Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Sportunterricht: Jedes Kind soll schwimmen lernen

Wegen der Pandemie waren Bäder lange zu. Es ist ein „Kraftakt“ verlorene Schwimmstunden aufzuholen, sagt der DLRG-Präsident.
Wegen der Pandemie waren Bäder lange zu. Es ist ein »Kraftakt« verlorene Schwimmstunden aufzuholen, sagt der DLRG-Präsident.

Der Landkreis Germersheim hat sich ein ambitioniertes Ziel gesteckt: Alle Schüler sollen nach der sechsten Klasse schwimmen können. Zwei Koordinatoren der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) werden künftig Schulen beim Schwimmunterricht unterstützen. Denn dieser scheitert häufig an der Organisation.

Anfahrtswege und Busse koordinieren, Zeiten mit Bädern absprechen, Eltern informieren – das bedeute „eine ganze Schippe Mehraufwand“ im Sportunterricht an Schulen, sagt Carmen Back-Betzwieser, Realschullehrerin und eine der beiden Koordinatoren. Mit ihrem DLRG-Kollegen Hans-Jürgen Peter möchte sie die Lehrer hierbei unterstützen und alle Beteiligten vernetzen. Beide sind in der DLRG-Ortsgruppe Wörth in der Schwimmausbildung tätig und teilen sich die neue 50-Prozent-Stelle. Der Schwimmunterricht laufe oft „nicht so gut“, erzählt Back-Betzwieser. Das liege an organisatorischen Hindernissen. Die Kinder müssen das Schulhaus verlassen, das erfordere viel Absprache. Schwimmunterricht sei Bestandteil des Lehrplans, müsse aber nicht durchgeführt werden, ergänzt Schuldezernent Christoph Buttweiler. Die Koordinatoren sollen die ersten Schritte erleichtern.

Vereine und Eltern sollen helfen

Hans-Jürgen Peter war 29 Jahre technischer Leiter beim DLRG und bildet auch Rettungsschwimmer aus. An Seen beobachte er oft, dass Eltern fahrlässig handeln, etwa Kinder mit Schwimmflügeln allein auf Boote lassen. Er sieht auch hier Aufklärungs- und Handlungsbedarf. 50 Baggerseen, die größer als ein Hektar sind, gibt es im Kreis Germersheim, sagt Landrat Fritz Brechtel. Er blickt in seine eigene Kindheit zurück: „Es gab einige Zwischenfälle, wo ich Glück hatte. Sonst würde ich heute hier nicht sitzen.“ Gerade frei zugängliche Seen seien ein großes Risiko für den „nassen Tod“, pflichtet der Präsident des DLRG-Landesverbands, Andreas Back, bei. Brechtel und Back haben am Freitag einen zunächst auf zwei Jahre angelegten Kooperationsvertrag unterzeichnet und damit den Weg für eine im Land einmalige Schwimminitiative frei gemacht.

„Es ist ein Leuchtturm-Projekt“, so Back. „Denn es bringt uns unserem Ziel, das wir seit 1913 haben, aus jedem Nicht-Schwimmer einen Schwimmer zu machen, ein ganzes Stück weiter.“ Die Koordinatoren seien „Möglichmacher“. Sie sind das Bindeglied zwischen 45 Schulen, Bädern und den Schulträgern, sollen aber nur vereinzelt am Beckenrand anleiten. An der Schwimmausbildung selbst sollen neben den Sportlehrern auch Vereine und Eltern als Aufsichtspersonen beteiligt werden.

Bäder-Kapazitäten reichen aus

Der Kreis stellt jährlich 500.000 Euro für die Schwimminitiative zur Verfügung. Im Dezember hatte der Kreistag dafür grünes Licht gegeben. Die Bäder erhalten einen festgelegten Betrag für jede Schwimmgruppe – circa 110 Euro pro Doppelstunde. Obwohl Schwimmunterricht im Lehrplan verankert ist, dürfe der Kreis als Schulträger die Bäder nicht mitfinanzieren. Die Förderung pro Stunde und Gruppe sei ein „leistungsbezogener Ansatz“ und helfe die Bäder zu unterhalten.

Laut einer Studie, die der Landkreis 2018 in Auftrag gegeben hatte, können 40 Prozent aller Grundschüler nach der vierten Klasse nicht sicher schwimmen. „Das war für uns ein Alarmzeichen“, so Brechtel. Das Ziel, diese Zahl bis Abschluss der sechsten Klasse auf Null zu senken, sei hoch gesteckt. An der vorhandenen Bäder-Infrastruktur soll es jedenfalls nicht scheitern: Die Kapazitäten für mehr Unterricht seien da.

Wartelisten für Kurse sind lang

DLRG-Präsident Back hofft, dass das Projekt „eine Blaupause“ für andere rheinland-pfälzische Städte und Kreise wird und Nachahmer findet. Weil die Schwimmbäder während der Corona-Pandemie lange geschlossen waren, geht er davon aus, dass sich die Anzahl der Kinder, die nicht schwimmen können, deutlich erhöht hat. Wartelisten für Kurse seien länger geworden. „Im schlimmsten Fall sind zwei komplette Jahrgänge verloren gegangen“, sagt Andreas Back. Die Schwimminitiative helfe dabei, diese Zeit aufzuholen.

Carmen Back-Betzwieser und Hans-Jürgen Peter unterstützen Schulen.
Carmen Back-Betzwieser und Hans-Jürgen Peter unterstützen Schulen.
Als „historischen Tag“ für die DLRG bezeichnete der Präsident des Landesverbands, Andreas Back (rechts) die Vertragsunterzeichnu
Als »historischen Tag« für die DLRG bezeichnete der Präsident des Landesverbands, Andreas Back (rechts) die Vertragsunterzeichnung im Kreishaus. Die Kooperation mit dem Kreis Germersheim sei ein Leuchtturmprojekt.
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