Kusel Zwei von Dreien hören bis 2020 auf

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Experten warnen schon seit einigen Jahren vor einem Ärztemangel auf dem flachen Land. Doch wirklich angekommen im öffentlichen Bewusstsein ist das Thema erst in den vergangenen Monaten. Und den Kreis Kusel trifft das Problem stärker als viele andere Regionen. Vor allem bei den Hausärzten.

Lange galt das Thema Ärztemangel als eher theoretisches Problem. Immerhin ist der Arztberuf einer, in dem es genügend Studierende gibt und in dem sich auch ganz gut verdienen lässt – vom gesellschaftlichen Renommee ganz abgesehen. Also wird’s irgendwie schon klappen. Wie schon seit Jahrzehnten. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Speziell bei den Hausärzten zeichnet sich ein Engpass ab; und dies vor allem auf dem flachen Land wie im Kreis Kusel. Dass sich für einen altersbedingt ausscheidenden Landarzt problemlos ein Nachfolger finden lässt, ist schon lange her. Spätestens seit Günter Zytariuk, über Jahrzehnte Hausarzt in St. Julian, im Frühjahr in einem RHEINPFALZ-Interview seine vergebliche Suche nach einem Nachfolger öffentlich gemacht und wenig später seine Praxis geschlossen hat – immerhin im stolzen Arbeitsalter von 68 Jahren –, seither ist das Thema kreisweit allgegenwärtig. Selbst mehrere Bürgermeisterkandidaten haben die Ärzteversorgung und was Kommunen hier tun können zentral in ihre Programme gehoben. Dabei sieht es statistisch derzeit sogar richtig gut aus im Kuseler Land. Denn das gilt momentan sogar als überversorgt. Hier arbeiten mehr Hausärzte als die Bedarfsplanung eigentlich vorsieht. Ein neuer Arzt darf sich nur ansiedeln, wenn er eine bestehende Praxis mit Vertragsarztstatus (früher: Kassenzulassung) übernimmt. „Gesperrt“ steht daher dick und fett für Neuzulassungen in der Bedarfsplanung. Alles also wunderbar im Kreis? Mitnichten! Schon jetzt arbeiten mehrere Ärzte über das eigentliche Rentenalter hinaus, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Vor einigen Jahren noch hatten Ärzte per Gesetz mit 68 in den Ruhestand gehen müssen. Als sich erstmals so etwas wie ein Ärztemangel abzeichnete, wurde die Grenze aufgehoben. Viel drastischer als der Ist-Zustand sind die Prognosen für den Kreis Kusel: Bis zum Jahr 2020 müssen sich laut einer Auflistung der Kassenärztlichen Vereinigung für 31 der derzeit 49 aktiven Hausärzte Nachfolger finden lassen, wenn man die durchschnittliche Verrentung von Hausärzten (62 Jahre) als Maßstab nimmt. Das heißt: Zwei von Dreien hören auf. Nirgendwo in der Pfalz ist der Altersschnitt der Hausärzte so hoch wie in Kusel (und in der ebenfalls demografisch gebeutelten Stadt Pirmasens): 59 Jahre. Bundesweit liegt dieser Schnitt bei 54,1 Jahren, in der Pfalz bei 55. Etwas besser sieht es bei den Fachärzten aus, wo Kusel mit 53 Jahren nur knapp über dem Pfalzschnitt (52,6) rangiert. Dennoch: Auch hier geht die KV davon aus, dass bis 2020 für immerhin 17 der 38 zugelassenen Mediziner Nachfolger gefunden werden müssen. Doch warum zieht es immer weniger junge Mediziner als Landärzte in die Regionen abseits der Großstädte? Die Experten nennen hier mehrere Gründe. So hat in den vergangenen Jahren bei den Nachwuchsmedizinern das Image des Land- oder Hausarztes gelitten: Mehr Arbeit für weniger Geld als die Kollegen Fachärzte – das kommt bei vielen Studierenden an. Bei einer Umfrage des „Berufsmonitorings“ unter angehenden Medizinern konnten sich gerade einmal 16 Prozent eine Tätigkeit als Allgemeinmediziner auf dem Land vorstellen. Auch der Hausarzt ohne Ortsfestlegung rangiert mit 38 Prozent nur auf Platz fünf der beliebtesten Fachrichtungen. Nicht ohne Grund sehen Experten die Werbung für den Beruf als Hausarzt als eine der vordringlichsten Aufgaben, wenn dem Ärztemangel entgegengewirkt werden soll. Eine „Image- und Informationskampagne“ steht ausdrücklich im „Masterplan zur Stärkung der ambulanten ärztlichen Versorgung in Rheinland-Pfalz“, der immerhin auch schon aus dem Jahr 2007 datiert. Jetzt, sieben Jahre später, wird endlich ein weiterer Punkt des Masterplans umgesetzt: ein eigener Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Uni in Mainz. Der rheinland-pfälzische Landkreistag geht in einem gemeinsamen Papier mit dem Landesverband des Hausärzteverbands noch einen Schritt weiter: Es müssten die Zulassungsvoraussetzungen für das Medizinstudium geändert werden: Nicht mehr der Numerus clausus dürfe wesentliches Auswahlkriterium sein, sondern soziale Kompetenz. Und: Weil Hausärzte sich häufig in der Region niederließen, aus der sie stammten, müsse auch „eine Landeskinderquote Berücksichtigung finden“. Aspekt Nummer zwei in der Hindernis-Liste: Viele Jung-Mediziner scheuen eine eigene Praxis – zumal die, mangels Interessenten, längst nicht mehr als Altersversorgung an einen Nachfolger verkauft werden kann. Sie wollen übersichtliche Arbeitszeiten haben, um sich auch ihrer Familie widmen zu können. Der bürokratische Aufwand schreckt ebenfalls viele. Den jungen Ärzten geht es also um die Lebens- und Arbeitsumstände, nicht ums Honorar, folgert das Berliner Forschungsinstitut Iges. Doch ist dann der 15.000-Euro-Zuschuss, den das Land Rheinland-Pfalz Hausärzten seit 1. Januar für Praxisgründungen oder -übernahmen zuschießt, ein wirksamer Ansatz? Eher nicht. Nordrhein-Westfalen zahlt schon seit 2009 in einem Hausärzte-Aktionsprogramm bis zu 50.000 Euro, ohne dass sich wirklich nennenswert etwas getan hat. Zurück in den Kreis Kusel. Schon jetzt müssen die Patienten fast 50 Prozent weitere Strecken zu ihrem Hausarzt fahren als die Rheinland-Pfälzer insgesamt. Lassen sich die vielen der in den nächsten Jahren freiwerdenden Praxen nicht komplett besetzen, werden die Strecken noch länger; speziell im Nordkreis. Und auch die Wartezeiten verlängern sich, weil dann weniger Ärzte mehr Patienten behandeln müssen. Dass die Bevölkerungszahl weiter sinkt, ist keine Hilfe. Denn ältere Menschen müssen auch häufiger zum Arzt. Laut Kreisatlas ärztliche Versorgung liegt die Behandlungshäufigkeit im Landkreis Kusel bereits jetzt etwa zehn Prozent höher als im Landesschnitt. Und: Sogar um 20 Prozent höher liegt der Anteil jener Patienten, die wegen mehrerer Krankheiten gleichzeitig in Behandlung sind. Angesichts der Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung wird sich das noch weiter verstärken.

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