
14 Filialen, je drei Marktstände und Verkaufsbusse
Das Erfolgsrezept der Bäckerfamilie Scheidt basiert nicht zuletzt auf einer einfachen, vom Uropa überlieferten Devise: „Erst wird Geld verdient, dann wird es ausgegeben.“ Schritt für Schritt ist der Betrieb so über die Jahrzehnte gewachsen. In den 60er- und 70er-Jahren belieferte die Bäckerei kleine Lebensmittelgeschäfte in der Umgebung. Dann fuhr das Backhaus seine Waren mit eigenen Verkaufsautos aus. Und in den 90er-Jahren, als die Tante-Emma-Läden keine Nachfolger mehr fanden, übernahm die Bäckerei die Geschäfte selbst und baute so ein eigenes Filialnetz auf.
Heute betreibt das Unternehmen 14 Filialen im Einzugsgebiet rund um den Hauptsitz Kreimbach-Kaulbach. Hinzu kommen drei Verkaufsbusse und drei mobile Marktstände – „besonders die Märkte in Kaiserslautern und Kusel laufen hervorragend“, sagt der Firmenchef. Auch Metzgereien, Kantinen und Altenheime werden beliefert. Eine weitere Vergrößerung sei aber nicht geplant, denn die Familie setze auf Stabilität und Unabhängigkeit, sagen Kathrin und Sascha Scheidt.
Jeden Morgen bereitet die Chefin ein Frühstück zu
Insgesamt beschäftigt das Backhaus Scheidt mittlerweile rund 100 Mitarbeiter, gerade erst seien drei neue Verkäuferinnen eingestellt worden, sagt Kathrin Scheidt. Allein in der Produktion arbeiten zehn gelernte Bäcker, darunter zwei Meister. Manche von ihnen haben schon ihre Ausbildung im Betrieb absolviert. Ein festes Ritual schweißt das Team jeden Morgen zusammen: Nach der Schicht in der Backstube, gegen 8 oder 9 Uhr, richtet die Chefin persönlich ein gemeinsames Frühstück für die Bäcker an – „fast wie im Hotel“, schmunzelt sie. Man kennt sich, man ist per Du. „Bei uns geht es zu wie in einer Familie“, sagt sie.
Eigene Wege geht das Backhaus bei den Öffnungszeiten: Sonntags und montags bleiben die Läden geschlossen. Zudem gibt es einen fest verordneten Betriebsurlaub: Im Sommer schließt das Backhaus für zwei Wochen komplett. „Das gibt es ganz selten in dieser Betriebsgröße“, sagt Sascha Scheidt. „Unsere Kunden akzeptieren das vollkommen“, versichert Kathrin Scheidt. Die Filialen der Bäckerei seien für viele Dörfer weit mehr als nur ein Ort zum Brötchenkauf. Die Läden seien soziale Treffpunkte. Vor allem samstags werde dort bei den Verkäuferinnen gerne ein Schwätzchen gehalten.
Mehl, Milch und Eier möglichst aus der Region
Sascha Scheidt selbst steht seit 36 Jahren im Betrieb und feierte jüngst seinen 50. Geburtstag. Zu diesem Anlass nahm er sich mit seiner Frau zwei Tage frei, die Geschäfte führte in dieser Zeit der Sohn. „Ich weiß, dass man dem Nachwuchs Verantwortung geben und auch Fehler zulassen muss, damit er in die Rolle hineinwächst“, sagt Sascha Scheidt. Auch sein Vater habe ihm diesen Freiraum gewährt. Seniorchef Roland Scheidt hilft heute noch aus, wenn Not am Mann ist.
Große Sorgen bereiten dem Betrieb aktuell die Materialkosten. Die Preise für Schokolade, Sauerkirschen oder Haselnüsse haben sich teilweise verdreifacht. Daran zu sparen, komme allerdings nicht infrage: „Die Leute wollen Qualität, und die liefern wir“, sagt der Chef. Es werde noch so aufwendig gearbeitet wie zu Großvaters Zeiten, versichert er. Zudem werde Regionalität großgeschrieben: Mehl, Milch und frische Eier kämen, wann immer es möglich sei, direkt aus der Region. Nachhaltigkeit werde auch ganz praktisch gelebt: „Bei uns gibt es keine Container“, betont die Familie. Altbrot wird wieder in den Backkreislauf zurückgeführt, Brötchen werden zu Semmelmehl verarbeitet, und Überschüsse gehen an die Tafel in Lauterecken oder an kirchliche Einrichtungen.
Backhandwerk-Tradition soll erhalten bleiben
Außerdem hat das Unternehmen unlängst auf den Hallen des nahen landwirtschaftlichen Betriebs, den Sascha Scheidt als zweites Standbein und leidenschaftliches Hobby führt, eine große Photovoltaikanlage inklusive Batteriespeicher und Wärmerückgewinnung installieren lassen. Sie decke mittlerweile 40 Prozent des Strombedarfs.
Für die Zukunft des Backhandwerks haben die Eheleute Scheidt einen klaren Wunsch: dass die eigenständigen, kleineren Bäckereien durchhalten und nicht vollständig von Industriefilialen verdrängt werden. Für ihren eigenen Betrieb blicken sie jedenfalls optimistisch nach vorne. Wenn der Sohn in den kommenden Jahren noch stärker in den Betrieb hineinwächst, wollen sich die Eltern Stück für Stück zurückziehen – in dem sicheren Wissen, dass ihr Lebenswerk in besten Händen bleibt.