Kusel
Alte Gerberei: In Windeseile wächst Wohnraum aus Ruinen
Der einstige Dschungel wild wuchernden Gestrüpps ist weg, bröckelnde Steine finden sich allenfalls noch auf dem großen Schutthaufen am Rande des Areals. Der vorm gewaltig nagenden Zahn der Zeit gerettete Teil des alten Gemäuers ist durchaus noch wiederzuerkennen, allerdings schon jetzt erkennbar aufgepeppt. Fenster und ein neues Dach machen eben doch einiges her. Exakt auf altem Grundriss, aber brandneu hochgemauert: der Gebäudeteil direkt daneben. Dem Neubau hat man beim Emporwachsen fast schon zuschauen können. Erstaunlich jedenfalls, was binnen weniger Monate aus einer lange vor sich hin gammelnden Industriebrache geworden ist: Die alte Gerberei zwischen Kuselbach und Bundesstraße unweit des Musikantenkreisels verwandelt sich in Wohnraum.
Die alte Gerberei in Kusel steht für das größte Wohnungsbauprojekt in der Kreisstadt seit gut sieben Jahren. Damals hatte ein Unternehmen aus Steinwenden die Sanierung der früheren Vereinigten Kuseler Eisenwarenhandlungen (VKE) angepackt, die dann im Laufe des Jahres 2020 bezogen werden konnten. Beim derzeit laufenden Projekt werden voraussichtlich im Frühjahr 2027 die ersten neuen Nutzer einziehen. Hier wie dort handelte es sich um heruntergekommene Immobilien, die einst gewerblich genutzt worden, dann aber dem Verfall preisgegeben worden waren.
Wohnraum in Kusel ein rares Gut
Ruckzuck waren seinerzeit die Wohnungen am „Grabenpfad“ verkauft – Wohnraum ist in der Kreisstadt ein rares Gut, vor allem, wenn es sich um höherwertige Wohnungen handelt. Ähnlich in der Dimension, wenngleich anders konzipiert ist die Wohnanlage an der Bundesstraße. Dort entstehen – ein wesentlicher Unterschied – auch keine Eigentumswohnungen. Die insgesamt zehn Einheiten werden samt und sonders zur Miete angeboten.
„Ich fahre immer gern nach Kusel“, sagt der Bauherr. Und Jörg Sitter fährt seit Beginn des Jahres ziemlich oft in die Stadt – zeitweise fast täglich. Das ist von daher nötig, als der Investor beim Bau persönlich Regie führt. „Es macht einfach Spaß“, sagt der Mann, der rein zufällig auf die Brache in bester Lage gestoßen war und genau das angepackt hat, wovon in Reihen der Stadtspitze schon seit vielen Jahren immer mal wieder die Rede war: Sitter haucht einem gut vier Jahrzehnte lang dem Verfall preisgegebenen Areal wieder Leben ein.
Jörg Sitter ist von Fach, hat fast drei Jahrzehnte in verantwortlicher Position bei eben jener Firma gearbeitet, die das Grabenpfad-Projekt in die Tat umgesetzt hatte. Der Gimsbacher ist zudem als Gebäudeenergieberater tätig – klar, dass er sein Vorhaben energetisch optimieren möchte. Die Photovoltaikanlage ist geraume Zeit schon installiert. Was die Dämmung betrifft, gibt es im Neubau ohnehin keinerlei Probleme.
Knifflig war da eher die Sanierung des Bestandsgebäudes. Das mit dem Giebel zur Bundesstraße stehende Gemäuer hatte zuletzt ein Sanitärgeschäft beherbergt. Da sind die Mauern nie so ganz im Lot gewesen, sind rechte Winkel alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Sitter hat die Unebenheiten belassen – und nebenan sogar den Neubau auf den alten Gebäudegrundriss gesetzt. Erklärtes Ziel war ja auch, die Charakteristik des früheren Gewerbekomplexes zu bewahren.
Die Bruchbude behält also ihre Form, wird aber schon bald hochwertigen Wohnraum beherbergen. Insgesamt zehn Wohnungen entstehen auf zwei Etagen. Die größeren finden sich im Neubau, die kleineren im Bestandsgebäude. An der Schnittstelle klafft zur Südseite hin zurzeit ein respektables Loch in der Wand: Dort wird ein Aufzug angebaut – selbstverständlich sollen alle Wohnungen barrierefrei erreichbar sein, versichert der Bauherr. Momentan wird noch schwer auf dem Bach gewerkelt, der Aufzug kommt demnächst dran. Schließlich geht’s dem Winter entgegen. „Da werden wir uns einigeln“, sagt Sitter scherzhaft. Dann wird beim Innenausbau Gas gegeben.
Nicht, dass da noch nichts passiert wäre. Da läuft so einiges parallel: Momentan herrschen im unteren Geschoss des Altbaus mollige 45 Grad „Zimmertemperatur“. Heißluft sorgt dafür, dass der frisch gegossene Estrich vorschriftsmäßig trocknet. Der Zuschnitt der Wohnungen ist schon gut nachvollziehbar: Alle Wohnräume haben natürliches Licht, nur das ein oder andere Bad, begehbare Kleiderschränke, Abstellräumchen müssen bei der ein oder anderen Wohneinheit ohne Fenster auskommen.
Die Gerberei hat Sonne satt
„Die Sonne muss ich nicht herbeiziehen. Wir haben hier so viel davon, ich könnte gerne noch abgeben“, witzelt Sitter beim Blick auf die Innenstadt. Tatsächlich ist angesichts der am Mittwochnachmittag strahlenden Sonne Blinzeln angesagt. Die an diesem Tag lichtdurchfluteten Wohnungen verteilen sich auf zwei Stockwerke. Darunter finden Funktions- und Abstellräume Platz, auch Autostellplätze sind im Kellergeschoss des sanierten Altbaus genehmigt worden.
Es verwundert kaum, dass es längst Interessenten für die Wohnungen gibt. Entscheidungen seien da allerdings noch nicht gefallen. Allzu lange aber ist es nicht mehr hin, bis die ersten einziehen. Spätestens Anfang 2027 werden in der früheren Gerberei Mieter wohnen – zwei Jahre nach Beginn der umfangreichen Arbeiten. Damit wäre Sitters Zeitplan bestens aufgegangen. Als er im Februar die RHEINPFALZ durch die Ruine führte, sprach er von zwei bis drei Jahren.
Wer die obere, zur Bundesstraße hin gelegene Wohnung bezieht, kriegt ein Schmankerl obendrein: Von dort aus bietet sich ein Blick, der sogar bis zum Wahrzeichen Nummer eins des Landkreises reicht: Von dort aus ist, man mag’s kaum glauben, Burg Lichtenberg zu sehen. „Ich hätte das gar nicht gemerkt“, sagt Jörg Sitter lachend. „Meine Tochter hat’s sofort gesehen.“