Wörth / Birkweiler
Neuer Job für Dennis Nitsche: Vom Chefsessel im Rathaus in den Weinberg
„Es ist total befriedigend, wenn man den ganzen Tag mit den eigenen Händen gearbeitet hat und abends sieht, was man geschafft hat“, sagt Dennis Nitsche. Ein Blick ins Flaschenlager seines Weinguts reicht und man weiß genau, wovon er spricht. Der Raum ist frisch renoviert, die Wände erstrahlen in glänzendem Weiß. Hier hat der Hausherr selbst Hand angelegt. Seit wenigen Wochen ist Nitsche Besitzer des Weinguts Rothhaas im alten Ortskern von Birkweiler an der Südlichen Weinstraße. Die Leidenschaft für den Weinbau wurde bei Nitsche schon in seiner Zeit als Stadtoberhaupt von Wörth geweckt. Damals hat er immer mal wieder am Wochenende in dem Weingut aus dem 18. Jahrhundert mitgeholfen, inzwischen ist er täglich dort zu finden. „Als Kind war ich oft bei meinen Großeltern auf der Schwäbischen Alb, die hatten mehr als 20 Apfelbäume, ich habe da immer schon gerne mitgeholfen“, erzählt Nitsche. Das Interesse an der Landwirtschaft sei bei ihm schon immer dagewesen.
Aber wie kommt der promovierte Politikwissenschaftler, Ex-Bürgermeister und Vollblutpolitiker zum Weinbau? Auch hier hat der Zufall eine Rolle gespielt. Bevor der 1977 in Neu-Ulm geborene Nitsche am 1. Juli 2016 auf den Chefsessel des Wörther Rathauses gewechselt ist, war er Verwaltungsdirektor am KIT in Karlsruhe. Die Tochter von Winzer Rudolf Rothhaas war dort eine Kollegin von Nitsche. Die Familien sind gut befreundet, so lernte Nitsche Rudolf Rothhaas und dessen elterliches Weingut in der Hauptstraße in Birkweiler kennen. „Herr Rothhaas war als Kellermeister in einem großen Weingut beschäftigt, den elterlichen Betrieb hat er hobbymäßig nebenbei betrieben“, erzählt Nitsche. Inzwischen ist Rothhaas 70 Jahre alt. Schon vor ein paar Jahren kündigte er an, dass er das Weingut irgendwann verkaufen werde, da seine Tochter kein Interesse daran habe. Da wurde Nitsche hellhörig.
Weinprobierstube ist schon renoviert
Nach der verlorenen Wahl 2023 und dem Abschied aus dem Wörther Rathaus im Sommer 2024 stand für Nitsche fest, dass er das Weingut übernehmen werde. Das hätte er auch gemacht, wenn sein Gastspiel als Alleinvorstand bei der Kreuzberger Kinderstiftung in Berlin – den Job trat er im Oktober 2024 an – nicht so kurz gewesen wäre. Nach wenigen Monaten kündigte er. Seit Frühjahr vergangenen Jahres ist er fast täglich im Weingut anzutreffen, Rothhaas begleitet und unterstützt. „Was als wunderbares Hobby begann, ist nun zur professionellen Passion geworden“, sagt Nitsche, der aber weiterhin in Wörth wohnt und täglich nach Birkweiler pendelt. Rothhaas habe nie im Weingut gewohnt und auch er habe das nicht vor, betont Nitsche: „Wir bleiben als Familie in Wörth.“ Im Weingut plant der neue Besitzer die Einrichtung von zwei Ferienwohnungen. „Das wird nichts Luxuriöses. Ich denke da an Gäste, die hier wandern und abends ein Gläschen Wein genießen wollen“, beschreibt Nitsche seine Pläne.
Die Weinprobierstube hat er bereits renoviert, nur die neuen Fenster fehlen noch. Derzeit wird im Hof gerade eine barrierefreie Toilette gebaut. Die wird gebraucht, schließlich will der neue Besitzer regelmäßig zu Events einladen. Einen Versuchsballon lässt er am Samstag, 6. Juni, starten. Dann tritt „Das Rattenpack“ im Weingut auf. Dabei handelt es sich um eine Mittelalterband aus Hamburg. Nitsche hat die Gruppe früher einmal per Crowdfunding unterstützt, so lernte man sich kennen. Bereits am kommenden Pfingstwochenende beteiligt sich Nitsche beziehungsweise das Weingut Rothhaas – den traditionsreichen Namen wird der neue Besitzer weiterführen – am Birkweiler Weinfrühling.
Rund 11.000 Flaschen Wein werden produziert
Denn der Wein steht natürlich auch in Zukunft im Mittelpunkt. Bewirtschaftet werden etwa 1,5 Hektar Weinbergsfläche. Rund 11.000 Flaschen Wein werden pro Jahr produziert. „Wir liefern hauptsächlich an Stammkunden“, sagt Nitsche. Die hätten natürlich gewisse Erwartungen. Deshalb werde Rudolf Rothhaas auch in Zukunft mit all seiner Erfahrung in Weinberg und Weinkeller mit an Bord bleiben. Nitsche: „Wir haben praktisch die Rollen getauscht. Früher war er der Chef und ich habe ihn begleitet, nun ist es umgekehrt. Aber ohne ihn geht es natürlich nicht.“
Denn für den Neu-Winzer gibt es noch viel zu lernen. Im vergangenen Jahr hat Nitsche bereits den großen Schein als Weinprüfer gemacht. Weitere Aus- und Fortbildungen sind geplant. Im Weinkeller zeigt sich der Altbürgermeister experimentierfreudig. Neben Rot- und Weißweinen sowie Seccos gehören auch Weinbrände zum Angebot. Wobei Nitsche betont, dass „wir nicht selbst brennen“. Aktuell versucht er sich an einem Likörwein, der nach iberischer Tradition aus Chardonnay-Wein und Chardonnay-Weinbrand erzeugt wird. Und dann bietet er auch noch Met an, einen Honigwein, wie ihn schon die Vorfahren im Mittelalter genossen haben.
Für mehrere Stiftungen tätig
Der Weinbau füllt den größten Teil von Nitsches Arbeitszeit aus; etwa zwei Drittel, schätzt er. Außerdem ist er bei der Ideal-Spaces-Stiftung in Karlsruhe für das Thema Bürgerbeteiligung zuständig. Ideal Spaces ist eine gemeinnützige, international tätige Stiftung, deren Ziel es ist, zur Gestaltung zeitgenössischer wie zukünftiger Lebensräume für Gemeinschaften beizutragen. Außerdem ist er noch für die M.A. von Rothschild-Stiftung tätig. Ehrenamtlich engagiert er sich zudem für die Stiftung Youth Engagement in Educational Equity Ruanda. Hier kümmert er sich um das Crowdfunding. „Das ist mir eine Herzensangelegenheit“, sagt Nitsche. Die Verbindung in das rheinland-pfälzische Partnerland Ruanda stammt noch aus seiner Zeit als Bürgermeister. Die Stiftung hilft Jugendlichen ohne Schulabschluss, eine Perspektive fürs Leben zu finden. In die Politik will der Sozialdemokrat nicht zurück – zumindest vorerst nicht. „Ich bin ein politisch interessierter Mensch, daran wird sich auch nichts ändern. Aber derzeit konzentriere ich mich auf mein Weingut“, stellt Nitsche klar.