Kreis Germersheim / Rhein-Pfalz-Kreis
Vermisstenfälle: Wenn Oma den Weg zurück nicht mehr findet
Groß war die Anteilnahme, als Mitte August eine 84-Jährige in Bellheim erst als vermisst gemeldet und 12 Tage später tot aufgefunden wurde. Dabei stellen Senioren mit Demenzerkrankung, die eine sogenannte Hinlauftendenz haben, Pflegeeinrichtungen vor große Herausforderungen. Denn oft machen sich diese Senioren auf den Weg zu einem vermeintlichen Ziel, verlieren aber unterwegs die Orientierung. Aber wie kann man sie sicher versorgen, ohne sie einzusperren?
Im Willi-Hussong-Haus Kandel und im Pfarrer-Johann-Schiller-Haus Wörth, beide betrieben von den Diakonissen Speyer, tragen Menschen mit Demenz eine bestimmte Uhr, sagt Isabel Flory von der Unternehmenskommunikation. Diese Uhr löst einen Alarm aus, wenn ein vorgegebener Radius verlassen wird. Dabei leiden von den 100 Bewohnern in Kandel etwa 80 an Demenz, in Wörth sind es von 87 Bewohnern zwischen 60 und 65. Allerdings haben sie nicht alle eine Hinlauftendenz: In Kandel ist derzeit kein Fall bekannt, in Wörth sind es „aktuell sechs bis sieben Menschen“. Der Wörther Einrichtungsleiter Tobias Mayer schätzt, dass zirka zwei bis drei Mal pro Quartal ein Alarm durch die Uhren ausgelöst wird.
Vor allem Wintermonate sind schwierig
„Ein bis zweimal in der Woche“, schätzt hingegen Wolfgang Grill, Leiter des Caritas-Altenzentrums St. Elisabeth Germersheim, dass ein Alarm erklingt. Dieser schlägt über ein Armband an, wenn Senioren das Gebäude verlassen, auch wenn sie das nicht sollten. Die 100 Betten seien fast komplett belegt, Bewohner mit Demenz machten zirka die Hälfte aus. Eine Hinlauftendenz hätten aktuell drei bis vier von ihnen. „Man darf das nicht unterschätzen“, sagt Grill. Die Demenz verlaufe in Schüben. „Auch wenn ein halbes Jahr nie was war – dann kommt ein Schub und bis sie dann medikamentös eingestellt sind, in der Zeit kann etwas passieren.“ Oft seien diese Menschen körperlich noch durchaus rüstig.
In diesem Kalenderjahr habe man noch keinen Bewohner mit der Polizei suchen müssen, sagt Grill. Dabei gehe einem jeder Fall nach. Kritisch blickt der Einrichtungsleiter dabei auf die kommenden Wintermonate. „Wenn dann jemand vielleicht nur mit Nachtwäsche bekleidet nachts das Haus verlässt ...“, und auf der Straße nicht mehr viele Menschen unterwegs sind, die das schnell bemerken, dann könne schnell etwas passieren.
Die Mitarbeitenden im Senioren-Zentrum Bellheim „kennen die Bewohner und ihre Gewohnheiten sehr genau und wissen, wer regelmäßig außer Haus geht und wer vielleicht gar nicht“, sagt Sprecherin Christina Bay von der Emeis Deutschland GmbH auf Anfrage. Ab- und wieder anmelden müssten sich die Senioren nicht. „Da wir unsere Bewohner sehr gut kennen, fällt ungewöhnliches Verhalten oder auch Verschwinden schnell auf.“ Die Philosophie eines offenen Hauses sei den Mitarbeitenden, den Bewohnern, aber auch den Angehörigen bewusst. „Wir möchten die Freiheit unserer Bewohner nicht einschränken und fördern die Selbstständigkeit.“
Plötzlich ist die Orientierung verschwunden
Leider könne es immer mal wieder dazu kommen, dass Bewohner aus unterschiedlichsten Gründen die Orientierung verlieren und Hilfe benötigen, so Bay. „Auch vermeintlich orientierte Bewohner können von jetzt auf gleich die Orientierung verlieren und finden dann von einem Spaziergang alleine nicht wieder zurück.“ Für die Mitarbeitenden sei es eine emotionale Belastung, wenn ein Bewohner vermisst wird. „Häufig machen sie sich Gedanken, was sie hätten anders machen können“, so Bay. „Wir unterstützen uns dann gegenseitig und hoffen gemeinsam, dass die Person schnellstmöglich wieder auftaucht und sich die Aufregung in Wohlgefallen auflöst.“ Dies sei zum Glück der Regelfall, „so dass wir an unserem System auch in Zukunft festhalten“.
Die Emeis Deutschland GmbH betreibt unter dem Namen Haus Edelberg auch in Lingenfeld ein Seniorenzentrum. Mit Blick auf den dort geschützten Demenzbereich sagt Firmensprecherin Bay: „Wir haben mehrere Anfragen pro Woche und müssen leider sehr häufig absagen, da der Bereich voll ausgelastet ist. Insgesamt gibt es sowohl im Umland als auch bundesweit zu wenige Plätze für diese Versorgungsform, bei stetig steigender Nachfrage.“
Ihre Kollegin Andrea Zeug von der Seniorenheim-Betreibergesellschaft Avendi, die für das Rhein-Pfalz-Stift in Waldsee zuständig ist, informiert, dass es möglich sei, dass Bewohner einen GPS-Sender zur Ortung tragen. Die Entscheidung liege jedoch bei den Pflegebedürftigen mit ihren Angehörigen oder Betreuern.
Meist ist die Suche erfolgreich
Wenn ein Senior oder eine Seniorin – ohne GPS-Sender – nicht wieder auftaucht, suchten die Mitarbeitenden erst im Haus und in der näheren Umgebung nach der Person. In den meisten Fällen sei das erfolgreich, sagt Christina Bay. Sie weist aber darauf hin, dass nicht das gesamte Pflegepersonal nach einer Person suchen könne, weil auch die Betreuung der übrigen Bewohner gewährleistet sein müsse. Sollte die Suche nicht erfolgreich sein, würden schnellstmöglich die Angehörigen und die Polizei informiert, sagt Bay.
Die Polizei geht grundsätzlich von einem Vermisstenfall aus, wenn eine Person ihren gewohnten Lebenskreis verlassen hat, ihr derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt ist und eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen werden kann, erklärt Thorsten Mischler, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Rheinpfalz, auf Anfrage. Der Ablauf einer Vermisstensuche sei von Fall zu Fall unterschiedlich. In der Regel werde zunächst das nähere Umfeld der Person überprüft. Dabei werde versucht, den aktuellen Aufenthaltsort zu ermitteln. „Nach diesen Erkenntnissen werden dann die weiteren Suchmaßnahmen gegebenenfalls auch mit anderen, wie der Feuerwehr, abgestimmt“, sagt Mischler.
Kameras und Drohnen helfen
Ein Polizeihubschrauber komme zum Einsatz, wenn eine große Fläche abgesucht werden müsse, was aus der Luft deutlich schneller und durch den zusätzlichen Einsatz einer Wärmebildkamera wesentlich effizienter sei. Auch Freiwillige Feuerwehren oder Rettungseinheiten wie das DRK verfügen heutzutage über Drohnen, die zum Beispiel jüngst bei einer Vermisstensuche im Bereich Westheim, Lingenfeld und Schwegenheim zum Einsatz kamen. Die Zeitersparnis bei der Suche aus der Luft sei besonders im Winter ein wichtiger Aspekt, da Gesundheitsgefahren durch Unterkühlung bestehen können, sagt der Polizeisprecher. Außerdem brauche es für die Suche vom Boden aus etliche Einsatzkräfte, die unter Umständen auch nicht immer unmittelbar zur Verfügung stünden, so Mischler.
Er weist noch darauf hin, dass es beim Einsatz eines Polizeihubschraubers regelmäßig zu Beschwerden über Lärmbelästigung komme und bittet um Verständnis, da der Hubschrauber die Suche nur unterstütze, wenn es zwingend notwendig sei.
Wenn der oder die Vermisste nicht gefunden wird, zieht die Polizei eine Handyortung in Betracht, für die es grundsätzlich einer richterlichen Anordnung bedarf. Bei Gefahr im Verzug oder außerhalb des richterlichen Bereitschaftsdiensts könne die Handyortung auch durch besonders beauftragte Polizeibeamte angeordnet werden. Laut Mischler werden fast alle Vermissten innerhalb weniger Stunden beziehungsweise Tage wieder gefunden oder kehren zurück.