Kreis Germersheim Jedes Liebeslied war für sie

Wörth. Auf der Opernbühne waren Montserrat Caballé oder Grace Bumbry seine Partnerinnen. Im Privatleben von Amadeu Casanovas spielte aber immer sie die Hauptrolle: Modesta, eine temperament- und humorvolle Frau. Sie gaben sich am 4. Oktober 1954 in ihrer Heimat, der katalanischen Stadt Argentona, das Ja-Wort, und in ihrer spanischen Ferienwohnung feierten sie auch das Fest der diamantenen Hochzeit. Jetzt sind die beiden zurück in ihrer zweiten Heimat, Wörth.
Modesta und Amadeu Casanovas wohnen seit 1975 in der Richard-Wagner-Straße in Wörth. Und dank der offenen Pfälzischen Lebensart fühlen sie sich hier auch sehr wohl, wie die Jubilare und ihre beiden Töchter Sion und Antonia einhellig bestätigen. Die Liebe seines Lebens getroffen hat der lyrische Tenor und spätere Leiter der Kundenbetreuung im Wörther Werk des Daimler-Konzernes schon früh. In Mataró, knapp 30 Kilometer nahe Barcelona geboren, hatte er seine Modesta entdeckt. Beide waren gerade 16 Jahre alt, als Modesta ihm auf der Straße aufgefallen sei. Die Liebe überdauerte auch den 18-monatigen Wehrdienst in Tarragona. Amadeu konnte Gesang und Theater studieren, seine Frau sorgte unterdessen für das Einkommen der Familie, zu der sich schon bald Tochter Sion gesellt hatte. Nach ersten Erfolgen auf der Bühne und Auszeichnungen in Spanien und in Frankreich hatte sich Amadeu Casanovas schon einen guten Ruf als lyrischer Tenor erworben. Er sang von 1954 bis 1969 in mehr als 25 Opernaufführungen: In Rossinis „Barbier von Sevilla“ etwa in 63 Aufführungen oder den Belmonte in Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Einen Rekord aber stellte er für sich persönlich auf: Im „Liebestrank“ von Gaetano Donizetti trat Casanovas allein 174 mal als Nemorino auf. Die Engagements führten ihn an fast alle großen Bühnen von Spanien, der Schweiz und Deutschlands, aber auch nach Österreich, Holland, Dänemark, Portugal und England. An seine erste Rolle in der Oper Xerxes von Georg-Friedrich Händel erinnert er sich noch heute sehr gerne, war seine Partnerin doch Montserrat Caballé. Die Karriere als Operntenor mit vielen Reisen, auf die ihn seine Frau Modesta begleitete, war aber nicht nur schön, sondern auch anstrengend. Denn die beiden Töchter mussten meist bei den Großeltern bleiben und kamen erst später nach Deutschland. Ende der 1960er Jahre riet ein Arzt dem Opernsänger, etwas zu pausieren. In dieser Zeit, mittlerweile wohnte die Familie in der Karlsruhe Waldstadt, erfuhr er über Bekannte zufällig vom Bau des Lastwagenwerks in Wörth. Als eine Besuchergruppe aus Peru angemeldet und der spanisch sprechende Kundenbetreuer erkrankt war, wandte man sich an ihn. „Ich hatte von Lastwagen keine Ahnung“, erzählte er uns jetzt, „aber die Militärs aus Peru wohl auch nicht.“ Einige Tage lang aber wartete Amadeu Casanovas auf eine Geste von Daimler-Benz, und schon wollte er das Kapitel abhaken. Dann kam ein Anruf der Werksleitung, bei einem Gespräch eröffnete man ihm, 1970, eine berufliche Option: Ein Mann, der spanisch, italienisch, französisch und deutsch sprechen könne, sei doch der richtige für die Kundenbetreuung im damals noch jungen Werk der Daimler-Benz AG. Am Ende seiner beruflichen Tätigkeit, die ihm Begegnungen mit vielen illustre Besuchern, so mit dem früheren Formel-1-Chef Juan Manuel Fango oder mit dem Clown Charlie Rivel ermöglichte, durfte sich Amadeu Casanovas über viel Anerkennung freuen: So schrieb ihm 2010 der frühere Werkleiter Manfred Hartung: „Für das Werk Wörth waren Sie weltweit der beste Repräsentant!“ Zudem übernahm Amadeu Casanovas den Vorsitz des Kulturvereins. Von 25 Mitgliedern gegründet, wurde der Verein bald der größte spanische Kulturverein in Deutschland. Im Bootshaus am Landeshafen konnte man 1984 die neuen Clubräume einweihen, und viele Veranstaltungen fanden hier statt, betreut von spanischen Wirtsleuten. Sein erlebnisreiches Leben hat Amadeu Casanovas erst vor zwei Jahren in Memoiren festgehalten, für die er allerdings seine Muttersprache auswählte. Der Terminkalender ist gut gefüllt: Die nächsten Reisen zu Konzerten der Berliner Philharmoniker oder nach Leipzig ins Gewandhaus sind schon geplant, und auch die Enkel und Urenkel wollen betreut sein. (fh)