Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Widerstand aus dem Exil: Die Schicksale von „Russlandfahrern“ aus dem Kreis Kusel

Eine unbekannte russische Siedlung im Winter 1933.
Eine unbekannte russische Siedlung im Winter 1933.

Sie wollten ins Arbeiterparadies nach Russland, was folgte, war meist ein böses Erwachen. Die letzte Folge unserer Serie beleuchtet die Schicksale von „Russlandfahrern“ aus dem Kreis Kusel.

Ende Dezember 1937 meldete die Kuseler Gendarmerie dem Bezirksamt Kusel, der im Mai 1932 nach Russland ausgewanderte frühere Bergmann Otto Knorr aus Hoof sei plötzlich wieder in seinem Heimatort aufgetaucht.

Die Gendarmerie Niederkirchen suchte Knorr sogleich auf, und dieser zeigte sich in der Vernehmung zunächst „erstaunt über die fortschrittliche Entwicklung und geregelte Lebenshaltung in Deutschland, nachdem man ihm in Russland gesagt habe, dass die Deutschen hungern und vor den Geschäften Schlange stehen würden. Knorr gibt an, in Russland verheiratet gewesen zu sein; seine Ehefrau, eine Russin, sei ihm davongelaufen. Er will auch einige Zeit wegen Spionage gegen Russland im Gefängnis gesessen haben. Nach seinem Aussehen scheint er körperlich und seelisch viel gelitten zu haben. Kleidung habe er nicht mehr besessen, und seine Uhr sei ihm während seiner Inhaftierung gestohlen worden. Die Behandlung eines Deutschen sei schlecht, Drangsalierungen und Quälereien seien an der Tagesordnung.“

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland, so die Gendarmerie in ihrem Bericht, habe Knorr dem Niederkircher Bürgermeister König versprochen, seine früheren Genossen von der KPD von den Zuständen in Russland zu überzeugen. Knorr werde von jetzt ab polizeilich überwacht. Offenbar trat dieser in der Folge aber nicht mehr in Erscheinung, denn auf der Gestapo-Karteikarte ist nur die Rückkehr aus Russland vermerkt. Knorr blieb aber Kommunist, er wechselte nach Kriegsende in die sowjetisch besetzte Zone über, wo er wieder als Bergmann arbeitete. 1952/53 stürzte er in einer Grube in Freiberg in Sachsen in einen Schacht und verunglückte tödlich.

Auf der Suche nach Arbeit

Vermutlich hatte die Gendarmerie bei der Vernehmung von Otto Knorr von einem weiteren Ostertaler Russland-Rückkehrer erfahren: Eugen Berg aus Niederkirchen. Ein Gestapo-Beamter aus Neustadt lud Berg für den 7. Januar 1938 auf das Bürgermeisteramt Niederkirchen vor und verhörte ihn. Berg gab an, dass er von April 1930 bis Anfang August 1932 arbeitslos gewesen sei und keine Unterstützung bezogen habe. Am 9. August 1932 sei er dann in die Sowjetunion ausgewandert und am 14. Juni 1934 wieder zurückgekehrt.

Nach Bergs Angaben habe er früher mit der KPD sympathisiert (tatsächlich war er Mitglied), auch sei er im Freien Fabrikarbeiterverband organisiert gewesen. Von Bergarbeitern habe er gehört, dass man in Russland sofort Arbeit finde und auch gut verdiene. Auf die Möglichkeit einer Auswanderung sei er durch die Anzeige eines russischen Intourist-Büros in München aufmerksam geworden. Am 9. August 1932 sei er von Berlin aus (wohl mit der Eisenbahn) in Richtung Moskau abgereist. Die russische Grenze habe er bei Ne-Gorelaj passiert.

Weiter hieß es in der Vernehmung: „Nachdem ich vom 14.8. bis 17.8. in einem Hotel in Moskau genächtigt hatte, fasste ich den Entschluss, länger als 14 Tage in der Sowjetunion zu bleiben, um mir Arbeit zu suchen. Am 18.8. fuhr ich mit der Eisenbahn nach Amerikanka im Dongebiet und wurde dort auf der Kohlengrube Nr. 18 als Kohlenhauer eingestellt. Auf Antrag der Grubenverwaltung erhielt ich die Aufenthaltsgenehmigung in der Sowjetunion bis auf weiteres. Der Verdienst als Kohlenhauer betrug durchschnittlich im Monat 170 Rubel. In der Siedlung, die der Grube gehörte und die im Jahr 1929/30 im Auftrag des Kohlentrusts für die deutschen Bergarbeiter gebaut worden war, hatte ich ein möbliertes Zimmer, Monatsmiete 25 Rubel.“

Nach Angaben Bergs waren auf der Grube Nr. 18 etwa 60 Reichsdeutsche beschäftigt, von denen ihm namentlich bekannt waren: Otto Knorr aus Hoof, Rudolf Heidenmann und Jakob Blohn, beide aus Herchweiler, Peter Demmer aus der Trierer Gegend, Mathias Betzold vom Hunsrück und Jakob Balser, Bergmann aus Schiffweiler/Saar.

Ausweisung ohne Grund

Als nach einiger Zeit die Grubenverwaltung den Arbeitern für die letzten vier Wochen keinen Lohn zahlte – angeblich war kein Geld da –, legten Eugen Berg, Otto Knorr, Jakob Blohn und Peter Demmer die Arbeit nieder und begaben sich nach Kiesel im Ural. Hier arbeiteten sie bis März 1933 als Hauer auf der Kohlengrube „Wolotarka“. Aufgrund des ungünstigen Klimas in dieser Gegend zogen die Vier jedoch weiter nach Sibirien bis zur Stadt Propokjewsk, wo sie wieder auf einer Grube arbeiteten.

Am 13. oder 14. Mai 1934 erhielt Eugen Berg nach der Schicht die Order, er solle sich beim Ausländeramt der Grube melden. Dort wurde ihm eröffnet, dass er innerhalb von vier Wochen die Sowjetunion zu verlassen habe. Ein Grund für die Ausweisung wurde ihm nicht genannt. Auch bei der Gewerkschaft in Moskau, die er speziell deswegen aufsuchte, erhielt er keine Auskunft. Man händigte ihm lediglich eine Fahrkarte mit dem Reiseziel Kaiserslautern/Pfalz aus, die er aber selbst bezahlen musste.

Über Lettland und Litauen fuhr er dann mit der Eisenbahn nach Berlin und in die Pfalz. Von dem Gestapo-Beamten nach seinen Erfahrungen über die Zeit seiner Auswanderung gefragt, antwortete Eugen Berg: „Ich habe das Los des Arbeiters in Russland kennen gelernt und kann sagen, dass man wahrlich von einem Arbeiterparadies nicht sprechen kann.“

Berg hatte nach der Rückkehr aus der Sowjetunion seinen Lebensunterhalt als ambulanter Händler mit Textilien bestritten. Den Wandergewerbeschein durfte er behalten, aber die Gestapo verfügte: „Das Arbeitsamt ist zu verständigen, da er Russland-Rückwanderer ist und zur Verwendung bei Festungsbauten sowie in Rüstungs- oder heereswichtigen Betrieben nicht geeignet ist.“ Und auf der Gestapo-Karteikarte notierte sie: „Politisch unzuverlässig.“

Die von Eugen Berg genannten Arbeiter Rudolf Heidenmann und Jakob Blohn stammten beide aus Herchweiler im Ostertal, waren aber schon in den 1920er Jahren dort weggezogen, weil sie auf eine Kohlengrube bei Aachen vermittelt worden waren. Nachdem sie auch dort „abgelegt“ worden waren, hatten sie sich in die Sowjetunion beworben. Neben dem Dongebiet sollen sie auch bei Moskau und in Alma Ata gearbeitet haben. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Direkt in Schutzhaft

Ewald Marx aus Waldmohr, früher auf Grube König in Neunkirchen beschäftigt, war im Januar 1932 in die KPD eingetreten. Am 28. Oktober 1932 wanderte er in die Sowjetunion aus und arbeitete als Bergmann in Prokopjewsk. Von den Verhältnissen enttäuscht, kehrte er am 9. März 1933, dem Tag der „Machtübernahme“ in Bayern und der Pfalz, nach Waldmohr zurück. Hier geriet er sogleich in die ersten Terrormaßnahmen und kam für zwei Wochen ins Amtsgerichtsgefängnis in Schutzhaft. Am 22. Juli 1933 wurde er erneut festgenommen und diesmal ins KZ Dachau eingeliefert, wo er am 20. Oktober 1934 wieder entlassen wurde. Im Juli 1937 schrieb die Gendarmerie Waldmohr: „Er bedarf weiter der Überwachung.“

Johann Ruffing aus Waldmohr, der aus Dunzweiler stammte und KPD-Mitglied war, hielt sich fast zwei Jahre lang in der Sowjetunion auf und arbeitete ebenfalls in Prokopjewsk. Nach seiner Rückkehr wohnte er 1938 in Niederhausen an der Nahe. Theodor Lohaus aus Waldmohr war bis zur Auswanderung in die Sowjetunion lediglich Sympathisant der KPD gewesen, Mitglied war er nicht. Auch er kehrte nach sechs Monaten Arbeit in Prokopjewsk enttäuscht zurück. 1937 trat er in die NSDAP ein.

Nach einem Monat zurück

Den kürzesten Aufenthalt der Waldmohrer „Russlandfahrer“ hatte Jakob Fries aufzuweisen. Er war 1929 Führer des Ortsverbandes der KPD Waldmohr gewesen, befand sich nur einen Monat lang als Bergmann in Prokopjewsk und kehrte am 9. November 1932, also noch in der Weimarer Zeit, nach Waldmohr zurück. Nach der „Machtübernahme“ zog er sich von der Politik ganz zurück und wurde Anfang November 1933 wegen einer Kriminalstraftat zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Im August 1938 notierte die Gestapo: „Politisch ist F. nicht mehr hervorgetreten, gilt als franzosenfreundlich.“

Von Alfred Allmang aus Gumbsweiler ist nur bekannt, dass er in einem Schreiben der Gendarmeriestation St. Julian vom 5. Februar 1936, in dem es um die Postüberwachung von fünf Männern aus Gumbsweiler ging, bezeichnet wurde als „Emigrant und hält sich z. Z. in Moskau auf“. Die Postüberwachung, so die Gendarmerie, sollte auch auf die Eltern von Alfred Allmang ausgedehnt werden. Näheres über seinen Aufenthalt in der Sowjetunion ist nicht bekannt.

Eugen Berg aus Niederkirchen arbeitete von 1932 bis 1934 als Bergmann in der Sowjetunion.
Eugen Berg aus Niederkirchen arbeitete von 1932 bis 1934 als Bergmann in der Sowjetunion.
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