Kreis Kusel
Tafeln gehen auf dem Zahnfleisch
Knapp 30 Menschen stehen unruhig in einer Schlange im Hinterhof des Kuseler Industriegebiets. Manche haben kleine Kinder bei sich, andere haben ihren Hund mitgebracht. Jeder beobachtet aus den Augenwinkeln die Menschen neben und hinter sich. So, als müssten sie genau aufpassen, dass sich ja niemand vordrängelt. Alle in der Schlange tragen große Einkaufstaschen. Diese sind leer. Noch. In fünf Minuten öffnet die Ausgabestelle der Kuseler Tafel. Die Leute treten nach vorne. Bei vielen sind Ungeduld und Anspannung spürbar.
Ausgabestellenleiterin Ingrid Becker lässt sich im Innenraum hinter dem Schalter die Berechtigungsscheine zeigen. Dann gehen die Kunden an die Stationen im Hof und packen sich Lebensmittel in ihre Taschen. „Die Kundenzahl hat sich in den vergangenen zwei Jahren – vor allem seit dem Ukraine-Krieg – mehr als verdoppelt“, berichtet Geschäftsführer Wolfram Schreiner. Derzeit versorgt die Kuseler Tafel rund 800 Personen, darunter 260 Ukrainer. „Bis jetzt konnten wir einen Aufnahmestopp vermeiden“, sagt Schreiner erleichtert. Sollte sich die Situation weiter verschärfen, könne sich das ändern. Pro Ausgabetermin werden 120 bis 160 Familien im Hinterhof neben dem Sozialkaufhaus versorgt.
Lebensmittel stammen auch von außerhalb
Die Lebensmittel sind knapp. „Nur von dem, was in den Geschäften abfällt, könnten wir keine Ausgabe stemmen. Aber wir versuchen, niemanden wegzuschicken“, sagt Schreiner. Deshalb nutze er das Netzwerk der Tafel, um an Lebensmittel von auswärts zu gelangen. Auch Privatspenden und Lebensmittelspenden durch den Rotary und Lions Club seien immer hilfreich.
Rund 40 Helfer richten die Kisten für die Bedürftigen einen Tag vor der Ausgabe, 15 von ihnen fahren auch aus. Die Ausgaben finden dienstags, 16.30 bis 17.30 Uhr, und donnerstags, 11 bis 12 Uhr, statt. Diese Termine können sich zwischen den Jahren eventuell um einen Tag verschieben, falls das Lager nach den Feiertagen erst wieder gefüllt werden muss, so Schreiner.
Tafel versorgt fünfmal so viele bedürftige Familien
Bei der Schönenberg-Kübelberger Tafel hat sich die Anzahl der versorgten Familien mehr als verfünffacht, informiert Tobias Weber, der bei der VG für die Tafel zuständig ist. Mitte 2021 waren 35 Bedarfsgemeinschaften gelistet. Hinter dieser Zahl standen 54 Erwachsene und 28 Kinder. Aktuell versorgt die Einrichtung 189 Familien, zu denen 311 Erwachsene und 262 Kinder gehören. Weber führt die Steigerung ausschließlich auf geflüchtete Ukrainer zurück.
Als die Lebensmittel aus den Märkten weniger wurden, hätten die Ehrenamtlichen Nahrungsmittel zukaufen müssen, sagt Weber. Die Kosten dafür seien durch Spenden von Privatleuten im höheren vierstelligen Bereich aufgefangen worden. Bedarf habe es vor allem bei Butter, Käse und Joghurt gegeben, berichtet Erika Scheuer. Sie leitet die Ausgabestelle an der Straße Zum Krämel 7 in Brücken. Dort können sich Berechtigte dienstags von 10 bis 11 Uhr und donnerstags von 16 bis 17 Uhr Lebensmittel abholen. Die Tafel-Ausgabestelle ist von Heiligabend bis 2. Januar geschlossen. Um die Schließungswoche zu überbrücken, erhalten die Kunden bei der letzten Ausgabe davor einige Lebensmittel mehr, versichert Scheuer.
Aufnahmestopp dauert vier Monate an
Die Lauterecker Tafel nimmt schon seit Ende August keine Neukunden mehr an. Der Aufnahmestopp wurde vom Vereinsvorsitzenden Hans Habermann verkündet. Eine Lockerung zwischendurch habe sich als Fehlschlag erwiesen. „Wir haben im Oktober kurz aufgemacht. Nach einer halben Stunde waren es schon wieder zu viele“, sagt er. Im Januar will die Einrichtung neue Bedürftige aufnehmen. Die Lage entspanne sich zwischenzeitlich, da einige Kunden aus Syrien, Afghanistan und Pakistan wegfielen. Ukrainer würden in Arbeitsverhältnisse vermittelt und seien dann nicht mehr für einen Besuch bei der Tafel berechtigt, erklärt der ehemalige Bürgermeister der Verbandsgemeinde Lauterecken. Derzeit sind bei der Lauterecker Tafel 167 Bedarfsgemeinschaften gelistet. Zu diesen gehören 294 Erwachsene und 185 Kinder. 60 Familien (184 Personen) stammen aus der Ukraine.
Lebensmittel aus den Märkten und Bäckereien seien ausreichend vorhanden, beruhigt Habermann. Außerdem sei die Hilfsbereitschaft vor Weihnachten enorm. Zahlreiche Spenden von Firmen, Stiftungen und Privatleuten hätten die Lauterecker Tafel erreicht. Die Kinder des Kindergartens Bosenbach sowie Mädchen und Jungen der Grundschule am Königsberg in Wolfstein hätten fleißig Spenden gesammelt. Rund 80 Weihnachtspäckchen haben die Grundschüler für bedürftige Kinder verpackt, berichtet Schulleiterin Birgit Gehm-Schmitt.
Außerdem hat die Lauterecker Tafel 280 Weihnachtstüten für ihre Kunden der Bittmann-Stiftung aus Meisenheim zu verdanken. Der Tafel war freigestellt, mit welchen Lebensmitteln sie die Tüten füllt, die Stiftung stellte das Geld zur Verfügung. Nur eine Bedingung gab es: „Es sollte etwas drin sein, was über die normale Lebensmittelausgabe unter der Woche hinausgeht, weihnachtlich sollte es sein und schon an der Verpackung erkennbar“, betonte Stiftungsvorstand Eugen Krax.
Das Idar-Obersteiner Energieunternehmen OIE hat der Kuseler und der Lauterecker Tafel jeweils 750 Euro gespendet. „Das Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter ist bewundernswert und auf keinen Fall selbstverständlich“, sagt OIE-Vorstand Ulrich Gagneur.
Helfer sind nur ausreichend, wenn keiner fehlt
Doch es gibt auch unerfreuliche Entwicklungen bei der Tafel. „Die Helfer sind knapp“, sagt Habermann. 13 Fahrer und 16 Helferinnen zähle sein Team an Ehrenamtlichen derzeit. „Wenn keiner krank ist, geht’s noch. Aber viele von ihnen sind schön älter als 70 Jahre, die können nicht immer so viel leisten“, erläutert der Vorsitzende.
Dienstags können sich Berechtigte von 10 bis 11 Uhr in der Saarbrücker Straße kostenlose Lebensmittel abholen. Donnerstags ist die Ausgabe von 15.30 bis 16.30 Uhr geöffnet. Zwischen den Jahren ist die Abholung nur am Donnerstag, 29. Dezember, möglich, informiert Habermann. Bei allen drei Tafeln müssen die Berechtigten bei jedem Besuch drei Euro zahlen.