Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Naturfreundehaus-Pächter zornig über Corona-Hickhack

Im Naturfreundehaus ist seit 20 Jahren Selbstbedienung.
Im Naturfreundehaus ist seit 20 Jahren Selbstbedienung.

Das Naturfreundehaus Bienwald bleibt geschlossen. Die strengen Auflagen sind für Pächter Peter Bolze nicht erfüllbar. Er ist verärgert über den Zuständigkeitsstreit der Behörden. Der Zorn wird aggressiver.

Eine vier Meter lange Spuckschutzscheibe war schon seit März montiert. Desinfektionsspender waren am Eingang und auf den Toiletten bereitgestellt. Alles war vorbereitet. Vorfreude kam auf, als es hieß, dass ab Mittwoch, 13. Mai, die Gastronomen wieder öffnen dürften. Doch dann gab es für Peter Bolze die herbe Enttäuschung. Das Ordnungsamt der Verbandsgemeinde Kandel teilte ihm mit, dass sein Betrieb die mit der Öffnung der Gaststätten verbundenen Hygiene- und Schutzmaßnahmen nicht erfülle. „Buffets und Thekenverkauf sind nicht zulässig“, heißt es in der Handreichung Gastgewerbe, das das Land Rheinland-Pfalz zusammen mit dem Verband Dehoga und der Industrie- und Handelskammer (IHK) ausgearbeitet hat.

Peter Bolze hatte dafür nur Kopfschütteln übrig. Im Naturfreundehaus bestellen Gäste per Selbstbedienung an jener vier Meter langen Theke ihr Essen. Sie bezahlen an der Kasse und erhalten einen Bon. Auf Zuruf holen sie sich ihre Bestellung an der Ausgabe ab und gehen damit an ihren Platz. „Das klappt geordnet und nacheinander, seit jetzt 20 Jahren“, sagt Bolze, der seine Theke für hygienesicherer hält als so manche Kasse in den Supermärkten. „Wir hatten auch schon Markierungen auf den Boden geklebt und Einbahnwege eingerichtet.“ Es sollte unter den Gästen zu keinem „Begegnungsverkehr“ kommen, wie es in den Vorschriften heißt. Der großzügige Gastraum böte ausreichend Platz.

Behörden geben zunächst grünes Licht

Doch es half alles nichts. Die Bewirtung hat – so die Auflagen weiter – ausschließlich durch Bedien-Service am Tisch zu erfolgen. Bolze müsste seinen Selbstbedienungsbetrieb umstellen auf Kellnerbetrieb. Dazu bräuchte er nicht nur eingelerntes und auch zusätzliches Personal, auch das EDV-Kassensystem müsste er umrüsten. „Das geht nicht ohne Weiteres, und schon gar nicht in so kurzer Zeit“, erklärte er verärgert.

Die Bestimmungen haben es in sich. Das Verbot von Selbstbedienung gilt nämlich auch für den Außenbereich, sprich: Biergarten. Für diese Regelung hatte kaum jemand Verständnis. Auf einen Facebook-Post von Peter Bolze hagelte es hierzu viele zornige, auch ausfallend vulgäre Kommentare. In der Tat offenbart die Biergarten-Vorschrift Widersprüche. Anders als in Rheinland-Pfalz gilt beispielsweise in Thüringen, dass umgekehrt ausschließlich Außencafés und Biergärten mit Selbstbedienung öffnen dürfen.

Ordnungsamt übermittelt schlechte Nachricht

Anfang der Woche gaben die Kreisverwaltungen Germersheim und Südliche Weinstraße eine Verlautbarung heraus, wonach bei Naturfreundehäusern eine Essenausgabe an der Theke als „Straßenverkauf“ nun doch zulässig und mit der Corona-Bekämpfungsverordnung konform sei. Große Erleichterung bei Peter Bolze, der in den vergangenen Wochen den Gastraum renoviert hat. Also machte er das Naturfreundehaus wieder startklar. Den Lebensmitteleinkauf für die Küche hatte er aber glücklicherweise noch nicht erledigt. Denn am Mittwoch nahmen die zwei Kreisverwaltungen ihre Rechtsauffassung wieder zurück. „Demnach sind zwar Abhol-, Liefer- und Bringdienste zulässig; ein so genannter „Straßenverkauf“, aber nur dann, wenn nach dem Kauf einer Speise oder eines Getränks ein Verzehr weder im Innern, noch im Außenbereich des gastronomischen Betriebs erfolgt und dort nicht Platz genommen wird“, heißt es in einer Pressemitteilung der Verbandsgemeinde Kandel. Deren Ordnungsamt nämlich musste die betroffenen Betriebe von der abermals neuen Rechtslage in Kenntnis setzen.

Dem Pächter gehen „die Nerven durch“

„Mir sind dann die Nerven durchgegangen“, sagt Bolze. Um seiner Wut Luft zu machen, zerhackte er am gleichen Vormittag ausgedientes Mobiliar und verbrannte es demonstrativ, während er in derbem Pfälzisch schlimmen Schimpf auf die Behörden losdonnerte. Dabei ließ er sich filmen und postete das Ganze bei Facebook. Die Kommentare darauf geben Verbitterung, aber auch Aggression gegenüber den staatlichen Vorschriften wieder.

Mit beherrschter Emotion hat sich auch Kandels Stadtbürgermeister Michael Niedermeier (CDU) über das Regelungswirrwarr geäußert: „Das Öffnungsverbot für Wirtschaften mit Selbstbedienungs- und Thekenverkauf ist existenzgefährdend und in einigen Punkten nicht vermittel- und nachvollziehbar!“ Niedermeier kritisiert die Landesregierung, die den gastronomischen Betrieben ein eindeutiges, „klares Öffnungszenario“ kommunizieren müsste. Ähnlich auch der Tenor seitens der Verbandsgemeinde Kandel. VG-Bürgermeister Volker Poß (SPD) zeigt angesichts des Wirrwarrs Verständnis „für massiven Unmut und Verärgerung“. Seine Verwaltung jedoch, sprich das Ordnungsamt, sei lediglich Überbringerin der schlechten Nachricht gewesen.

Drei Landkreise ziehen an einem Strang

„Das Land muss dringend den Regelungswirrwarr beenden

und landesweit einfache, klare und faire Regelungen schaffen“. Das forderten am Donnerstag schließlich die Landräte der Kreise Germersheim, Südliche Weinstraße, der Südwestpfalz und der Oberbürgermeister der Stadt Landau in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Es sei nicht nachvollziehbar, dass etwa bei Eisdielen, Bäckereien und Metzgereien über die Theke verkauft werden darf, nicht jedoch in Gaststätten oder Pfälzerwaldhütten. In ihrem Schreiben an die Landesregierung zeigen die vier Verwaltungschefs Vorschläge auf, wie ein Konzept für

Thekenverkauf aussehen könnte.

Details der verwaltungstechnischen Zuständigkeiten bringen Peter Bolze beim Naturfreundehaus Bienwald erst recht in Rage. Nach gestrigem Stand wurde sein Facebook-Post 1603 Mal geteilt und 648 Mal kommentiert. Immerhin weiß Bolze, dass so viele zu ihm halten. Weiter heißt es für ihn abwarten und bangen, wie lange seine neun Vollzeitkräfte, die momentan auf Kurzarbeit sind, noch durchhalten.

Thekenverkauf ist auch im Biergarten des Naturfreundehauses derzeit nicht möglich.
Thekenverkauf ist auch im Biergarten des Naturfreundehauses derzeit nicht möglich.
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