Kreis Germersheim
Zeugnisausgabe: Wunde Seelen trotz guter Noten
Spiegeln sich Lernrückstände in den Noten wider, die die Schüler heute mit nach Hause bringen? Die Thematik sei zu komplex, als das man diese Frage einfach beantworten könnte, meint Axel Weinstein. „So allgemein kann man da kein Urteil fällen“, sagt der Schulleiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) Rheinzabern. „In der Breite sind die Defizite nicht so groß wie man befürchten musste.“ Das führt er zum einen auf eine gute digitale Infrastruktur während der Fern- und Wechselunterrichtsphasen an der IGS zurück. Schon im Mai 2020 sei dort „Teams“ im Einsatz gewesen – eine Plattform für Videokonferenzen, mit der viele Schulen gute Erfahrung gemacht hatten, bei der das Land aber Datenschutz-Bedenken hatte. Zum anderen hatte die Rheinzaberner Schule keine großen Corona-Ausfälle, etwa dass ganze Jahrgänge in Quarantäne mussten. „Das ist auch Glückssache“, sagt Weinstein.
Schulsozialarbeiter gefordert wie nie
Am Mittwoch wurde die letzte Abiturprüfung geschrieben. Es sei unter erschwerten Bedingungen gut und vergleichbar mit Vorjahren gelaufen, sagt Weinstein. „Die Schüler waren trotz zeitweiser Homeoffice-Phasen gut vorbereitet.“ Sorgen bereiten dem IGS-Leiter vor allem jüngere Schüler. Er sieht vor allem im praktischen Bereich Lücken, die „man kaum aufholen kann“. Gruppenarbeit, gemeinsames Experimentieren, Singen im Unterricht, Theater spielen – all das sei kaum mehr möglich. „Alles, was mit Nähe zu tun hat im Unterricht, etwa gemeinsam Dinge erarbeiten, fällt weg“, ergänzt Johannes Lucke, Lehrer an der IGS. Mangelnde Sozialkontakte sind aus Sicht der beiden Lehrer mit das größte Problem, das die Pandemie für Kinder und Jugendliche bereit hielt. Einige Schüler quält Antriebslosigkeit, andere hängen in seelischen Tiefs fest. „Die Schüler haben sich verändert“, meint Weinstein. Die Schulsozialarbeiter seien gefordert wie nie zuvor. Seit Kurzem hat die Schule zehn Stunden mehr Schulsozialarbeit (SSA). „Das ist sehr sehr hilfreich“, so der IGS-Leiter.
Wie wertvoll die Schulsozialarbeit ist, betont auch die Schulleitung der Geschwister-Scholl-Realschule plus Germersheim. „Wie oft setzen sich Kinder in der Pause zum Schulsozialarbeiter und reden einfach“, beobachtet Konrektorin Nicole Glas. Schule sei ein Ort des Miteinander-Sprechens. Im Lockdown war dieser Ort weggebrochen. Die Verlierer seien nicht zuletzt die Kinder, bei denen zuhause wenig Deutsch gesprochen wird. Der soziale Aspekt habe während der Schulschließungen enorm gelitten, sagt Schulleiter Gernot Stentz. Unterricht am Bildschirm könne die Gemeinschaft im Klassenzimmer nicht ersetzen. Die soziale Isolation, die Enge der Familie, führe in manchen Fällen zu psychischen Problemen bis hin zur Depression. „Wenn ich geknickt bin, hab ich auch keine Lust zu lernen. Das wirkt sich wiederum auf die Noten aus“, ergänzt der didaktische Koordinator Michael Dickerhof.
Lücken können erst nach Pandemie geschlossen werden
15 Stunden SSA hat die Schule zusätzlich bekommen. Um Lernlücken aufzuholen, arbeite an mehreren Tagen in der Woche, ebenfalls 15 Stunden, ein Mitarbeiter des Internationalen Bunds (IB) mit einigen Kindern. Zur Hausaufgaben-Hilfe am Nachmittag komme Lese-Förderung in Kleingruppen mit Schulhund Suna. „Man kann minimal was auffangen“, meint Nadine Schwarz, die pädagogische Koordinatorin. Aber eben nicht alles. „Wir können die Lücken erst dann richtig schließen, wenn Corona nicht mehr existiert“, so Kollegin Glas. Denn die Organisation der Pandemie, das Umsetzen ständig neuer Vorgaben, koste die Lehrer viel Zeit.
Sorgen bereitet der Schulleitung auch der Start in den Beruf: Viele Firmen haben Praktika abgesagt, Infotage mit potenziellen Arbeitgebern fanden nicht statt. Betriebe, in der die Jugendlichen der Praxisklasse über einen längeren Zeitraum hinweg einen Tag der Woche verbringen können, waren fast nicht zu finden. Dabei könnten die Schüler gerade im Arbeitsalltag oft punkten: „Für unsere Kinder ist es wichtig, dass sie zeigen, dass sie arbeiten können“, sagt Stentz. Da seien die Noten häufig zweitrangig.
Lehrer und Eltern sollen Druck rausnehmen
Auch im Gymnasium sind Noten nicht alles. „Der Lernstand ist nicht die einzige Baustelle“, sagt Martin Stein, stellvertretender Schulleiter des Goethe-Gymnasiums (GGG). „Die Corona-Zeit macht auch den Eltern zu schaffen. Zum Teil ist zuhause sehr viel Druck im Kessel.“ Im Distanzunterricht fehlten mitunter Strukturen und Motivation, um selbstständig lernen zu können. Kinder – und das gelte auch für starke Schüler – entwickelten zunehmend Schulangst und Depressionen, ihre „Zündschnur“ wurde kürzer. Sozial-emotionale Defizite würden verstärkt an der Schule ausgetragen oder Konflikte ins Virtuelle, Stichwort Cyber-Mobbing, übertragen.
Eine Milliarde Euro stellt das Bundesbildungsministerium bereit, um Lernrückstände mit zusätzlichen Förderangeboten aufzuholen. Davon profitiert auch das GGG, mit Vertretungskräften und Aufstockern. Diese geben Förderstunden am Nachmittag, differenzieren als zweite Lehrkraft in den Klassen oder kompensieren temporäre Ausfälle, erläutert Stein. „Wir stehen besser da, als ich zu Jahresanfang vermutet hätte“, sagt er. Zudem müssten „bestimmte Lernformen und Leistungsmessungen“ überdacht werden. Im zweiten Halbjahr soll es deshalb keine unangekündigten Tests oder „Stegreif-Überprüfungen“ zu Beginn der Unterrichtsstunden geben. Lehrer und Eltern seien gleichermaßen gefordert Druck und Tempo rauszunehmen. Was in zwei Jahren versäumt wurde und die Probleme, die sich aufgetürmt haben, „werden wir noch eine Weile mit uns herumschleppen“, meint der Lehrer.
Zur Sache:
Schüler attestieren sich Lernlücken
Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen (27 Prozent) zwischen 10 und 16 Jahren nimmt selbst „deutliche“ Lernrückstände infolge der Corona-Pandemie wahr. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Deutsche- Telekom-Stiftung hervor, die im Juli 2021 veröffentlicht wurde. Die Meinungsforscher hatten im Frühjahr 1000 Kinder und etwa 500 Eltern befragt. Die Eltern schätzen die Situation dramatischer ein: 81 Prozent gehen von Lerndefiziten aus. Ein Großteil der Eltern erwartet Unterstützungsangebote der Schulen und achtet eigenen Aussagen zufolge darauf, dass Hausaufgaben erledigt werden oder fragt Lernstoff vor Klausuren ab. 27 Prozent glauben allerdings auch, ihre Kinder nicht so fördern zu können wie sie gern möchten.
Die Kinder sagen von sich selbst, sich im Umgang mit digitalen Medien und Computern verbessert zu haben (68 Prozent). Auch in Sachen Organisation und Zeitmanagement hätten sie Fortschritte gemacht, glaubt etwa die Hälfte der befragten Schüler. (Quelle: Website der Telekom-Stiftung)