Glanbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Lauftraining für Anfänger: Wenn der Fotograf schneller spaziert als der Chef läuft

Hat – im Gegensatz zum Sportunterricht früher – im Training noch keine Stunde unentschuldigt gefehlt: Laufanfänger Benjamin Gink
Hat – im Gegensatz zum Sportunterricht früher – im Training noch keine Stunde unentschuldigt gefehlt: Laufanfänger Benjamin Ginkel (links) mit seinem erfahrenen Praxisanleiter Günther Bergs.

„Ach, Schatzi*“, sagt die Frau mitleidig nach meiner Joggingrunde. Doch wer im Herbst das Laufen anfängt, der sieht sich ganz speziellen Herausforderungen ausgesetzt.

Die vierte Trainingswoche mit Lauftherapeut Günther Bergs liegt jetzt hinter mir. Bisher haben wir es stets geschafft, zweimal die Woche auf dem Radweg bei Glanbrücken zu joggen – allen Widrigkeiten (Kälte, Nässe, wichtiger Termin am Mittag) und dem inneren Schweinehund zum Trotz. Die Läufe sind fest in den Alltag eingeplant und auch im Arbeitskalender geblockt. Interessant, was die Kollegen in der Redaktion weggeschafft kriegen, wenn der Chef nicht da ist ... (Da können wir uns endlich mal konzentrieren, Anm. d. Red.)

Vergangene Woche bin ich in meinem Elan allerdings jäh eingebremst worden. Mein Fehler: Eric Sayer als Fotografen dazuzuholen. Ihn muss ich wohl kaum einer Leserin oder einem Leser der „Westricher Rundschau“ vorstellen: Mehr als zwei Meter groß ist er seit Jahrzehnten für viele DAS Gesicht der RHEINPFALZ im Kreis Kusel, eine wichtige Stütze der Redaktion. Und ein erfolgreicher Laufsportler. Klar, dass das Aufeinandertreffen mit dem blutigen Anfänger nicht ohne Sprüche abging ...

Da spaziert er entspannt nebendran her

Hart getroffen aber hat mich, dass ich – schwer atmend, langsam joggend – von einem tiefenentspannten Eric Sayer überholt werde, der neben mir spaziert. Ja, er ist gegangen! Da flaniert er einfach so neben mir, während ich den Mund halte, um Luft zu sparen. Manchmal geht (!) er sogar noch ein bisschen schneller, um von vorne ein Foto zu schießen. Dass ein Sayer-Schritt die Spannweite von zwei oder drei Schritten anderer Menschen hat, tröstet mich da wenig. „Kopf hoch“, sagt Lauftrainer Bergs, „nicht ablenken lassen.“

Abgesehen von dieser vernichtenden Erfahrung mit „say“ bin ich mit meinem Fortschritt in den vergangenen Wochen zufrieden – zumal wirklich eine Entwicklung zu bemerken ist. Das bemerkt offenbar auch Bergs, der mir prompt eine Hausaufgabe fürs Wochenende mit auf den Weg gibt: eine weitere Trainingseinheit, die ich alleine absolviere. Samstags werden die Laufschuhe nun also ein drittes Mal geschnürt. Dafür gibt Lauftherapeut Günther Bergs mir einen Mini-Trainingsplan an die Hand: Eine halbe Stunde abwechselnd laufen und gehen – in einem strengen Zeitkorsett.

Am Wochenende Wind und Wetter getrotzt

Also Trainingshose und Laufschuhe an – und los geht’s! Eben war das Wetter noch okay, herbstlich trüb und kühl, schon fallen die ersten Regentropfen. Allein laufe ich schneller und merke entsprechend, dass mir schon bald die Puste ausgeht. Ein Fehlstart? Lieber abbrechen? „Wir hören in der halben Stunde nicht auf“, betont Bergs immer, „wir laufen nur langsamer.“ Ich drossele das Tempo und halte die vorgegebenen Zeiten ein. Am Wegesrand schauen mir Schafe zu. Wie lang können drei Minuten bitte sein? Es regnet stärker. Und es windet. Hilft aber nix, da ich gerade denkbar weit von zu Hause entfernt bin.

Gegen Wind und Regen, Kälte und bohrende Blicke der Schafe geht’s zurück. Am Ende fällt noch ein steiles Stück Straße in das zeitlich vorgegebene Lauf-Intervall. Megaanstrengend! Fix und fertig daheim angekommen, öffnet meine Frau die Tür: „Ach, Schatzi*“, sagt sie in dem Tonfall, den sie früher draufhatte, wenn ein Kind mit wundem Knie vor ihr stand. „Ich bin stolz auf Dich.“ Ich bin’s auch ein wenig.

*Kosename von der Redaktion geändert

Info: Tipps für das Laufen bei Dunkelheit

Dass es im Herbst und Winter so früh dunkel wird, das stört den Lauftherapeuten Günter Bergs nicht. Er rät: „Bereits bei beginnender Dämmerung sollte man mit Beleuchtung laufen, mit einer Stirn- oder einer Brustlampe.“ Es gehe dabei um die eigene Sicht, aber auch ums Gesehenwerden. Vor allem entlang oder beim Überqueren von Straßen. „Ich sehe ja noch, also brauche ich kein Licht“ sei kein guter Leitsatz.
Zusätzlich könne man leuchtende Armbänder tragen. Stirnlampen mit externem Akku am Hinterkopf haben eine rote Rückleuchte. Damit wird man an Straßen oder auf Radwegen auch von hinten gesehen, die eigene Sicherheit wird erhöht. Bergs: „Bei Begegnungen mit anderen Läufern und Spaziergängern sollte man nicht mit der Stirnlampe in deren Gesichter leuchten, stattdessen den Blick abwenden.“ Das gelte auch bei Hunden: „Lichtkegel nach vorne auf den Boden, nicht in Augenhöhe anderer.“ Die Leuchtkraft allein sei nicht entscheidend, sagt Bergs: „Hell ja, aber wir brauchen kein Flutlicht beim Joggen.“
Und schon beim Kauf gelte es, auf Bedienbarkeit zu achten. „Kaum ertastbare Miniknöpfchen sind während des Laufens oder gar mit Handschuhen schlecht zu bedienen“, warnt Bergs. Eine Stirnlampe brauche auch keine Menüführung: „Die soll verlässlich leuchten, sonst nichts.“

Die Serie

In der Reihe „Laufen, ohne zu schnaufen“ gibt RHEINPFALZ-Redakteur Benjamin Ginkel Einblicke in sein Lauftraining mit Lauftherapeut Günther Bergs. Ziel ist es, im Januar eine halbe Stunde ununterbrochen Laufen zu können.

In der Serie bereits erschienen sind

Teil 3: Waldboden in der Sohle: Was gute Schuhe für ein Lauftraining ausmacht

Teil 2: Glatzkopf-Trick und obdachlose Spinnen: Erste Lauftrainingseinheiten eines Sportmuffels

Teil 1: Treppe 1 – bgi 0: Wie ein Redaktionsleiter ins Lauftraining stolperte

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