WÖRTH RHEINPFALZ Plus Artikel Stationentheater zeigt Verschwörung vor dem Rathaus

Die Darsteller zeigen, wie schnell ein Spiel zur Verschwörungstheorie werden kann.
Die Darsteller zeigen, wie schnell ein Spiel zur Verschwörungstheorie werden kann.

Kann ein Straßentheater erfolgreich gegen Verschwörungsideologien sein? Die gemeinsam von Bundesregierung und der Stadt Wörth eingegangene Partnerschaft für Demokratie hat dies am Samstag vor dem Rathaus zum zweiten Mal versucht. Einerseits erfolgreich, aber die Überzeugungsarbeit hat noch einen weiten Weg vor sich.

Nein, die jetzt um 13 Uhr noch einkaufenden Menschen treppenabwärts in Supermarkt und Markstraße sind nicht das Ziel. Denn noch müssen aufgrund der Hygieneverordnung spontane Menschenaufläufe vermieden werden. „Ein Gesellschaftsspiel. Beitrag zur Demokratie in schwierigen Zeiten“ heißt das von der mit ihrem Stationentheater in der Region bekannten Autorin und Theaterwissenschaftlerin Sabine Daibel-Kaiser geschriebene Stück, bei dem sie jetzt auch Regie führt. Es basiert auf der altbekannten „Stillen Post“, bei der in der Regel vom anfangs Gesagten nur noch wenig am anderen Ende herauskommt. Das viertelstündige Spiel richtet sich gezielt gegen Verschwörungsideologien.

Im Anschluss an die Vorstellung werden den Anwohnern Flyer mit Infos zum Erkennen von Fake-News und dem Umgang mit verschwörungsaffinen Menschen in die Briefkästen gesteckt werden. Dann folgen an diesem Nachmittag noch Stationen vor der Seniorenresidenz in der Arthur-Nisio-Straße, in der Friedrichstraße sowie im Neubaugebiet Scheidgraben.

Es fängt ganz harmlos an

Auf Anregung von Wörther Bürgern hatte sich im Rathaus eine Runde um Bürgermeister Dennis Nitsche zusammengefunden, um Ideen gegen sich verbreitende Verschwörungsmythen zu entwickeln. Ein Ergebnis ist dieses Straßentheaterstück. Die fünf in verschiedenfarbene Overalls gekleideten Darsteller tragen kleine Mikrofone und zwei wuchtige Lautsprecherboxen sollen dafür sorgen, dass es möglichst viele Leute an ihre Fenster und Balkone zum Halbinnhof zieht. Dann geht es los: „Ein Spiel, ein Spiel, wir spielen jetzt ein Spiel!“ rufen sie wiederholt, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie verständigen sich begeistert in Alltagssprache über die im Grundgesetz festgeschriebenen Grundregeln, doch natürlich bricht rasch Chaos aus, beginnen Verdächtigungen wegen versteckter Sabotage und Interessensteuerung. Schließlich wird aus „ich trage eine Maske“ über die Stichworte „vertragen“ und „Gefahren“ das schlimme „Maskengefahr“. Die Gruppe jammert, ehe es der „Faktenchecker“ schafft, die Leute zu beruhigen. Nach dessen vernünftiger Einordnung läuft das Spiel dann tatsächlich und alle freuen sich: „Es hat geklappt, es hat geklappt!“

Eine gute handvoll Menschen hat von oben zugesehen und klatscht nun ebenso freundlich wie die rund 15 Zuschauer unten auf dem Platz. Zufällig sind die wenigsten Passanten da, die meisten haben über den Verteiler von Daibel-Kaiser von der Aktion erfahren. Martin Neuhaus war zufällig in der Bücherei und eilte heraus, als er das Spiel bemerkte. „Voll gut, das ist für mich gelebte Demokratie“, ist er sehr angetan.

Merkwürdige Behauptungen im Freundeskreis

Janine Burkhardt von der Fach- und Koordinierungsstelle der Partnerschaft für Demokratie ist ebenso wie Daibel-Kaiser das Phänomen der Verschwörungsideologen aus ihrem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis nicht fremd. Während Burkhardt von „merkwürdigen Behauptungen“ und weitergeschickten Sachen spricht, bedauert Daibel-Kaiser die Belastung von Freundschaften, „weil es da um ganz Grundsätzliches geht. Mittlerweile versuche ich, die Qualität der Freundschaften zu erhalten und durch das öffentliche Sprachrohr des Theaters etwas zu bewirken.“

Auch zwei ehemalige und künftige Darsteller von Daibel-Kaisers Stationentheaterprojekten haben zugesehen und sprechen noch ein wenig über das eben Gesehene. Beide loben das Stück. Doch während die Frau den Ernst des Virus nüchtern betrachtet und die Gefahr durch „das Virus nicht wegdiskutieren kann“ und möchte, zeigt sich der Mann skeptisch. Er spricht von einseitigen Zeitungen, Journalisten, denen er nicht vertraut, finanziellen Interessen der Pharmaindustrie und möchte sich auch nicht impfen lassen, weil er das sehr kritisch sehe. Seine Mitspielerin ist baff und kann es nicht glauben. Denn offenkundig ist der Inhalt des Stücks völlig an ihm vorbeigegangen. Das von Sabine Daibel-Kaiser bemühte Sprachrohr Theater hat also noch viel zu tun.

Info

Die nächsten Aufführungen des Straßentheaters finden am kommenden Samstag, 3. Juli, um 14, 15 und 16 Uhr in Maximiliansau statt. Weitere Informationen zum Straßentheaterstück unter www.demokratie-leben.woerth.de.

Ein Beratungsangebot findet man unter www.bit.ly/Verschwoerungsideologieberatung und Falschmeldungen entlarven kann man unter www.mimikamaat sowie wwww.tagesschau.de/faktenfinder.

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