Kusel
Kläranlage Kusel: Von Handtaschen, Gebissen und Faulturmtauchern
Es war im vergangenen Jahr das Thema, das die Menschen in der Landkreis-Mitte beschäftigt hat: die gestiegenen Gebühren und Beiträge für Wasser und Abwasser. Vor allem der Bereich Abwasser ist zumeist mit hohen Kosten verbunden. Wenn’s etwa um Kanalsanierungen geht, stehen schnell hohe Summen im Raum. Erst im Februar hat der Werkausschuss über Sanierungen mit einem Auftragsvolumen von fast zwei Millionen Euro entschieden.
Damit politische Vertreter einen persönlichen Eindruck von jenem hochkomplexen Ort erhalten, an dem das Kanalnetz zusammenfließt, hat die Verwaltung kürzlich zum Rundgang durch die Kuseler Kläranlage eingeladen. 130 Kilometer Kanalstrecke gilt es für das Team rund um Betriebsleiter Marc Fehrenz – bestehend aus sechs Facharbeitern und zwei Hilfsarbeitern – zu betreuen. 35 Pumpstationen sind nötig, um das Schmutzwasser zur Klärung zu transportieren. Das Einzugsgebiet umfasst im Wesentlichen die frühere Verbandsgemeinde Kusel, schließt Wahnwegen und Hüffler mit ein, reicht mit Schwarzerden sogar bis ins Saarland. Darüber hinaus gibt’s in der VG Kusel-Altenglan vor allem geografisch bedingt noch zwei kleinere Kläranlagen – in Herchweiler und Albessen – sowie eine in Erdesbach.
Handtaschen und Gebisse sorgen für Verstopfung
Die Kuseler Anlage am Rande des Gewerbegebiets ist bereits seit 30 Jahren der Arbeitsplatz von Abwassermeister Marc Fehrenz. An seinem 18. Geburtstag den Gesellenbrief erlangt, kennt er die komplexe Einrichtung wie seine Westentasche. Er führt an jenem Nachmittag die Besucher übers Gelände. Erste Station: das Labor. Jeden Tag werden Wasserproben dort ausgewertet und akribisch dokumentiert. Das gilt für den Zu- wie den Ablauf der Anlage. Häufig sehe man schon anhand der Farbe, sollten im Wasser Mittel wie Öl oder Jauche enthalten sein, erklärt der Abwassermeister. Werde ein solcher Stoff nachgewiesen, rücke unmittelbar ein Trupp aus und begebe sich sofort auf Ursachenforschung.
Apropos Ursachenforschung: Es ist doch recht kurios, was die Mitarbeiter gelegentlich aus dem Abwasser fischen müssen, wenn sie verstopfte Stellen entschärfen: weggeworfene Handtaschen, Damenbinden, gar Gebisse seien dabei.
Umfassende Arbeiten vor 25 Jahren
Nächster Halt: Regenüberlauf- und Vorklärbecken. Zunächst fließt das Schmutzwasser der mechanischen Reinigungsstufe zu. Vereinfacht ausgedrückt, entfernen Rechen grobe Verschmutzungen wie Steine, Papier und Laub. Zusätzlich gibt es noch einen Sand- und Fettfang. Fett sowie der Schlamm, der im Vorklärbecken unter Wasser in zwei Trichter geschoben wird, sind praktisch die Leibspeisen der Bakterien im Faulturm. Sie „essen“ den Klärschlamm und produzieren dabei Klärgas, das im Blockheizkraftwerk (BHKW) in Strom umgewandelt wird. Diese Abwärme wiederum wird genutzt, um den Faulturm entsprechend zu beheizen. Der verarbeitete Schlamm wird in der Landwirtschaft verwertet.
Selbstverständlich wird auch das alles strikt beprobt, wie Fehrentz erklärt. So werde auch von den entsprechenden Feldern vorab eine Probe entnommen und es gebe genaue Anforderungen und Vorgaben.
Nach der mechanischen Reinigung steht jedoch zunächst einmal die biologische Reinigung an. Heißt: Vom Vorklärbecken geht’s in die Belebungsbecken. Während das Schmutzwasser sowie der Belebtschlamm in dem einen Teil umgewälzt werden, sorgen Belüftungsplatten im anderen Teil für zusätzlichen Sauerstoff, der zugeführt wird. Der wird von den Bakterien nämlich für die Reinigung des Wassers benötigt. Die Belüftungsplatten sind erst kürzlich erneuert worden. Immerhin hat die Kuseler Anlage schon einige Jahre auf dem Buckel. Knapp 25 Jahre ist es her, dass die Kläranlage am Rande der Kreisstadt umfassend saniert und erweitert worden ist. Annähernd vier Jahre dauerte die Um- und Neubauphase, rund acht Millionen Euro hat die Verbandsgemeinde damals locker gemacht, um die Anlage zu erweitern sowie auf den neuesten technischen Stand zu bringen.
Künftig sollen auch Arzneispuren entfernt werden können
Das war praktisch unumgänglich. Etwa zu jener Zeit etablierte sich die gesetzlich vorgeschriebene dritte Reinigungsstufe zur gezielten Entfernung von Stoffen wie Phosphate und Stickstoffe.
Heutzutage beschäftigt die Fachwelt die sogenannte vierte Reinigungsstufe, die sich mit der Entfernung von Spurenstoffen wie Medikamente, Reinigungsmittel und Kosmetika aus dem Wasser befasst. Nach einer brandneuen EU-Richtlinie müssen größere Kläranlagen künftig mit einer solchen zusätzlichen Reinigungsstufe ausgestattet sein. Wie Benjamin Fauß, stellvertretender Werkeleiter der VG, erklärt, gilt die Verpflichtung zunächst vor allem für große Anlagen, die eine gewisse Bevölkerungsanzahl abdecken. „Alle anderen sollen aber nachziehen“, sagt er auch mit Blick auf Kusel. Und Werkeleiter Kai Becker ergänzt, die Verwaltung sei bereits von der Struktur- und Genehmigungsdirektion angeschrieben worden. Eine vierte Stufe solle geplant und eingerichtet werden.
Was die neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie ebenfalls enthält: verschärfte Grenzwerte für Phosphor und Stickstoff. Deshalb muss in Kusel in den kommenden Monaten die sogenannte P-Fällung (Phosphatfällung) erneuert werden, die Phosphor aus dem Abwasser entfernt. Kosten in Höhe von 350.000 bis 400.000 Euro stehen hierfür im Raum.
Lange Pumpenkeller sorgen für „Wow“-Effekt
„Die Bakterien werden von uns gut behandelt“, sagt Fehrenz zwinkernd, während die Gruppe den bräunlichen Wasserfall begutachtet und ins sieben Meter tiefe Belebungsbecken hinabblickt. Bakterien von einer anderen Anlage seien noch keine benötigt worden. Umgekehrt seien jedoch schon Mitarbeiter anderer Kläranlagen in Kusel vorbeigekommen, um den eigenen Stamm aufzupäppeln. „Animpfen“ nennt man das in der Fachsprache.
Dann geht’s auch schon weiter. Nach einem Blick in die runden Nachklärbecken steigt die Gruppe hinunter in die langen Pumpenkeller. Ziemlich laut ist es dort unten, was kein Wunder angesichts der vielen Maschinen, Geräte, Rohre und Pumpen ist. Praktisch die gesamte Anlage ist unterkellert, auch unter der Straße führt der Gang durch. Hier ein Blick in die Verteilerstation des BHKW, da ein kurzer Zwischenstopp im Schaltraum. Bevor’s wieder hinaus in die Mittagshitze geht, gibt’s aber noch ein paar Infos rund um die beiden Faultürme: Der Schlamm, der bei der mechanischen wie der biologischen Reinigung anfällt, wird zum Ausfaulen in die Türme gepumpt, die im Zuge der Erweiterung vor knapp 25 Jahren optimiert wurden. Verarbeiteter Schlamm, der später weiterverwertet wird, sowie Klärgas entstehen, das im BHKW umgewandelt wird. Einen stattlichen Teil der Energiekosten habe man dadurch senken können. Um künftig noch energiesparender beziehungsweise grüner unterwegs zu sein, sei derzeit eine Studie am Laufen.
Tauchen bei Dunkelheit und hohen Temperaturen
Was aber, wenn es in den rund 15 Meter tiefen Faultürmen zu Ablagerungen, Verstopfungen und Verzopfungen kommt? Dann müssen in gravierenden Fällen spezielle Kläranlagen- beziehungsweise Faulturmtaucher gerufen werden, erklärt Fehrentz. Diese sind mit spezieller Ausrüstung ausgestattet und arbeiten unter schwierigen Bedingungen – bei völliger Dunkelheit und hohen Temperaturen.
Zum Abschluss geht’s ins Büro, von wo aus der Abwassermeister über Monitore die Anlage gut überblicken, eventuelle Störungen schnell wahrnehmen kann. Viel Lob gibt’s für Fehrenz und sein Team. Denn eins ist spätestens jetzt ganz deutlich geworden: Die Kläranlage mit all ihren komplexen Vorgängen ist unverzichtbar für eine funktionierende Entsorgungsinfrastruktur und trägt maßgeblich zum Umweltschutz bei.