Südpfalz / Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Meta-Suchmaschine bündelt Millionen Medien

Uwe Dierolf ist zwar gebürtiger Schwabe, doch lebt er seit vielen Jahren in der Südpfalz.
Uwe Dierolf ist zwar gebürtiger Schwabe, doch lebt er seit vielen Jahren in der Südpfalz.

Der Karlsruher Virtuelle Katalog (KVK) startete 1996. Der Südpfälzer Uwe Dierolf begleitet den KVK von der Idee bis zur Reife – und bereitet nun den Übergang vor.

Zugang zu mehreren hundert Millionen Büchern, Zeitschriften und anderen Medien in rund 400 Bibliotheks- und Buchhandelskatalogen weltweit, 1,5 Millionen Anfragen im Monat: Für Studierende und Wissenschaftler im deutschen Sprachraum führt kaum ein Weg am Karlsruher Virtuellen Katalog – kurz „KVK“ (https://kvk.bibliothek.kit.edu) vorbei.

Bei Google immer erste Treffer

„Wir sind bei Google immer der erste Treffer, wenn man KVK sucht“, illustriert Uwe Dierolf die Bedeutung des Karlsruher Virtuellen Katalogs. Er leitet die IT-Abteilung der KIT-Bibliothek. Dabei gibt es diesen Katalog streng genommen gar nicht: Der Virtuelle Katalog ist eine Meta-Suchmaschine. Das heißt, er hat selbst keine Daten, sondern stellt nur Anfragen an andere Kataloge. Konzipiert wurde sie vor 30 Jahren an der damaligen Uni-Bibliothek Karlsruhe. Wer die treibende Kraft sucht, landet aber in der Südpfalz.

Goldgräberstimmung im Jahr 1995

1995 war das Jahr, in dem in Deutschland der Siegeszug des Internets begann, erinnert sich Dierolf. Und in diesem Jahr begann auch seine Tätigkeit an der Karlsruher Uni-Bibliothek. In die Region war er schon vorher gezogen. „Ich bin ein geborener Schwabe, der im Rheinland groß geworden ist, jetzt als Wahlpfälzer seit 1989 in Landau lebt und in Baden arbeitet“, fasst Dierolf seinen Weg zusammen. „Damals herrschte eine Goldgräberstimmung, man hat einfach gemacht“, beschreibt er die Aufbruchsstimmung vor gut drei Jahrzehnten: „Es gab keine Security, es gab kaum Literatur darüber, wie man Web-Anwendungen entwickelt, allenfalls einige Zeitschriftenartikel.“

Web-Ausleihe nach nur zwei Monaten

Aber es gab Ideen. Eine davon war, dass es doch eine gute Sache wäre, wenn Bibliothekskataloge im Internet einsehbar wären. Mit der Erfassung der Buchbestände in Datenbanken war schon Jahre vorher begonnen worden. Bei der weiteren Entwicklung war Karlsruhe mit vorne dabei. Innerhalb von zwei Monaten wurden 1995 ein Web-Katalog und eine Web-Ausleihe eingeführt. Und es war auch schon die Idee in der Welt, dass es noch bessere Sache wäre, mit nur einer Anfrage auf mehrere Kataloge zugreifen zu können. Geäußert hatte diesen Wunsch der damalige Bibliothekar und Fachreferent für Informatik, Michael Mönnich.

Erste Version war Studienarbeit

Bereits seit 1993 arbeitete ein 12-Millionen-Mark schweres DFG-Forschungsprojekt (DBV-OSI) an dieser Möglichkeit, ein Ende war auch nach Jahren nicht absehbar. Die Karlsruher Uni-Bibliothek war deutlich schneller. „Die erste Version war nach sechs Wochen fertig, es war eine Studienarbeit“, sagt Dierolf. Und die kostete eigentlich nichts. Auf die ausgeschriebene Studienarbeit „Entwicklung eines Meta-Suchinterface für WWW-Bibliothekskataloge“ hat sich der damals angehende Informatiker Roland Sand beworben. „Im Frühjahr 1996 konnten wir gemeinsam mit der Planung und er mit der Implementierung beginnen“, so Dierolf. Am 26. Juli 1996 wurde der Karlsruher Virtuelle Katalog freigeschaltet. Mit ihm konnte man parallel sechs Kataloge aus BaWü, NRW und Bayern durchsuchen.

„Stecker“ für jede Bibliothek

Der Grund für die Überlegenheit des Karlsruher Ansatzes war ein gänzlich anderes Konzept. Das DFG-Projekt wollte an jedem Katalog eine Schnittstelle, quasi eine Tür, installieren, durch die die Meta-Suchmaschine einen Zugang hatte, erläutert Dierolf. Das war aufwändig, denn an jedem Katalog wurden Änderungen notwendig. Die Karlsruher gingen einen einfacheren, pragmatischeren Weg: „Wir wollten die Web-Kataloge als Schnittstelle nutzen“, so Dierolf. Dafür musste für jeden Bibliothekskatalog ein eigenes Programm, quasi ein „Stecker“, gebaut werden, mit dem die Meta-Suchmaschine die Anfragen im Format des abzufragenden Katalogs stellen und dessen Trefferliste auswerten konnte.

20.000 Anfragen im ersten Monat

„Das Interesse am Karlsruher Virtuellen Katalog war riesig“, so Dierolf: „Darauf hatte die Bibliothekswelt scheinbar gewartet.“ Schon am Anfang wurden 20.000 Suchanfragen im Monat gezählt, bald waren es einige Hunderttausend und nach einigen Jahren wurde die Grenze von 1 Million Anfragen monatlich überschritten. Seit etwa 20 Jahren erhält der Virtuelle Katalog monatlich etwa 1,5 Millionen Anfragen. Jede Anfrage löst mehrere – bis zu rund 80 –, parallel gestellte Anfragen der Meta-Suchmaschine bei den Bibliothekskatalogen aus: Die Gesamtzahl beträgt also jährlich etliche 100 Millionen.

Suchanfragen werden beschleunigt

Seit dem Start vor 30 Jahren wird der Karlsruher Virtuelle Katalog kontinuierlich verbessert. Seit 1998 gab es Projekte mit Fernleihe, darunter der Lit-Express in Rheinland-Pfalz, und den KVK in mehreren Sprachen. „Viele Nutzer hatten den von Google eingeführten Suchschlitz vermisst“, sagt Dierolf. Hier sorgte ab 2006 eine Freitextsuche für Abhilfe. Hinzu kamen Arbeiten, die der Nutzer nicht bemerkt. So konnte die Suche nach einigen Jahren durch eine interne Optimierung der Software um den Faktor 100 beschleunigt werden. Oder wegen einer Zeichensatzproblematik wurden gravierende Umstellungen am Source-Code erforderlich. „Solche Umstellungen schafft niemand alleine“, so Dierolf: „Hier ist Teamarbeit erforderlich.“

Gute Studenten und spannende Arbeit

Deshalb wurden von Anfang an studentische Hilfskräfte eingesetzt. „Für die war das eine spannende Angelegenheit“, sagt Dierolf. Selbst kleine Fehler konnten große Auswirkungen haben. Wer für eine Stunde den Virtuellen Katalog lahmlegt, verhindert einige zehntausend Anfragen. „Bibliotheken sind Dienstleister, und Nutzer reagieren in solchen Fällen schnell mit einer Flut an Mails.“ Aber weil die Arbeit spannend war, konnte die Bibliothek immer wieder sehr gute Studenten gewinnen, die oft über Jahre dabeiblieben. Durch die Umstellung von Diplom auf Bachelor und Master sei das aber schwerer geworden. „Die meisten Studenten sind sehr eingespannt und haben ständig Prüfungen und andere Termine“, so Dierolf: „Die Freiheit, auch praktische Erfahrungen in Form eines Hiwi-Jobs zu erlangen, war früher zumindest gefühlt größer.“

Ära geht zuende

Dierolf selbst wird sich nicht mehr lange um den Karlsruher Virtuellen Katalog kümmern können. Der Wahlpfälzer ist mittlerweile 64, der Ruhestand naht. Aber er war auch nie alleine: „Der Katalog ist Teil einer komplexen Infrastruktur aus Netzen, Servern und Software“, sagt Dierolf. Und überall sitzen Kollegen: „Die besten Ideen entstehen oft erst durch Diskussionen.“ Ein neuer Kollege für die Weiterentwicklung des Karlsruher Virtuellen Katalogs ist auch schon gefunden.

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