Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Lebenshilfe-Vorstand: „Ein Mann kann sich genauso um ein Kind kümmern wie eine Frau“

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Ein Mann mit einem Kind auf dem Arm und einem an der Hand wirft einen Schatten auf eine bemalte Wand: In der Integrativen Kita im Kuseler Schleipweg arbeiten derzeit drei männliche Erzieher – von 22 Mitarbeitern. Um Jungs soziale Berufe schmackhafter zu machen, beteiligt sich die Lebenshilfe Kusel seit drei Jahren am bundesweiten Boys’ Day.

Am 3. April ist bundesweiter Boys’ Day. Mit dabei ist auch die Lebenshilfe Kusel. Vorstand Timo Schneider spricht über die Wichtigkeit von Männern in sozialen Berufen.

Herr Schneider, was hat es mit dem Boys’ Day auf sich?
Zunächst gab es den Girls’ Day, weil Mädchen beziehungsweise Frauen in den sogenannten MINT-Berufen unterrepräsentiert sind (Anm. d. Red.: Berufe, die sich unter den Begriffen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften sowie Technik einordnen lassen). Mit dem Girls’ Day will man Mädchen an diese Berufe heranführen. Das ist meiner Meinung nach eine absolut sinnvolle Sache. Gleiches Prinzip beim Boys’ Day: Die Idee dahinter ist, Jungs an Berufe heranzuführen, in denen Männer nicht so stark vertreten sind. Sie können nicht nur Ingenieur werden, sondern beispielsweise auch Erzieher oder Heilerziehungspfleger.

Das sind jene beiden Bereiche bei der Lebenshilfe Kusel, in die Jungs am 3. April reinschnuppern können. Wie sind denn die bisherigen Erfahrungen?
Wir nehmen jetzt seit drei Jahren am Boys’ Day teil. In der Integrativen Kita sind die Erfahrungen sehr gut. Da wird uns praktisch die Bude eingerannt. Für die Wohnstätte gibt es eher wenige Anfragen. Den Kita-Bereich kennt man, darunter kann man sich etwas vorstellen. Bei der Wohnstätte für Menschen mit geistiger Behinderung ist das anders. Das Thema ist für viele zu weit weg, da fehlt oft die Vorstellungskraft. Vielleicht gibt es auch Ängste, dabei ist das alles hier sehr angenehm. Wir achten auch darauf, die Jungs nicht direkt in den Pflegebereich zu schicken, sondern sie bei der Tagesstruktur mitzunehmen. So können sie mit den Bewohnern in Kontakt treten und merken: Das sind alles ganz normale Menschen wie Du und ich.

Warum ist es denn so wichtig, dass auch Männer in der Kita sowie in der Wohnstätte arbeiten?
Fangen wir mit dem Kita-Bereich an: Die Kinder sollen sehen, dass Männer wie Frauen für sie da sein können. Ein Mann kann sich genauso um ein Kind kümmern wie eine Frau, es trösten, in den Arm nehmen, ein Pflaster kleben, wenn es sich verletzt hat, oder ihm die Windeln wechseln. Frau- und Mannsein bedeutet da nichts Gegenteiliges. Die Kinder sollen merken, dass sich Jungen nicht gegenteilig verhalten müssen. Aus Studien weiß man auch, dass es fachlich keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Bloß die Risikobereitschaft ist bei Männern vielleicht etwas größer (lacht). Männer reagieren vielleicht ein bisschen später, wenn ein Kind beispielsweise irgendwo hochklettert.

Und in der Wohnstätte?
Da gilt im Prinzip dasselbe. Außerdem ist es dort auch wichtig, dass es Männer als Ansprechpartner für die Bewohner gibt. Beispielsweise wenn es um die Themen Gesundheit und Sexualität geht. Da wird auch mal das Gespräch von Mann zu Mann gesucht. Es geht aber auch noch um andere ganz profane Dinge: So ist etwa der Umgang mit Männern oft anders als mit Frauen. Zwar möchte ich keine Stereotypen bedienen, aber Fußball-Gespräche sind ein typisches Beispiel. Wobei ich betonen will, dass die Organisatorin unseres FCK-Fanclubs eine Frau ist (lacht). Ein anderer profaner Punkt ist die Körperlichkeit. Wir haben hier Hilfsgeräte, wenn beispielsweise jemand aus dem Bett fällt. Aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen kann ein Mann oft schneller helfen. Das ist schon hilfreich.

Wie viele Männer arbeiten denn in der Wohnstätte?
Mit der Leitung zusammen sind es vier Männer von 24 Mitarbeitern. Wir haben die Erfahrung in der Wohnstätte gemacht, dass die männlichen Mitarbeiter häufiger in Leitungspositionen wechseln.

Hat das einen bestimmten Grund?
Ich denke, Männer trauen sich das eher zu. Frauen sind da oft zurückhaltender, wenngleich sie genauso qualifiziert sind.

Timo Schneider, hauptamtlicher Vorstand der Lebenshilfe Kusel.
Timo Schneider, hauptamtlicher Vorstand der Lebenshilfe Kusel.

Wie viele männlichen Erzieher gibt es denn in der Integrativen Kita?
Leider nur noch drei von 22 Mitarbeitern.

Was hält Ihrer Meinung nach Männer denn davon ab, den Beruf des Erziehers oder Heilerziehungspflegers zu ergreifen?
Ich glaube, zum einen ist es die Angst, dass man in dem Bereich nicht gut genug verdient. Dabei hat sich da schon einiges verbessert. Zum anderen ist es aber auch die fehlende Anerkennung in der Gesellschaft. Wenn in einer Männerrunde über den Beruf gesprochen wird und der eine erzählt, er ist Ingenieur, der nächste Gas-und-Wasserinstallateur et cetera, und dann kommt der Erzieher, gehen vermutlich die Augenbrauen erstmal hoch und er wird ein bisschen belächelt. Die klassische „Care-Arbeit“ wird nach wie vor als Frauenberuf verkauft, vielen Jungen fehlt da einfach der Berührungspunkt. Deshalb finde ich auch den Boys’ Day so wichtig.

Das bedeutet, es müsste sich vor allem etwas an der gesellschaftlichen Einstellung ändern, dass die Berufsbilder für Männer attraktiver werden?
Ja, vor allem die Anerkennung der Berufe müsste erhöht, Stereotype und Vorurteile abgebaut werden. Und allgemein müssten die Gehälter in der Branche noch besser werden. Die Bandbreite der Berufe des Erziehers und des Heilerziehungspflegers wird auch gerne mal unterschätzt. Gerade bei uns begleiten sie Menschen durch die verschiedensten Lebenssituationen. Da gehören viele verschiedene Aufgaben dazu. Das erfordert manchmal auch eine gewisse Härte und Geradlinigkeit. Es geht nicht darum, die Menschen zu betüddeln, sondern sie in Sachen Eigenständigkeit anzuleiten. Das ist nicht immer einfach.

Info

Die Lebenshilfe Kusel bietet im Rahmen des bundesweiten Boys’ Day (am selben Tag findet auch der Girls’ Day statt) am 3. April Schülern ab der fünften Klasse die Gelegenheit, mehr über zwei Berufsbilder zu erfahren. Interessierte können sich über die Internetseite boys-day.de informieren oder die Lebenshilfe Kusel direkt kontaktieren. Ingo Kubiak ist Ansprechpartner für ein Praktikum in der Heilerziehungspflege, Telefon: 06381 4372220, E-Mail: ingokubiak@lebenshilfe-kusel.de. Steffi Contes für ein Praktikum in der Integrativen Kita, Telefon: 06381 4256172, E-Mail: stefficontes@lebenshilfe-kusel.de.

Zur Person

Timo Schneider ist seit Frühjahr 2019 hauptamtlicher Vorstand der Lebenshilfe Kusel. Insgesamt 131 Mitarbeiter sind aktuell für die Lebenshilfe tätig, die meisten im ambulanten Bereich wie der Integrations- und Erziehungshilfe. Darüber hinaus leben momentan 43 Bewohner in den neuen Räumlichkeiten in der Kuseler Lehnstraße, die die Lebenshilfe 2024 bezogen hat.

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