Kreis Germersheim
Lockdown verunsichert und bedroht den Einzelhandel
„Es fehlen die Perspektiven“, klagt Dirk Kunstmann von Meier Sport und Mode in Kandel über das „Hin- und Her hangeln und kurzfristige Entscheidungen der Politik“. Mit Gutscheinen und einem Abhol- und Lieferservice versucht er einen „minimalen Service“ für die Kunden aufrecht zu erhalten, mit dem eine Abwanderung ins Internet verhindert werden solle. Dies sei aber weit davon entfernt, sich wirtschaftlich zu tragen. Der Lockdown treffe den Textileinzelhandel besonders stark. Schon die ersten Maßnahmen im Frühjahr fielen mitten in den Saisonstart und dann „haben wir das Weihnachtsgeschäft weggenommen bekommen“.
Textilhändler: „Riesen-Einbußen“
„Wir haben Riesen-Einbußen“, sagt auch eine andere Textil-Einzelhändlerin aus dem Landkreis. „Im November hat es schon angefangen, als immer weniger Menschen unterwegs waren. Der Dezember war schlimm und der Januar ist noch schlimmer“. In ihrem Sportgeschäft spürt sie die Folgen des allgemeinen Lockdowns: „So lange kein Sport gemacht werden darf und Turniere ausfallen, verkaufen wir nichts“.
Sylvia Boehm versucht mit Lieferungen und direkten Kundenkontakten über WhatsApp ihr Geschäft mit Dessous und Wäsche in Germersheim am Leben zu halten. „Damit mache ich aber nur zehn Prozent des normalen Umsatzes“. Da es wirtschaftlich nicht zu tragen sei, verzichtet das Schuhhaus Grahn in Kandel auf einen Verkauf während des Lockdowns. „Der übliche Service“ sei bei einem Sortiment von über 40.000 Schuhen „nur händisch und im direkten Kontakt machbar“, sagt Walter Behrendt.
Zielkäufe statt Laufkundschaft
„Den Kunden fehlt das Stöbern“, bringt es Karina Petry von der Modellbahnecke Germersheim auf den Punkt. Mit dem Abholservice und Versand kommt sie auf ein Viertel des regulären Umsatzes. Auch im Buchhandel „fehlt der Umsatz aus Mitnahmeartikeln, und sei es eine Postkarte“, sagt Peter Fuhrmann von der Uni-Buchhandlung Hilbert in Germersheim. Ohne die Möglichkeit „sich vom Sortiment inspirieren zu lassen“ lebe der Laden derzeit nur von gezielten Käufen treuer Kunden. Dies erziele rund 30 Prozent der sonst üblichen Verkäufe. Dagegen zeigt sich der Buchhändler Guido Pausch aus Kandel „zufrieden“. Zwar fehle die Laufkundschaft, doch „die Leute bestellen und holen ab“, sagt er. Auch bei Elektro Holler in Schaidt laufe das Geschäft noch „relativ gut“, meint Christian Holler. Im Elektrobereich gäbe es „überwiegend gezielte Käufe und wir können unseren Kundendienst weiter anbieten“.
„Stimmung immer schlechter“
Doch „insgesamt wird die Stimmung immer schlechter“, sagt Malin Handrick von der Industrie- und Handelskammer für die Pfalz. Dies betreffe nicht nur den Handel. „Der Einzelhandel ist ein Frequenzbringer für die Städte. Die leeren Innenstädte betreffen die ganze Wirtschaft“, sagt sie. Die Mehrzahl der Unternehmen klage über Nachfragerückgänge und negative Effekten auf ihre Finanzlage. Im Textilhandel seien die Lager mit Winterware voll, die aber nicht verkauft werden könne. Dies belaste die Situation zusätzlich. „Das Geld liegt ein Jahr im Lager. Wenn wir wieder aufmachen dürfen, habe ich kein Geld, um neue Ware zu bezahlen,“, sagt Boehm beim Blick auf ihre Winterware. Betroffen sind aber auch andere Einzelhändler. „Jetzt kommen die ganzen neuen Produkte und ich weiß gar nicht, ob ich die überhaupt verkaufen kann“, sagt Petry für ihre Modelleisenbahnen.
Staatliche Hilfe noch nicht in Sicht
Je länger der Lockdown geht, umso dringender sei eine staatliche Unterstützung für die meisten Händler. Eine Verlängerung bis April werde „vielen Einzelhändlern das Genick brechen“, schätzt Handrick. „Wenn man dem Einzelhandel ein Vierteljahr klaut, das hält keiner lange durch“, meint auch Kunstmann. Um die Folgen des zweiten Lockdowns im Einzelhandel abzufedern, hat die Bundesregierung die Überbrückungshilfe III angekündigt. Wann aber Anträge gestellt werden können, „steht in den Sternen“, klagen die Einzelhändler. „Mein Steuerberater sagt mir, die Details der Umsetzung sind noch gar nicht alle geregelt“, berichtet Fuhrmann. Wie viele Einzelhändler klagt auch Kunstmann über die „extrem langsame Umsetzung bei der Auszahlung der Gelder“. Die Landesregierung machte auf RHEINPFALZ-Anfrage die späte Bereitstellung der „technischen Voraussetzungen“ durch den Bund für die schleppende Auszahlung der Hilfen verantwortlich.
Doch auch an der Umsetzung gibt es viel Kritik. „Ich weiß überhaupt nicht, ob ich was bekomme“, sagt Petry. Wenn überhaupt, könne sie wohl nur finanzielle Unterstützung für einen Teil der Miete erhalten. Für sie bliebe nichts. Auch die IHK kritisiert, dass für Selbstständige kein Unternehmerlohn in die Hilfen einbezogen wird. „Die Maßnahmen sind auf große Unternehmen abgestimmt. Wir kleinen Unternehmer werden nicht wirklich mitgedacht“, klagt auch Fuhrmann.
„Rückwirkende Änderungen bei Hilfe“
Kunstmann befürchtet gar System: „Die ausgelobten staatlichen Förderungen sind so ausgelegt, dass sie keiner richtig bekommt.“ Um Missbrauch bei den Hilfen zu verhindern, sind die Anträge für die meisten Unternehmen nur über einen Steuerberater zu stellen. „Das ist ein Steuerberatungsfinanzierungsprogramm“, lautet das Urteil von Boehm.
Der Bellheimer Steuerberater Wolfgang Boeck berichtet von mehreren Fällen, in denen er nach aufwendiger Prüfung feststellte, dass seine Mandanten nicht antragsberechtigt seien. In diesen Fällen trotzdem ein Honorar verlangen zu müssen, sei „schwer vermittelbar“. „Ich bin sauer, wie toll das von den Politikern verkauft wird und was dann rauskommt. Das sind Welten“, urteilt Kunstmann über die Umsetzung der Hilfen, bei denen zudem die Zugangsbedingungen rückwirkend immer wieder geändert würden. Das erhöht die Unsicherheit im Einzelhandel zusätzlich. Boehm sieht aber noch etwas Positives: „Wir kleinen Einzelhändler sind es gewohnt uns selbst auszubeuten und leidensfähig“.