Wörth RHEINPFALZ Plus Artikel Pflegeheim: Zum Füttern fehlt oft die Zeit

„Wir haben im Pflegeheim auch sehr engagiertes Personal getroffen, aber auch die scheitern am System und der fehlenden Zeit, die
»Wir haben im Pflegeheim auch sehr engagiertes Personal getroffen, aber auch die scheitern am System und der fehlenden Zeit, die können einem leid tun«, sagen Carmen Pfanger und Ria Rabenstein.

Über den Pflegenotstand wird seit Jahrzehnten geklagt. Doch was dieses Problem tatsächlich bedeutet, schildern zwei Schwestern, deren Mutter Ende vergangenen Jahres in einem Seniorenheim gestorben ist. Von fehlender Zeit, vergessenem Essen und dem vergeblichen Warten auf den Arzt.

„Bei dem Pfarrer-Johann-Schiller-Haus können wir uns leider nicht bedanken, da uns der Pflegenotstand dort täglich vor Augen geführt wurde.“ Am 19. Dezember 2022 ist Rosalinde Rabenstein in dem Wörther Seniorenheim gestorben. Ende Januar hat ihre Familie in einer Danksagung in der RHEINPFALZ diese kritischen Worte gewählt. „Wir haben in dem einen Jahr, in dem unsere Mutter dort war, leider sehr viele negative Dinge erlebt“, sagen Carmen Pfanger und Ria Rabenstein. Die beiden Schwestern wählen den Weg an die Öffentlichkeit, „nicht wegen unserer Mutter, die ist leider tot, aber vielleicht können wir etwas dazu beitragen, dass sich für andere Bewohner etwas verbessert“.

Im Dezember 2021 musste die damals 85-jährige Rosalinde Rabenstein in das Pflegeheim in der Nähe des Wörther Bürgerparks. „Wir haben solange wie möglich versucht, sie in ihrem eigenen Zuhause zu versorgen“, erzählt Carmen Pfanger. Trotz Pflegedienst und einer privat bezahlten Hilfe, die der Mutter stundenweise Gesellschaft leistete, stieß die Familie an ihre Grenzen. Eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung war nicht zu schaffen. Deshalb blieb nur der Schritt ins Pflegeheim. „Wir waren froh, in Wörth einen Platz bekommen zu haben“, sagen die Schwestern.

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Kommentar

Vorgaben in der Pflege sind mangelhaft

Zustand verschlechtert sich

Die ersten Monate im Pfarrer-Johann-Schiller-Haus war Rosalinde Rabenstein noch einigermaßen mobil, konnte im Rollstuhl sitzend am gesellschaftlichen Leben im Heim teilnehmen. Dann verschlechterte sich ihr Zustand, die Demenz schritt voran, die inzwischen 86-Jährige wurde bettlägerig. Carmen Pfanger, Ria Rabenstein und ihre beiden Brüder organisierten einen Besuchsdienst. „Wir haben einen richtigen Wochenplan aufgestellt, so dass bei jedem Mittag- und Abendessen jemand vor Ort war“, sagt Ria Rabenstein. „Hätten wir das nicht gemacht, hätte unsere Mutter sicher häufig nichts zu essen bekommen.“

Oft werde das Essen einfach ins Zimmer gestellt, dabei seien viele Bewohner gar nicht mehr in der Lage, selbst zu essen. Sie habe eine der Pflegekräfte darauf angesprochen, erzählt Ria Rabenstein, die Frau habe geantwortet: „Wenn wir Zeit haben, dann füttern wir sie, wenn wir keine Zeit haben, dann eben nicht.“ Einmal, als ihr Mutter längst nur noch passierte Kost zu sich nehmen konnte, habe man ihr eine Bockwurst mit Brot hingestellt. „Wie hätte sie das essen sollen?“, fragt Carmen Pfanger. Ein andermal sei sie zur Mittagszeit ins Zimmer ihrer Mutter gekommen, da habe die zur Begrüßung gesagt: „Ich hab so Hunger.“ Da sei klar gewesen, dass sie an diesem Tag noch nichts zu sich genommen hatte. „Ich glaube, dass viele Angehörige nur ab und zu ins Heim kommen, um die alten Menschen zu besuchen, die kriegen dann natürlich nicht viel mit und glauben, dass alles in Ordnung sei. Aber wir waren jeden Tag dort, deshalb kennen wir die Zustände und wissen, dass nicht alles in Ordnung ist“, sagt Ria Rabenstein.

Vergessen Astronautennahrung zu bestellen

In den letzten Wochen ihres Lebens konnte Rosalinde Rabenstein nur noch Astronautennahrung zu sich nehmen, eine kalorienreiche Trinknahrung. „Es war Freitagabend, da habe ich gefragt, wo das Essen für meine Mutter bleibt. Als Antwort habe ich bekommen, dass man vergessen habe, Astronautennahrung zu bestellen. Wir haben die dann selbst besorgt, sonst hätte unsere Mutter das ganze Wochenende nichts zu essen bekommen“, erzählt Carmen Pfanger. Dabei betonen beide Schwestern: „Wir haben dort auch sehr engagiertes Personal getroffen, aber auch die scheitern am System und der fehlenden Zeit, die können einem leid tun.“

Tobias Mayer ist Einrichtungsleiter im Pfarrer-Johann-Schiller-Haus, in dem 87 Plätze für die vollstationäre Pflege, drei seniorengerechte Wohnungen sowie fünf Kurzzeitpflegeplätze untergebracht sind. In der Regel sind laut Mayer über 95 Prozent der Plätze belegt. Das Haus gehört zur evangelischen Diakonissenanstalt Speyer. Personalprobleme gebe es in seinem Haus nicht, sagt Mayer: „Wir haben in der Vergangenheit gut ausgebildet, außerdem kommt uns zugute, dass wir einem großen Verbund angehören, da hilft man sich gegenseitig aus, wenn es zu Engpässen kommt.“ Alle gesetzlichen Vorgaben könnten jederzeit erfüllt werden.

Gemeinsames Essen im Aufenthaltsraum

Aus Gründen des Datenschutzes dürfe er sich nicht zu einzelnen Fällen äußern, so Mayer. „Grundsätzlich ist es aber so, dass alle Bewohner – so lange das möglich ist – gemeinsam im Aufenthaltsraum essen. Da achtet unser Personal schon darauf, dass die Senioren etwas essen.“ Bei Bettlägerigen könne es vorkommen, dass es etwas länger dauere, bis sie gefüttert würden. „Es kommt vor, dass es klingelt und eine Pflegerin zu einem anderen Bewohner gerufen wird, dann wird das Essen nachgeholt“, nennt Mayer ein Beispiel. Für jeden Bewohner werde ein individueller Pflegeplan erstellt. „Aber natürlich haben wir keine Eins-zu-eins-Betreuung – und wir sind keine Maschinen“, stellt Mayer klar.

Die sogenannte Astronautennahrung werde von einem Dienstleister geliefert. „Der weiß über unseren Bedarf Bescheid und liefert regelmäßig. Es dürfte eigentlich nicht vorkommen, dass keine Nahrung da ist“, so Mayer.

Auch bei Mayer hätten sie sich über die Zustände beklagt, sagen die Kinder von Rosalinde Rabenstein. Anlässe habe es immer wieder gegeben. Etwa, als ihre Mutter im Bett liegend und nur mit einem Nachthemd bekleidet darauf hingewiesen habe, dass sie auf die Toilette müsse. „Da hat eine Pflegerin zu ihr gesagt: ,Ich hab jetzt keine Zeit, lassen Sie es doch einfach laufen’. Wie entwürdigend ist das denn?“, fragt Carmen Pfanger. Mal habe längere Zeit ein Behälter mit Urin im Bad ihrer Mutter gestanden, ein anderes Mal hätten sie Kot unter dem Bett gefunden, erzählen die Schwestern.

Keine Wäsche mehr im Schrank

Ein weiteres leidiges Thema sei die Wäsche. „Unsere Mutter hat immer viel Wert auf ihr Äußeres gelegt. Sie hatte jede Menge Unterwäsche und bestimmt weit mehr als 20 Nachthemden im Pflegeheim dabei“, sagt Ria Rabenstein. „Einmal habe ich sie besucht, da lag sie in einer Männerunterhose im Bett“, erzählt sie weiter. Am Tag des Todes ihrer Mutter habe man in ihrem Schrank lediglich ein Nachthemd gefunden. „Und das war ziemlich alt und abgenutzt. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr das überhaupt gehört hat“, sagt Ria Rabenstein.

Verschmutzte Kleidung werde zwei Mal pro Woche eingesammelt und in einer Wäscherei gewaschen, erklärt Mayer. „Es dauert dann natürlich ein paar Tage, bis die Wäsche wieder zurückkommt.“ Wenn ein Bewohner viel verschmutzte Wäsche abgegeben habe, könne es vorkommen, dass es in dessen Schrank etwas leerer sei, so Mayer.

Ein Besuch ist Carmen Pfanger ganz besonders in Erinnerung geblieben. Sie unterhielt sich mit ihrer Mutter, als plötzlich aus deren Badezimmer ein altes Pärchen den Raum betrat. „Keine Ahnung, wie lange die da drin waren. Beide waren dement, die wussten gar nicht, wo sie hinmussten“, erzählt sie. Immer wieder seien ihnen auf den Fluren verwirrten Menschen begegnet; oder Pfleger, die auf der Suche nach einem Bewohner waren.

Bewohner werden von ihren Hausärzten betreut

„Wir sind ein freies Haus, wir können die Leute ja nicht einsperren“, entgegnet Mayer. Es gebe brandschutztechnische, aber auch strafrechtliche Vorgaben, an die man sich halten müsse. Es sei aber sichergestellt, dass keiner der dementen Bewohner unbemerkt das Gebäude verlassen könne, so Mayer.

Ria Rabenstein zeigt ein Foto auf ihrem Smartphone. Zu sehen ist ein dick geschwollene Hand. „Das ist die Hand unserer Mutter. Im Heim ist das offenbar niemand aufgefallen. Wir haben dann selbst eine Arzt gerufen.“ Mit der medizinischen Versorgung im Pfarrer-Johann-Schiller-Haus waren sie nicht zufrieden.

„Die meisten Bewohner werden weiter von ihren Hausärzten betreut, die kennen ihre Patienten am besten“, sagt Mayer. Ansonsten schaue einmal pro Woche ein Hausarzt nach dem Rechten. „Und bei Notfällen wird natürlich ein Arzt verständigt“, betont der Einrichtungsleiter.

Das Pfarrer-Johann-Schiller-Haus ist derzeit voll belegt.
Das Pfarrer-Johann-Schiller-Haus ist derzeit voll belegt.
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