Kusel / Kaiserslautern
Tote Frau im Heizungskeller: Polizei wiegt mutmaßlichen Täter längere Zeit in Sicherheit
Wer hat die Frau so schrecklich zugerichtet? Der Angeklagte, ein 61-Jähriger Mann aus der Südpfalz? Oder sein 57 Jahre alter „Kollege“, in dessen Gesellschaft er sich offenbar als Teil eines Schwarzarbeiter-Duos verdingt hat? Oder war es sogar der ominöse unbekannte Dritte, der am 3. Februar vergangenen Jahres in Kusel eine damals 56-Jährige getötet hat? Klar ist, dass die Frau eines gewaltsamen Todes starb. Der Tat bezichtigt wird besagter 61-Jährige. Im Prozess am Landgericht Kaiserslautern aber bestreitet der Mann die Tat.
Vorm Schwurgericht läuft seit 23. März die Hauptverhandlung, bei der der seit September inhaftierte Bauhelfer auf der Anklagebank sitzt. Gegen den beschäftigungslosen bisherigen Bürgergeldempfänger spricht vieles, inzwischen fast alles – trotzdem beharrt der Mann auf seiner Unschuld. „Wenn ich mir vorstelle, ich wäre Schöffe und müsste entscheiden: Für mich wär’s jetzt schon klar“, sagte am zweiten Prozesstag ein Beobachter während einer kurzen Verhandlungspause. Und der Mann verwies dabei auf Umstände, die seiner Ansicht nach den dringenden Tatverdacht rechtfertigten: Der Angeklagte gilt nicht gerade als Kind von Traurigkeit und scheint mit einer ziemlich kurzen Zündschnur ausgestattet.
Leben des Angeklagten von Verfehlungen geprägt
Das sagen Zeugen – und verweisen dabei auf Begebenheiten, die teils auch aktenkundig sind. Der Mann ist mehrfach vorbestraft. „Und das ja nicht wegen Kleinigkeiten“, wie der Beobachter sagt. Doch reicht das eben noch lange nicht: Die Kammer muss sich an Beweisen orientieren und kann nicht nur Schlüsse aus dem unsteten „Vorleben“ des 61-Jährigen ziehen. Auch wenn es von Verfehlungen geprägt ist. Weil der Mann abstreitet, der Frau mehr angetan als sie herzlich umarmt zu haben, wird sich die Hauptverhandlung voraussichtlich noch über mehrere Tage bis weit in den April hinein hinziehen. „Wir machen hier das volle Programm“, hatte der Vorsitzende der Strafkammer angekündigt.
Angeklagt ist vorsätzliche Tötung, allerdings kein Mord. Mordmerkmale sind entweder nicht zu erkennen oder nicht mit der zur Verurteilung erforderlichen Sicherheit nachweisbar. Es ist kein Motiv erkennbar – der 61-Jährige und sein mutmaßliches Opfer lernten sich erst kennen, als der Mann im Schlepptau seines Kumpels auf der Baustelle im Haus der 56-Jährigen in Kusel auftauchte. Es gibt nach Lage der Dinge auch keine Augenzeugen der Tat, was beispielsweise den Nachweis einer heimtückischen Vorgehensweise erschweren würde. Die Tatausführung lässt jedenfalls keine entsprechenden Schlüsse zu. Im Einsatz waren wohl Fäuste, Schlag- und Stichwerkzeuge.
Vermögendes Opfer in Privatinsolvenz
Auch Habgier fällt wohl flach: Der Angeklagte hatte sich nicht bereichern können. Zwar gab’s Streit, auch um Geld – unter anderem um ein Sümmchen, das der Angeklagte bei einem Autounfall eingebüßt haben hin. Aber die Summe war mit angeblichen 5500 Euro eher niedrig. Inzwischen gilt die Auffassung, dass das Opfer vermögend war. Das steht allerdings im krassen Gegensatz zu der Tatsache, dass die Frau zum Zeitpunkt der Tat ein Privatinsolvenzverfahren durchlief. Erklären lässt sich das durch ein Erbe. Damit soll die 56-Jährige geprahlt haben. So viel Geld, wie sie zur Verfügung habe, könne sie gar nicht ausgeben ...
Der Keller, in dem das Leben der Frau so tragisch endete, ist unter einem Haus in einem Kuseler Wohngebiet zu finden. Nichts deutet an der Doppelhaushälfte der Nachkriegs-Siedlungshäuser auf Reichtum hin. Das Haus, am Stadtrand und in Waldnähe gelegen, hat die Frau nach Angaben ihrer Tochter nicht lange vor der Tat erst erworben. Die junge Frau tritt in dem Strafverfahren als Nebenklägerin auf. Und sie kümmert sich um die 78 Jahre alte Mutter des Opfers, das vor seinem Umzug nach Kusel im Saarland gelebt hat.
Für Renovierung Schwarzarbeiter verpflichtet
Am neuen Lebensmittelpunkt hat die Frau offenbar einiges baulich verbessern wollen. Und dafür hatte sie einen 57-jährigen Mann engagiert, der wiederum seinen Kumpel als Verstärkung mitgebracht hatte. Gemeinsam war das Duo in der Bau- und Renovierungsbranche tätig, Lohn gab’s in der „Firma“ ohne jeden Abzug – nach der Tat hat der 57-Jährige wohl gegenüber der Polizei ziemlich reinen Tisch gemacht und sich entsprechend selbst belastet. Schwarzarbeit und Sozialbetrug ja, das hat er zugegeben. Mit der Tat will er nichts zu tun haben – nicht mal etwas bemerkt haben will der Kumpan.
Es sei zwar schwer vorstellbar, dass der Kamerad des Angeklagten von dem schrecklichen Geschehen am Tattag so gar nichts mitgekriegt hat. Und trotzdem ist ein Polizist davon überzeugt: Es handelt sich dabei um einen Kripobeamten, der ganz nah an den beiden dran war, die schon früh weit oben auf der Liste der Verdächtigen standen.
Verdächtigen auf Schritt und Tritt begleitet
Der Kriminalhauptkommissar schilderte vor Gericht ausführlich, wie er den Hauptverdächtigen eine Weile quasi Schritt und Tritt begleitet hat, ohne dass er dabei bemerkt worden wäre – technischer Hilfsmittel sei dank. Bei der Schilderung wurde auch deutlich, wie penibel und gleichsam raffiniert die Ermittler gearbeitet haben. Es kam zu einer Art Showdown am Tatort: Die Polizei hatte die beiden Arbeiter einbestellt, auf dass sie ihre Werkzeuge dort abholen. Dies ganz allein, um die beiden in Sicherheit zu wiegen und so zu Fehlern zu verleiten.
Der 57-Jährige habe das vereinbarte Treffen mit der Polizei in Kusel ganz locker genommen. Er habe nicht die Spur von Aufregung an den Tag gelegt, während sein Kumpel vor Nervosität kaum mehr aus noch ein gewusst habe. Doch sei alle Anspannung von dem Angeklagten abgefallen, als die Polizisten ihm erfolgreich vorgegaukelt hatten, dass sie sich gar nicht mehr für das Schwarzarbeiter-Duo interessieren.
Der Prozess wird fortgesetzt.