Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Ungeimpfte in einer Klinik nicht willkommen waren

Die ehemalige Kapelle in der Klinik ist einer der Orte, an denen sich die Patienten der Psychosomatik ohne Maske bewegen dürfen.
Die ehemalige Kapelle in der Klinik ist einer der Orte, an denen sich die Patienten der Psychosomatik ohne Maske bewegen dürfen.

Über viele Monate hinweg werden in der Psychosomatischen Abteilung der Asklepiosklinik ungeimpfte Patienten abgelehnt. Wie das Krankenhaus diese Entscheidung begründet und was sich plötzlich geändert hat.

„Sie haben zu mir gesagt, entweder ich lasse mich impfen oder ich muss die Klinik verlassen“, sagt Susanne Müller* am Telefon. Die 26-Jährige hat zu diesem Zeitpunkt gerade einige Tage in der Abteilung für Psychosomatik in der Asklepiosklinik Germersheim verbracht. Dort war sie nicht zum ersten Mal: Auch 2021 hatte sie sich in Germersheim behandeln lassen. Ein Grund sei eine Angststörung: Sie fürchtet sich vor der Einnahme von Medikamenten. „Die Station, die Ärzte und die Pfleger sind alles top, ist sehr auf die Seele abgestimmt, das finden Sie nirgendwo sonst“, sagt sie. „Deshalb wollte ich da ja wieder hin.“

Gegen das Coronavirus sei sie aber bis heute nicht geimpft, weil sie allgemein Angst vor Impfungen habe, sagt sie. Das habe sie auch bei ihrem zweiten Aufenthalt am Empfang der Klinik angegeben und sei dann entsprechend getestet worden. Doch nach wenigen Tagen Therapie seien noch einmal die Akten aller Patienten der Abteilung hinsichtlich des Impfstatus gesichtet worden. Danach habe nicht nur sie gehen müssen, sondern auch eine junge Mutter. Beide waren nicht geimpft, beide hatten schon zu Pandemiezeiten einen Aufenthalt in der Psychosomatik hinter sich.

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Ohne Impfschutz keine Behandlung

Aber kann es tatsächlich sein, dass in dieser Abteilung nur geimpfte Patienten behandelt werden? Auf der Website der Klinik ist kein entsprechender Hinweis zu finden. Ja, sagt Chefärztin Marcella Altherr, in der Abteilung würden nur Geimpfte behandelt. Alle Patienten würden im Vorgespräch über eine solche Regelung informiert. Auch bei einer Anmeldung über einen Online-Anbieter werde dies schon kommuniziert. Im Falle der betroffenen Patientinnen sei deren fehlender Impfschutz wohl schlicht wegen der Wiederaufnahme nicht aufgefallen. Allerdings sei diese Regelung schon bei dem ersten Aufenthalt der Frauen kommuniziert worden, sagt die Chefärztin. „Ich kann verstehen, dass sie enttäuscht ist“, sagt sie mit Blick auf Susanne Müller. Allerdings habe man ihr auch versucht zu vermitteln, dass sie vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt wieder aufgenommen werden könnte.

Die Abteilung habe sich diese Regelung aus verschiedenen Gründen gegeben, sagt die Chefärztin. Da wäre zunächst die Impfpflicht für Pflegekräfte. Hier habe man viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, sagt Altherr. Daher: „Gleiches Recht für alle.“ Auch die Patienten, die sich für diese Abteilung entscheiden, sollten deshalb gegen Corona geimpft sein. Anders als zum Beispiel im Pfalzklinikum Klingenmünster werden in der Psychosomatik in Germersheim keine Notfall-Patienten versorgt, die suizidgefährdet sind. Die Aufnahme erfolgt nach einer Überweisung von einem Arzt. Es habe durchaus Patienten gegeben, die diese Regelung motiviert habe, sich impfen zu lassen, sagt Altherr. Es sei selten vorgekommen, dass man Ungeimpfte im Vorgespräch habe abweisen müssen.

Impfung ermöglicht Gruppentherapien

Außerdem führt sie therapeutische Gründe an: Da sich nur Geimpfte auf der Station aufhielten, seien zum Beispiel Aktivitäten wie Gruppentherapien oder gemeinsame Mahlzeiten möglich. Das ist ein Unterschied zu anderen Häusern oder Reha-Einrichtungen, in denen das – zumindest zeitweise – nicht möglich war. Zudem können sich die Patienten der Psychosomatik recht frei im Haus bewegen. Als „Spagat zwischen der großen Bewegungsfreiheit und Schutz der anderen“ beschreibt die Chefärztin daher auch die Regelung.

Beim Thema Schutz hat Oberarzt Michael Königs, Hygieniker und Intensivmediziner, vor allem eine Patientengruppe in Germersheim im Blick: Die neurologische Früh-Reha, die schon während des Aufenthalts auf der Intensivstation ansetzt. „Das sind Patienten, von denen wir jedes Gefahrenpotenzial fernhalten sollten“, sagt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. „Sie könnten mit einer Infektion schnell in lebensbedrohliche Situation geraten.“ Königs bittet deshalb um Verständnis für die Impf-Regelung, schließlich könnten die Patienten der Psychosomatik den Weg der vulnerablen Gruppen in der Klinik kreuzen. Deshalb gelte die Impfvorgabe schon seit geraumer Zeit. Auch auf anderen Stationen, zum Beispiel bei geplanten Eingriffen der Gelenk-Chirurgie, seien phasenweise nur Geimpfte behandelt worden. „Aber die sind ja nicht mobil“, gibt er zu Bedenken.

Plötzlich eine Entscheidung

Diese Vorgabe sei aber nicht in Stein gemeißelt und werde derzeit geprüft, sagt Chefärztin Altherr bei einem ersten Telefonat mit der RHEINPFALZ am Dienstag dieser Woche. Man könne sie derzeit aber nicht so einfach wieder zurücknehmen, auch die Hygiene-Kommission und das Gesundheitsamt seien noch mit im Boot. Tatsächlich entscheidet die Kommission jedoch am Mittwoch dann doch recht kurzfristig, die Regelung aufzuheben. Der Impfstatus spiele bei der Aufnahme nun keine Rolle mehr, teilt Altherr am Donnerstag mit. Auch „Ungeimpfte, nicht vollständig Geimpfte, abgelaufene Geimpfte “ würden nun auf der Psychosomatik aufgenommen. Diese Regelung werde man immer stets den Gegebenheiten anpassen.

„Jetzt erleben wir ja einen Wandel in der Gesellschaft, da geraten wir als Klinik jetzt ein wenig unter Druck, das anzupassen“, sagt Hygieniker Königs, der die neuen Regeln mit der Geschäftsführung der Kliniken besprochen hat. „Wir beugen uns ein bisschen der allgemeinen gesellschaftlichen Meinung.“ Ungeimpfte könnten nun nach einem bestimmten Hygienekonzept behandelt werden. Dieses gilt auch für Geimpfte und sieht unter anderem einen Test bei der Aufnahme und das dauerhafte Tragen einer FFP2-Maske, abgesehen von Sport und Mahlzeiten, vor.

Ministerium: „Begründete Motive“ nötig

Das Gesundheitsamt des Landkreises Germersheim kommentiert weder die alte, noch die neue Regelung in der Abteilung. Stattdessen verweist man auf das Hausrecht der Klinik. Dieses besteht auch im Hinblick auf Corona-Impfungen, bestätigt das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium. „Grundsätzlich bekommen Patientinnen und Patienten die medizinische Hilfe, die sie brauchen; unabhängig vom Impfstatus“, schreibt ein Sprecher auf Anfrage. Doch wenn ein Krankenhaus „nachvollziehbare und begründete Motive“, wie zum Beispiel den Schutz von Mitpatienten und Mitarbeitern vor einer möglichen Infektion und der Aufrechterhaltung des Krankenhausbetriebs verfolgt, „können weitere Maßnahmen ergriffen werden, den Zugang zu Leistungen auf bestimmte Gruppen einzuschränken, beziehungsweise diesen Zugang bestimmten Gruppen zu verwehren“.

Klar ist aber auch: „Bei Notfällen muss eine sofortige Behandlung erfolgen. (...) Bedarf ein Patient oder eine Patientin einer medizinischen Behandlung, wird ihm diese unabhängig vom Impfstatus zuteil.“ Einschränkungen sind nur bei sogenannten elektiven Krankenhausbehandlungen möglich, also bei planbaren Eingriffen. Vorgegeben von Seiten des Landes werde derzeit die Maskenpflicht und die Testvorgabe in ausgewählten Bereichen. „Beide Maßnahmen dienen dabei dem zielgenauen Schutz besonders vulnerabler Gruppen.“

Weitere Fälle, in denen einzelnen Abteilungen von Kliniken keine Ungeimpften mehr aufgenommen haben, seien dem Ministerium nicht bekannt, teilt der Sprecher mit. Frau Müller hat in der Zwischenzeit eine andere Klinik gefunden, in der sie behandelt wird. Weiter ohne Impfschutz, aber mit Gruppenarbeit.

*Name von der Redaktion geändert

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