Kreis Germersheim
Schulstart trotz vieler Infektionen
Mit einem Wert von 108,5 liegt der Kreis Germersheim weiter in Rheinland-Pfalz an der Spitze, wenn es um die Infektionen pro 100.000 Einwohner pro Woche geht. Genauer: Fast auf dem doppelten Niveau wie der Landesdurchschnitt. Damit befinde sich der Kreis „epidemiologisch in einem kritischen Zustand“, sagte Landrat Fritz Brechtel (CDU) am Freitag. „Wir haben die Sorge, dass der Anstieg weiter dynamisch voranschreitet.“
Das Problem: Für Montag ist an Grund- und Förderschulen die Rückkehr zum Wechselunterricht vorgesehen. Entsprechend hatte sich der Landrat schon am Donnerstagabend an das Bildungsministerium in Mainz gewandt. Denn es stelle sich die Frage, ob es in dieser Lage tatsächlich sinnvoll sei, die Schulen im Kreis wieder zu öffnen oder zumindest die Präsenzpflicht auszusetzen. Auch der CDU-Landtagsabgeordnete Martin Brandl hatte beim Bildungsstaatssekretär Hans Beckmann nachgehakt. „Wir haben mündige Eltern, die in dieser Situation selbst entscheiden sollten, wie dringend es ist, die eigenen Kinder wieder in die Schule zu schicken“, heißt es in einer Pressemitteilung des Landrats von Freitagmittag.
ADD: Gesundheitsschutz hat „oberste Priorität“
Am späten Nachmittag kommt die Entscheidung, in Absprache mit der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD): Der Gesundheitsschutz der Lehrkräfte, Schüler und ihrer Familien habe „oberste Priorität“, schreibt darin ADD-Präsident Thomas Linnertz. Das Land habe immer betont, dass der Start des Wechselunterrichts in Einklang mit dem Infektionsgeschehen stehen müsse. Deshalb sei die Präsenzpflicht in der kommenden Woche aufgehoben. „Das ermöglicht es, dass Eltern, die beispielsweise Risiko-Patienten in der Familie haben, ihre Kinder weiterhin im Fernunterricht behalten können.“ Allerdings betonen Brechtel und Linnertz, dass sie die Situation „sehr genau verfolgen und bei ungünstigem Verlauf sehr zeitnah weitere Maßnahmen verkünden werden.“
Inzwischen nennt das Germersheimer Gesundheitsamt mehrere Faktoren, die für den sprunghaften Anstieg eine Rolle spielen. So wurden im Kreis schon vor zweieinhalb Wochen Corona-Mutationen des britischen, südafrikanischen und brasilianischen Typs identifiziert. „Der Anteil dieser besonders ansteckenden Varianten liegt bei den Neuinfektionen bei etwa 25 Prozent“, so Brechtel. Allein in den vergangenen Tagen habe es Meldungen aus zwei Grundschulen, einer Realschule und aus sechs Kitas gegeben, obwohl die Einrichtungen nur im Notbetrieb gelaufen sind.
Landrat: „Deutlich höhere Infektionsgefahr“
In einer Kita seien vier von sechs Fällen von einer Mutationsvariante betroffen. Dies weise darauf hin, dass die Variante eine deutlich höhere Infektionsgefahr aufweise, so der Landrat. Auch falle bei den Nachverfolgungen auf, dass die Inkubationszeit deutlich über der Dauer von fünf Tagen gelegen habe. „Die Gefahr besteht nun darin, dass Kindergarten- oder Schulkinder kaum Symptome zeigen und bei einer Infektion viele Personen lange Zeit unbemerkt anstecken können“, heißt es in der Mitteilung weiter.
Das stellt auch das Gesundheitsamt vor neue Herausforderungen: Die derzeitigen Ermittlungsvorgaben des Robert-Koch-Instituts tragen den langen Inkubationszeiten der Mutationen nicht ausreichend Rechnung, „so dass sich die Ermittlungsarbeit bei uns auf ausgedehntere Zeiten bezieht und damit die Belastung des Gesundheitsamtes deutlich erhöht wird“, sagt Brechtel.
Doch die hohen Zahlen liegen nicht nur an den Mutationen: Als weitere Gründe für den sprunghaften Anstieg nennt das Gesundheitsamt „eine erhöhte Reisetätigkeit von Menschen, die aus Risikogebieten in den Landkreis kommen.“ Außerdem wurden jüngst in Sammelunterkünften von Arbeitern 14 Fälle gezählt. Diese Arbeiter wohnen in Unterkünften im Landkreis Germersheim, sind allerdings bei Instandsetzungsarbeiten eines Unternehmens in Baden-Württemberg im Einsatz.
Ein Blick auf einige Einrichtungen, aus denen in den vergangenen Tage positive Fälle gemeldet wurden, zeigt, dass es im gesamten Landkreis neue Infektionen mit dem Coronavirus gibt: Von der Grundschule in Schwegenheim bis zur Kita St. Laurentius in Büchelberg, von der katholischen Kita St. Josef in Zeiskam bis zum Kindergarten St. Georg in Hördt.