Kreis Germersheim
Lernlücken: Aufholjagd ist gestartet
Selbstverständlich sei der Lernstand der Schülerinnen und Schüler „ein anderer als in normalen Schuljahren“, sagt Elke Haaf, Leiterin der Grundschule Lingenfeld. Dennoch hätten die Kinder ja auch im Homeschooling gelernt. „Wenn man die Schülerinnen und Schüler täglich sieht, erkennt man Lerndefizite sofort und kann auch sofort gegensteuern, indem man umgehend die Förderung startet“, sagt Haaf. Nach monatelangem Homeschooling sei das natürlich schwieriger gewesen. Seit die Schule wieder im Regelbetrieb ist, gebe es spezielle Förderangebote für bestimmte Schülergruppen, vormittags und nachmittags. Mit alternativen Leistungsnachweisen hätten die Lehrer versucht, die Schüler dort abzuholen, wo sie gerade stehen.
Die Schüler konnten im Fernunterricht nicht so engmaschig betreut werden wie im Klassenzimmer, berichtet auch Jörg Engel, Leiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) Wörth. „Da entstehen Lernrückstände. Ich würde aber sagen, sie sind nicht so schlimm.“ Innerhalb eines Jahres sollten sie aufzuholen sein – zumindest in bestimmten Fächern. Probleme, das zu schaffen, sieht Engel in Fächern, wo Unterrichtsstoff systematisch aufeinander aufbaut wie in Englisch oder Mathematik. „Die Defizite werden irgendwann aufschlagen. Man kann hoffen, dass die Schüler doch was mitbekommen haben und man nur kurze Sequenzen wiederholen muss.“
Volkshochschulen sind mit im Boot
Hoffnung allein wird nicht reichen. Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium hat Förderangebote ausgebaut und Mittel aufgestockt. Dazu gehören die Sommerschule für Erst- bis Neuntklässler, Sprachkurse und Lernpatenschaften in den Ferien, Hausaufgabenhilfe, Ausbau der Sozialarbeit und der Freiwilligendienste an den Schulen. Für Vertretungskräfte stellt das Land laut Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) 15 Millionen Euro, der Bund in den nächsten beiden Jahren jeweils 10 Millionen für Rheinland-Pfalz bereit.
Auch die Volkshochschulen sind mit im Boot. Sie sollen so genannte additive Lernangebote erarbeiten – Unterrichtseinheiten in Haupt- und Nebenfächern für maximal sechs Kinder in einer Gruppe direkt an deren Schule. „Das Alter ist egal“, erläutert Karin Träber, Leiterin der Kreisvolkshochschule Germersheim. Damit das Ganze Qualität habe, will sie bei der Einteilung der Gruppen aber auch darauf achten. Der Stoff werde nach Rücksprache mit den Lehrern vor Ort vermittelt. Im Kreis Germersheim soll das Angebot nach den Sommerferien starten, sofern Träber genügend Referenten, zum Beispiel Abiturienten oder Lehramtsanwärter, findet. Fünf Schulen haben bislang Interesse an der Kooperation bekundet.
Wegen Einsparungen bei Tests kein Risiko eingehen
„Grundsätzlich ist jedoch die Schule der Ort, an dem individuelle Förderung stattfindet“, teilt die ADD mit. 41.000 Lehrer im Land unterstützen die Kinder und Jugendlichen „während der Schulzeit bestmöglich“. Die, die am besten über die Lernstände der Schüler Bescheid wissen, seien die Lehrer, meint Martin Stein, stellvertretender Schulleiter des Goethe-Gymnasiums Germersheim (GGG). Damit sie langfristig und gezielt individuelle Corona-Lücken schließen können, seien aber mehr Wochenstunden nötig. In den vergangenen vier Wochen hat das GGG den Fünft- und Sechstklässlern Zusatzunterricht in Mathe, Deutsch und Englisch am Nachmittag angeboten. Einige Lehrer blieben dafür freiwillig und unentgeltlich länger. Das Angebot war in der Orientierungsstufe ein Erfolg, sagt Stein. Dauerhaft könnten die Lehrer das aber nicht auf freiwilliger Basis leisten.
Mit Blick aufs nächste Schuljahr hält der Konrektor es für wichtig, dass „die Schüler nicht schon am Anfang überfordert sind“. Lehrer am Germersheimer Gymnasium, die die Klassen wechseln, müssen ihren Nachfolgern deshalb noch präzisere Übergabe-Protokolle zum Unterrichtsstoff als sonst hinterlassen, mit denen sie sich in der Sommerpause vorbereiten sollen. Die Kinder hingegen „müssen in diesen Ferien die Beine hochlegen können“, sagt Stein.
Zwei Wochen nach den Ferien soll die Testpflicht für Schüler fallen, hat die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) angekündigt. Danach wird nur noch anlassbezogen getestet, wenn eine Infektion vorliegt oder die Inzidenz eine noch nicht festgelegten Richtwert übersteigt. „Heute schon festzulegen, dass es nur zwei Wochen regelmäßiges Testen geben soll, halte ich für mutig, da niemand die pandemische Lage, die nach den Sommerferien herrscht, zum jetzigen Zeitpunkt verlässlich vorhersehen kann“, sagt Elke Haaf. „Es wäre fatal, wegen Einsparungen in diesem Bereich das Risiko einzugehen, dass der Regelbetrieb – in welcher Form auch immer – eingeschränkt werden muss.“