Kusel
Die Ära Harald Dinges ist (fast) zu Ende
In seinen (Fast)-Ruhestand begleiten den Kuseler Orthopädie-Crack Harald Dinges viele gute Wünsche. Einer jedoch ist speziell und hängt mit der jahrzehntelangen Freundschaft mit einem Chefarzt-Kollegen zusammen. Dessen Wunsch lautete: Mainz 05 und der 1. FCK mögen in einem Derby aufeinandertreffen. Wie dieses ausgehen soll, blieb allerdings offen. Die Rede ist natürlich vom Fußball, aber auch von der Verabschiedung des Chefarztes der Klinik für Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie am Standort Kusel des Westpfalz-Klinikums.
Nach gut 30 Jahren in Kusel war es am Freitag so weit. Obwohl schon länger im regulären Rentenalter, nahm Harald Dinges nun mit 70 Jahren und mehreren Vertragsverlängerungen seinen Hut. Dazu waren in die Cafeteria des Klinikums viele Weggefährten gekommen, aktuelle und auch ehemalige. Ein Abschied für immer war es aber nur am Standort Kusel. Im Medizinischen Versorgungszentrum des Westpfalz-Klinikums in Kaiserslautern wird der Orthopäde künftig als Facharzt noch ambulant tätig sein.
Huber: Bei allen beliebt
Was Harald Dinges in seiner Kuseler Zeit bewirkt hat, fasste Landrat Johannes Huber (CDU) mit jenen Worten zusammen, die vielen in den Sinn kamen: „Eine Ära geht zu Ende.“ Der Mediziner habe das Krankenhaus geprägt und weit über die Region hinaus bekannt gemacht. Dinges’ Klinik genieße einen hervorragenden Ruf, und das nicht nur in Fachkreisen, sondern ebenso bei den Patienten. Diese, so Huber, verbänden Hilfe, Vertrauen und eine neue Lebensqualität mit dem Namen Harald Dinges. Bei seinen Mitarbeitenden seien es Verlässlichkeit und Orientierung.
Dass er Orthopäde werden will, daran hatte Dinges nie Zweifel. „Zum einen wollte ich nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen arbeiten.“ Hinzu kam, dass er ein leidenschaftlicher Sportler war und ist. Deshalb lag es für ihn auf der Hand, ein Fach zu wählen, „das operative Eingriffe, konservative Therapien, Sportmedizin und moderne Prothetik vereint“. Genau auf diese Mischung vertraute auch der 1. FCK, dessen Mannschaftsarzt Dinges über viele Jahre hinweg war.
Nur beim Fußball Rivalen
Womit der Bogen wieder zu jenem Chefarzt-Kollegen geschlagen wäre, der bei der Verabschiedung ans Rednerpult trat: Philipp Drees, Klinikdirektor des Zentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Wissenschaftlicher Vorstand und Dekan an der Uni-Medizin Mainz. Diese wiederum arbeitet eng mit der medizinischen Abteilung von Mainz 05 zusammen. Er sei zum ersten Mal in Kusel, sagte Drees am Freitag – „zum Abschied eines sehr Großen in der Rheuma-Orthopädie“.
Seine Karriere gestartet hatte dieser Große nach dem Medizinstudium in Homburg und Mannheim am Evangelischen Krankenhaus in Bad Dürkheim. Von dort aus ging es zur Facharztausbildung am Diakonie-Krankenhaus in Bad Kreuznach, seinerzeit unter Heiner Thabe, Chefarzt für Orthopädie und Rheumatologie, eine der renommiertesten Kliniken in diesem Bereich. Mitte der 1990er-Jahre, als die Westpfalz-Klinikum GmbH durch die Fusion mit dem Kreiskrankenhaus Kusel gegründet wurde, kam Dinges schließlich in die Westpfalz. Erst als Berater für die Fusion, weil gleichzeitig eine Klinik für Orthopädie mit dem Schwerpunkt Rheumatologie etabliert werden sollte, dann als deren Chefarzt. Sein Interesse an dieser damals neu geschaffenen Stelle sei durch die Beraterfunktion „mehr und mehr geweckt worden“.
„Hat Pionierarbeit geleistet“
„Zu Beginn war es eine Rheuma-Orthopädie“, erinnerte denn auch Thorsten Hemmer, Geschäftsführer des Westpfalz-Klinikums, folgerichtig. Die Pionierarbeit Dinges’ sei es gewesen, das Angebot zu dem zu entwickeln, was es heute sei, inklusive eines Endoprothetikzentrums der Maximalversorgung als höchste Versorgungsstufe.
Hemmer vergaß aber nicht, die zahlreichen Nebentätigkeiten zu erwähnen, mit denen der scheidende Chefarzt dem Standort Kusel ebenso ein Gesicht verliehen habe. Er habe den Kontakt zu den niedergelassenen Ärzten gesucht, Vorträge vor Laien und Experten gehalten, sei „ein Netzwerker durch und durch“ und werde nicht nur als Chirurg, sondern eben gerade auch als Kümmerer geschätzt. „Sie übergeben die Klinik in einem Top-Zustand“, bescheinigte der Geschäftsführer dem Chefarzt, auch mit Blick auf die laufende Krankenhaus-Reform.
Patienten im Mittelpunkt
„Ich kann wieder laufen.“ So mancher Gast der Abschiedsfeier in der Cafeteria dürfte im Stillen beigepflichtet haben, als Karlheinz Seidl, Ärztlicher Direktor des Westpfalz-Klinikums, diese persönlichen Worte an Harald Dinges richtete. Auch er sei Patient des Orthopäden gewesen, und wie die FCK-Spieler habe er auch ihn wieder in Bewegung versetzt. Darüber hinaus war Dinges aber auch der Stellvertreter Seidls, „und das immer mit dem gemeinsamen Ziel der bestmöglichen Versorgung der Patienten“. Dass Harald Dinges dem Westpfalz-Klinikum weiter verbunden bleibt, sei, so Karlheinz Seidl, ein Geschenk. Insofern sei es kein Abschied, sondern vielmehr ein Übergang.
Allerdings kann Harald Dinges auch Fastnacht. An seine zahlreichen originellen Kostüme erinnerte Sabine Thiem, Betriebsratsvorsitzende des Westpfalz-Klinikums am Standort Kusel. Da sie als internistische Krankenschwester kaum berufliche Berührungspunkte mit dem Orthopäden gehabt hätte, habe sie sich daran erinnert, dass sie ihn beim Fasching kennengelernt habe. Aus den Buchstaben seines Nachnamens leitete die Betriebsrätin so einige Eigenschaften ab, die das Kuseler Klinikteam an ihm schätzt, wie dynamisch, inspirierend, niveauvoll, gründlich, ehrgeizig und selbstbewusst.
Erfolg ein Gemeinschaftswerk
Ohne das Team aus allen Berufsgruppen wäre seine Zeit in Kusel nicht so erfolgreich gewesen: Dinges’ Dank am Ende galt den heutigen und früheren Mitarbeitenden. Mit Sicherheit nie vergessen werde er die interne Überraschungsabschiedsparty – „das ging massiv ans Herz“.
Am 31. März hat Harald Dinges seinen allerletzten Arbeitstag. Dann wechselt sein Nachfolger David Spranz vom Universitätsklinikum Heidelberg nach Kusel. Er will die Arbeit seines Vorgängers fortsetzen, soll heißen: Kontinuität und Innovation möglichst erfolgreich verbinden.
