Glanbrücken
Kalt? Egal! Warum Dehnen vorm Joggen nicht nötig ist
Der Montagmorgen ist immer besonders hart. Draußen wird’s gerade hell und eigentlich könnte man sich im Bett noch mal umdrehen. Zumal der Arbeitsbeginn ja noch gut zwei Stunden auf sich warten lässt ... gut, dass ich nicht alleine trainiere! Günther Bergs, der Bewegungsmanager des Landkreises, ist an meiner Seite. Vermutlich würde er mich bei Nichterscheinen am Treffpunkt sogar persönlich aus dem Bett holen. Damit es nicht so weit kommt, strecke ich mich noch mal und wundere mich dabei, dass wir uns vor unserem Lauftraining überhaupt nicht dehnen. Diese Übungen waren in Sportstunden immer fester Bestandteil und beim morgendlichen Training ist es meistens recht frisch ...
„Dehnen ist im Ausdauersport ein Reizthema“, sagt Günther Bergs, als ich ihn kurze Zeit später bei ihm im früheren Laufladen darauf anspreche. Er selbst sei weder dafür noch dagegen. Allerdings brauche es einen richtigen Umgang damit. Bergs, der seit gut 20 Jahren als Lauftherapeut arbeitet, betont vorab, dass er seine Aussagen rein aufs Laufen bezieht – „nicht auf den Kraftsport und nicht aufs Tanzen oder andere Sportarten“.
„Ich werde mir doch nicht die Spannung wegdehnen“
Er holt ein wenig aus: „Durch Ausdauertraining stellen wir eine gewisse Grundspannung der Muskulatur her.“ Deshalb erkenne ein geschultes Auge am Gang, „wenn jemand nur im Bürostuhl sitzt und sich ansonsten kaum bewegt“. Doch die Grundspannung entwickele sich durch Training und werde fürs Laufen gebraucht. „Stellt sich die Frage, wann man sich dehnen sollte“, sagt Bergs, „etwa vor dem Lauf?“ Dann nehme man der Muskulatur eben diese Grundspannung. „Vorm Ausdauerwettkampf sollte man nicht in die Sauna gehen, sich keine Massage gönnen und auch aufs Dehnen verzichten. Dadurch verändert sich die Körperspannung.“ Vor langen Läufen ziehe er sich lieber allein zurück: „Ich werde mir doch nicht vorm Start die Spannung wegdehnen.“ Während eines Laufs könnten Dehnübungen allerdings bei Krämpfen helfen.
Bleibt noch das Dehnen danach. Ein Muskelkater, also mikroskopisch kleine Risse im Gewebe, merke man erst am Tag darauf. „Direkt nach dem Lauf merke ich noch nicht, ob ich vielleicht solche kleinsten Risse habe“, mahnt Bergs, „und dann kann es sein, dass ich gerade die noch dehne.“ Auch das sei kontraproduktiv. Und nach dem Lauf zu dehnen, um einem Muskelkater vorzubeugen, funktioniere ebenfalls nicht: „Entweder ich habe die Risse oder nicht.“
Dehnen möglichst in der Regenerationsphase
Seiner Meinung nach ist – im Ausdauersport – das Dehnen in der Regenerationsphase zwischen Trainingseinheiten oder Wettkämpfen sinnvoll: Gymnastik, Sauna, Yoga und Dehnübungen seien dann denkbar. „Aber nicht bei Muskelkater“, warnt der Lauftherapeut. Er berichtet, dass in keiner Sportart so übers Dehnen (und andere Themen) diskutiert wird wie im Laufsport: „Laufpäpste stehen mittlerweile an allen Ecken.“
Als Läufer völlig ohne Wettkampfambitionen beruhigt mich, dass ich aufs Dehnen verzichten kann. Auch weil ich es noch nie geschafft habe, im Stehen meine Zehen zu berühren. Bergs: „Beim Joggen, wie wir das machen, gehen wir ja zunächst ein bisschen. Da stellt sich der Körper ein und das langsame Steigern macht den Organismus warm.“ Ähnlich wie bei Fußballern, die vorm Training einige Runden um das Spielfeld drehen.
Im Sportunterricht wäre nach diesem Theorieteil jetzt schon Schluss gewesen, doch Bergs schont mich nicht. Für eine halbe Stunde ist jetzt der praktische Teil angesagt. Auf dem Weg zur Dusche daheim bin ich ein klein bisschen stolz, mich noch vorm Beginn der Arbeitswoche gequält zu haben.
Die Serie
In der Reihe „Laufen, ohne zu schnaufen“ gibt RHEINPFALZ-Redakteur Benjamin Ginkel Einblicke in sein Lauftraining mit Lauftherapeut Günther Bergs. Ziel ist es, im Januar eine halbe Stunde ununterbrochen Laufen zu können.
In der Serie bereits erschienen sind
Teil 4: Lauftraining für Anfänger: Wenn der Fotograf schneller spaziert, als der Chef läuft
Teil 3: Waldboden in der Sohle: Was gute Schuhe für ein Lauftraining ausmacht
Teil 2: Glatzkopf-Trick und obdachlose Spinnen: Erste Lauftrainingseinheiten eines Sportmuffels
Teil 1: Treppe 1 – bgi 0: Wie ein Redaktionsleiter ins Lauftraining stolperte