Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Sprach-Kitas vor dem Aus: Zwei Kita-Leiterinnen berichten von dem Programm

Kita-Leiterin Susanne Schillo-Kastenmeier und Pfarrerin Isabell Aulenbacher vor dem Katharina-von-Bora-Haus, dem Übergangsquarti
Kita-Leiterin Susanne Schillo-Kastenmeier und Pfarrerin Isabell Aulenbacher vor dem Katharina-von-Bora-Haus, dem Übergangsquartier der Albert-Schweitzer-Kita. Am Mittwoch erhielten Interessierte hier Infos zur Aktion »Sprach-Kitas retten«.

Ab nächstem Jahr will der Bund Sprach-Kitas nicht mehr fördern. Erzieher kämpfen für den Erhalt. Die Kuseler Kita-Leiterinnen Susanne Schillo-Kastenmeier und Steffi Contes berichten von ihren Erfahrungen und erzählen, was ein Ende des Programms bedeuten würde.

Immer mehr Kinder haben Defizite bei der Sprachentwicklung, beobachtet Steffi Contes, Leiterin der Integrativen Kita der Lebenshilfe in Kusel. Einen Grund sieht sie darin, dass in vielen Familien heutzutage weniger gesprochen wird. Dass daheim zudem nicht mehr so viel vorgelesen werde, liege wohl am Zeitmangel. Viele Eltern seien in Vollzeit berufstätig. Umso wichtiger sei es, dass die Kleinen in der Kita entsprechend gefördert werden.

Das Bundesprogramm Sprach-Kita, das 2016 ins Leben gerufen wurde, richtet sich insbesondere an Kindertagesstätten, die einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit sprachlichem Förderbedarf haben, erklärt das Bundesfamilienministerium auf seiner Internetseite. Jede Sprach-Kita hat eine zusätzliche Fachkraft, die im Verbund mit anderen von einer externen Fachberatung begleitet wird. Das Programm läuft Ende des Jahres aus, der Bund will im nächsten Haushalt die Gelder streichen. Es regt sich Widerstand.

Auch Inklusion, Familienarbeit und Digitalisierung

„Durch die zusätzliche Ressource haben wir die Möglichkeit, an Themen dranzubleiben“, erzählt Contes. Wo früher etwa die Vorlesestunde mal ausfallen musste, weil jemand erkrankt war und die vorgesehene Erzieherin aushelfen musste, ist nun eine zusätzliche Fachkraft da, die nicht in den Gruppendienst eingebunden ist und sich unter anderem um solche Aufgaben und Projekte kümmert. Karina Aulenbacher übernimmt diese Aufgabe in der Integrativen Kita, die seit März vergangenen Jahres Spach-Kita ist. Sie stellt Bücher vor, macht Vorlesestunden, studiert Lieder mit Gebärden ein. „Wir haben viele Projekte inhaltlich angestoßen, bei denen nicht klar ist, ob wir sie schaffen, wenn die Zeitressource wegfällt“, sagt Contes.

Die Protestantische Albert-Schweitzer-Kita in Kusel ist von Beginn an beim Bundesprogramm dabei, und hat schon vorher Erfahrung mit einem ähnlichen Modell gesammelt. Leiterin Susanne Schillo-Kastenmeier ist es wichtig zu erklären, dass beim Programm neben der Sprache noch drei weitere Themen im Fokus sind: Inklusion, Zusammenarbeit mit den Familien und Digitalisierung.

Tragisch, wenn Ressource wegbricht

Die zusätzliche Fachkraft, die diese Schwerpunkte in der Albert-Schweitzer-Kita im Alltag vertieft, ist seit 2019 Myriam Fetzer. Als besonders bereichernd empfindet Schillo-Kastenmeier, dass sie neue Erkenntnisse aus den regelmäßigen Treffen mit den Fachberatungen und Kollegen von anderen Einrichtungen in die Kita hineinträgt. Außerdem schult und berät sie auch das Erzieher-Team. Mit Fetzer als zusätzlicher Kraft sei jemand da, der die Themen immer wieder in den Fokus rückt, der vor der Pandemie etwa das Eltern-Café begleitet hat, der gemeinsam mit der Leiterin neue Projektideen entwickelt. Für Schillo-Kastenmeier steht fest: „Ich finde es tragisch für uns, wenn die Ressource wegbricht.“

Sollte das Programm nicht mehr weitergeführt werden, wollen beide Kuseler Kitas ihre Projekte weiterführen. „Ich fürchte, dass das eine oder andere einschläft“, sagt Contes jedoch, die sich mit der Integrativen Kita genau wie die Albert-Schweitzer-Kita an einer Unterschriftenaktion einer bundesweiten Gruppe beteiligt hat, die für die Weiterführung der Sprach-Kitas kämpft. Weil dabei mehr als 200.000 Unterschriften gesammelt wurden, kam es vor einer Woche sogar zu einer Anhörung im Petitionsausschuss des Bundestags.

Gerangel zwischen Bund und Ländern

Die zusätzlichen Fachkräfte von den beiden Kuseler Sprach-Kitas kehren aufgrund ihrer Festanstellung zwar wieder in den Gruppendienst zurück. Andere externe Zusatzkräfte schauten sich jedoch bereits nach neuen Stellen um, wissen die beiden Leiterinnen. Deshalb müsse eine Weiterführung des Programms – wenn diese denn beschlossen werden sollte – in Contes Augen auch zeitnah entschieden werden.

Noch wird um die Förderung gerangelt: Ab kommendem Jahr sollen die Länder selbst die Förderung übernehmen, weil Kitas Ländersache sind. Als Grundlage zieht die Bundesregierung das sogenannte „Kita-Qualitätsgesetz“ heran, mit dem der Bund den Ländern vier Milliarden Euro geben will, um in die Qualität der frühkindlichen Bildung zu investieren. Das könne auch für die Sprachförderung genutzt werden. Die Übergangszeit, in der das Bundesprogramm in Länderhände gegeben werden soll, ist laut Schillo-Kastenmeier jedoch viel zu knapp bemessen. Bundesfamilienministerin Lisa Paus brachte zuletzt eine Übergangsfrist bis Mitte 2023 ins Gespräch. In einem Brief schlugen die Länder eine weitere Finanzierung durch den Bund bis 2025 vor.

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