Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Umbau statt Abriss: In alter Gerberei entstehen „zufällig“ neue Wohnungen

Blick aus dem Fenster: Hinten wütet ein Abrissbagger am Gebäudeflügel Richtung Hofacker. Standpunkt des Fotografen ist der Trakt
Blick aus dem Fenster: Hinten wütet ein Abrissbagger am Gebäudeflügel Richtung Hofacker. Standpunkt des Fotografen ist der Trakt, der mit dem Giebel zur B420 schaut und stehenbleibt.

Das marode Gemäuer war dem Verfall geweiht. Bis sich ein Gimsbacher in die Kuseler Mühlstraße verirrte. Die Folge: Auf Grundfesten der alten Gerberei wächst neuer Wohnraum.

Die Szenerie eines verwunschenen Ortes inmitten des Städtchens hat ihren morbiden Zauber verloren. In einem bislang nicht zugänglichen Gelände unterhalb der Fritz-Wunderlich-Straße, nicht weit vom Musikantenkreisel, beseitigt ein Bagger die Kulissen eines „Lost Places“. In der Tat wie ein verlorener Ort wirkte die alte Gerberei zwischen B420 und Mühlstraße. Das marode Gemäuer schien dem Untergang geweiht. Bis es Ralf Sitter – versehentlich – ins Auge fiel. Eine kleine Irrfahrt brachte die große Wende: Statt zu (ver-)fallen, werden die Außenmauern der alten Gerberei bald neuen Wohnraum umschließen.

Kein Scherz: Ralf Sitter hat sich verfahren. In Kusel. Einheimische und Eingeweihte dürften dies durchaus als Kunststück bestaunen. Dem Gimsbacher ist es nur bedingt peinlich: Er kann drüber lachen. „Es war wirklich so. Ich hatte einen Termin in der Nähe, habe einen Parkplatz gesucht, bin in die Mühlstraße eingebogen und habe auf einmal davor gestanden“, erinnert er sich. Der Anblick fesselte ihn. „Ich hab’ gleich gewusst: Daraus kann man echt was machen.“

Die Außenmauern bleiben stehen: Bauherr Jörg Sitter (rechts) erläutert Stadtbürgermeister Martin Heß (daneben) sowie den Stadtpl
Die Außenmauern bleiben stehen: Bauherr Jörg Sitter (rechts) erläutert Stadtbürgermeister Martin Heß (daneben) sowie den Stadtplanungs-Fachleuten Valerie Barchet und Michael Jahn sein Vorhaben.

Seit vielen Jahren schon kreisten bei der Stadtspitze immer mal wieder Gedanken darum, was mit der früheren Lederwaren-Fabrikationsstätte passieren solle. In Sachen Leder tut sich längst nichts mehr. Zuletzt genutzt wurde der noch am besten erhaltene Teil des Komplexes vor vier Jahrzehnten. Damals beherbergte das größte der Gebäude ein Sanitär- und Installationsgeschäft. Vom „schönen Bad“, dessen Pforten sich bereits in den frühen 1980er Jahren schlossen, zeugten bis zuletzt Embleme neben dem Eingang, der auf gleicher Ebene wie Trottoir und Fahrbahn von der Wunderlich-Straße aus gut einzusehen ist.

Bauherr will Charakter des Gebäudes bewahren

Dieser Teil bleibt erhalten. Das Dach ist verschwunden – daran hatte der Zahn der Zeit doch zu arg genagt. Die Mauern bleiben stehen, die alte Substanz werde „ertüchtigt, wie es so schön heißt“, erläuterte Bauherr Sitter bei einem Termin vor Ort. Sitter will Teile des Komplexes bewahren, andere abreißen und auf demselbem Grundriss neu aufbauen. Was dem Gimsbacher wichtig ist: Der unverwechselbare Charakter des Gebäudes soll erhalten bleiben.

Der westliche Gebäudeteil wird abgerissen. Das Bauwerk links ist übrigens eines der ältesten Häuser in Kusel.
Der westliche Gebäudeteil wird abgerissen. Das Bauwerk links ist übrigens eines der ältesten Häuser in Kusel.

Wie das im Großen und auch im Detail zu schaffen ist, darüber steht Sitter im steten Austausch mit den Sanierungsberatern der Kreisstadt. Valerie Barchet vom Planungsbüro BBP in Kaiserslautern und Michael Jahn von der Kommunalberatungs-Gesellschaft Map-Consult in Worms waren gemeinsam mit Stadtbürgermeister Martin Heß und Sitter zur Baustelle gekommen, um das Vorhaben zu erläutern.

Sitter ist von Fach: Er hat nach eigenem Bekunden annähernd drei Jahrzehnte lang in verantwortlicher Position bei der Firma Zimmer in Steinwenden gearbeitet. Inzwischen hat er sich als Gebäudeenergieberater selbstständig gemacht. In dieser Eigenschaft war er auch im vergangenen Jahr unterwegs, als er einen Parkplatz suchte und die Gerberei entdeckte. Schnell machte er Nägel mit Köpfen. Im Juni hatte der damals noch amtierende Stadtbürgermeister Jochen Hartloff in einer Stadtratssitzung verkündet, dass ein Investor für die innerstädtische Brache gefunden sei.

Bauen im Bestand: Die Ziegelsteinmauern bleiben stehen und erhalten ein neues Dach. Im Hintergrund der Ein- und Ausgang, der zur
Bauen im Bestand: Die Ziegelsteinmauern bleiben stehen und erhalten ein neues Dach. Im Hintergrund der Ein- und Ausgang, der zur Bundesstraße führt.

Hartloff hatte die Gerberei schon vor vielen Jahren in den Fokus genommen. Areal und Gebäude waren in Privatbesitz. Der Eigentümer hatte mit Sanierungsplänen geliebäugelt, letztlich aber nichts umgesetzt. Als er vor wenigen Jahren starb, war klar, dass wohl so schnell nichts passieren würde. Die Erben zeigten sich offen für einen Verkauf. Die Stadt schlug vor etwas mehr als drei Jahren zu und erwarb die Immobilie, die mittlerweile auch im Sanierungsgebiet liegt. Vor gut drei Jahren wurde selbiges erweitert um das Gelände zwischen oberer Bahnhof- und Bundesstraße, zwischen dem Komplex mit der Gaststätte „Themse“ am Kreisel im Osten und dem Feuerwehrhaus am Hofacker am westlichen Rand. Die Gerberei-Sanierung ist das erste Projekt, das im erweiterten Sanierungsgebiet entlang des Kuselbachs angepackt wird.

„Neuer Wohnraum in alten Mauern“

Vollzogen wurde das „Geschäft“ dann unter dem neuen Stadtchef Martin Heß. Es folgte ein Bieterverfahren, andere Interessenten gab es nicht. Sitter erwarb Grund und Boden, das Gebäude gab es für einen symbolischen Preis obendrein – verbunden aber mit der Verpflichtung, dort auch etwas zu entwickeln, das sich ins Stadtbild fügt.

Seiner Stirnseite beraubt: der Anbau, dessen nördliche Außenmauern (rechts) fast an der Bundesstraße kleben. Der wandlose Giebel
Seiner Stirnseite beraubt: der Anbau, dessen nördliche Außenmauern (rechts) fast an der Bundesstraße kleben. Der wandlose Giebel blickt Richtung Feuerwehrhaus.

„Neuer Wohnraum in alten Mauern“: Der Bauherr verwirklicht in puncto Gestaltung seine eigenen Pläne. Vorgesehen seien zehn Einheiten, allesamt barrierefrei. Zwischen 70 und 100 Quadratmeter groß werden die Wohnungen sein, die Sitter vermieten möchte. Ein Aufzug soll von der „Tiefgarage“ im Kellergeschoss bis ins Obergeschoss führen.

Das Investitionsvolumen beziffert Sitter auf gut 2,2 Millionen Euro. Er stellt sich vor, den angespannten Wohnungsmarkt in der Kreisstadt in zwei, spätestens drei Jahren um die neuen Angebote hochwertigen Wohnraums bereichern zu können.

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