Germersheim
Großbaustelle Südpfalz-Kaserne hat neuen Chef (Bildergalerie)
In früheren Jahren hatte allein die Luftwaffe rund 100 Ausbildungskompanien. Heute gibt es deren noch vier. Und die gehören zum Germersheimer Luftwaffenausbildungsbataillon, das eine Außenstelle im bayerischen Roth hat. An beiden Standorten sind je zwei Kompanien stationiert, sagt der seit Ende Oktober amtierende neue Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Christian Zerau.
Angesichts der veränderten Sicherheitslage in Europa, Stichwort Ukraine-Krieg, sei jedoch eine neue Strategie erforderlich. Die Landes- und Bündnisverteidigung rückt nach Zeraus Aussage wieder in den Vordergrund. Dazu bedürfe es mehr Soldaten, die man rekrutieren und ausbilden müsse. Da die Auslandseinsätze in den Hintergrund gerückt seien, soll in Germersheim eine Einheit für einsatzvorbereitende Ausbildung in eine Kompanie für Grundwehrdienstleistende umgewandelt werden. Das soll zum 1. Juli dieses Jahres geschehen. Hintergrund ist die neue Zielsetzung der Bundeswehrführung. Demnach soll das Luftwaffenausbildungsbataillon in diesem Jahr zusätzliche 550 Rekruten ausbilden und im kommenden Jahr 1000 zusätzlich; im vergangenen Jahr wurden nach früheren Angaben 1700 Rekruten ausgebildet.
Zusätzliche Ausbildungskompanien
Geplant seien zunächst sieben zusätzliche Ausbildungskompanien, um die für die Luftwaffe bis 2029 geplante Personalstärke zu erreichen. Dafür braucht es laut Zerau mehr Unterkünfte. Allerdings gebe es kaum noch Kasernen in Deutschland. Viele wurden in den vergangenen Jahrzehnten aufgegeben. Platz gebe es noch in Roth und in Lechfeld in Bayern, wo jeweils eine Kompanie angesiedelt werden soll. Wo die anderen fünf Ausbildungskompanien hinkommen, sei noch offen. Dass mehr Rekruten ausgebildet werden sollen, bedeute für die Ausbilder eine zusätzliche Arbeitsbelastung. Doch erst wenn 2027 die neue Struktur erreicht sein sollte, sei mit zusätzlichem Ausbildungspersonal zu rechnen.
Deshalb ist Zerau auch gespannt auf den Ausgang der Bundestagswahl am Sonntag: Wird eine allgemeine Dienstpflicht für junge Leute kommen oder gar die ausgesetzte Wehrpflicht? Zerau glaubt nicht, dass sich die erforderliche Personalstärke aktiver Soldaten und Reservisten mit Freiwilligen erreichen lässt. Der Vorteil eines wie auch immer gearteten Pflichtdienstes hätte nach seiner Ansicht den Vorteil, dass sich die jungen Leute mit dem Thema Bundeswehr, Feuerwehr oder Sozialdienst auseinandersetzen und sich so mehr für die Gesellschaft engagieren. Er ist sich dessen bewusst, dass es ein sehr großer, auch finanzieller Aufwand über viele Jahre hinweg sein wird, die erforderliche Infrastruktur wieder zu schaffen, Melde- und Musterungsstellen zum Beispiel. Aber das sei angesichts der Sicherheitslage dringend erforderlich.
Ex-wehrpflichtiger Kommandeur
Zerau selbst hat nach eigenen Angaben 1999 als Wehrpflichtiger seinen Grundwehrdienst in der Südpfalz- damals noch Sponeck-Kaserne in Germersheim abgeleistet. Zu Ausbildungen für den Auslandseinsatz sei er immer wieder in die Festungsstadt zurückgekehrt. So war der in Trier geborene und nun im Raum Köln/Bonn wohnende Vater von zwei Kindern wiederholt in Afghanistan. Dabei habe er damals ganz andere Berufspläne gehabt, wollte nach dem Wehrdienst unter anderem Biologie studieren. Er absolvierte dann zwar ein Studium, allerdings nachdem ihn sein Vorgesetzter gefragt hatte, ob er sich nicht verpflichten will, bei der Bundeswehr – Pädagogik.
Nach mehreren Verwendungen, zuletzt im Bundesamt fürs Personalmanagement der Bundeswehr in Köln, sitzt der 45-Jährige nun im Büro des Kommandeurs nahe dem Kasernentor. Wenn Zerau an seinen Computerbildschirmen vorbei durchs Fenster auf die Ringstraße blickt, sieht er eines der zwei Unterkunftsgebäude, mit deren Abriss begonnen wurde und die durch Neubauten ersetzt werden sollen. Das Zweite steht am Ende der Straße. Wenn alles nach Plan verläuft, sollen beide Neubauten im Juli 2027 bezugsfertig sein. Im selben Jahr soll begonnen werden auf dem Appellplatz ein Ausweichquartier für die Truppenküche zu schaffen. Der Bestandsbau soll abgerissen und ab 2029 durch einen Neubau ersetzt werden.
Alternativen fürs Mannschaftsheim
Kreativität ist gefragt beim an die Truppenküche angegliederten Mannschaftsheim. Dessen Pächter geht mit Anfang 70 am Jahresende in den Ruhestand. Vorgesetzte Dienststellen hätten verfügt, dass das Mannschaftsheim wegen des Gebäudezustands nicht mehr verpachtet werden darf. Eine Alternative wäre, so Zerau, Automaten aufzustellen. Eine andere: das bis dato Offizieren und Unteroffizieren vorbehaltene Pfalzkasino für Mannschaftsdienstgrade öffnen. Räumlich wäre das nach einigen Umbauten kein Problem. Schwierigkeiten bereitet die Verpflegungssituation, sagt der Kommandeur. So sei vor einiger Zeit die Küche ausgebaut und in einen Container neben dem Gebäude ausgelagert worden. Wenn es möglich wäre, ins Gebäude eine zweite Küche einzubauen, dann könnten im Kasino auch Mannschaftsdienstgrade versorgt werden und dort ihren Feierabend verbringen.
Eine weitere „Großbaustelle“ ist, so Zerau, die Erneuerung der Strom-, Gas-, Wasser- und Medienleitungen in der Kaserne. Die seien alt und entsprächen nicht mehr den Anforderungen der fertigen und geplanten Neubauten. Von zentraler Bedeutung sei auch der Bau der zentralen Waffenkammer bis 2027. Denn die neuen Unterkunftsgebäude verfügten im Gegensatz zu den alten über keine eigenen Waffenkammern mehr. Außerdem müssten das sogenannte Maingate und das Übungsdorf für die einsatzvorbereitende Ausbildung renoviert werden – „nicht erweitert“.
Schützengräben ertüchtigen
In seiner Funktion als Standortältester ist Zerau auch für die militärischen Liegenschaften in und um Germersheim verantwortlich. Zu den Plänen, die Standortschießanlage im nahen Bellheimer Wald um eine fünfte Schießbahn zu erweitern, sagt er, dass dies ein längerer Prozess ist. So gelte es unter anderem Anwohnerinteressen, Stichwort Schießlärm, zu berücksichtigen. Weil es aber Bedarf an zusätzlichen Schießübungskapazitäten gebe, „soll gebaut werden“. Bereits in Arbeit ist – „mit Hilfe von Pionieren des Heeres“ – die Ertüchtigung des Schützengrabensystems auf dem Übungsgelände auf der anderen Seite der B9 gegenüber der Südpfalz-Kaserne. Allen Unkenrufen zum Trotz glaubt auch Zerau nun daran, dass die mehrfach verschobene Übergabe, des eigentlich seit zwei Jahren fertigen neuen Sanitätsgebäudes nun im Mai klappt. Die Restarbeiten kämen voran.
Zerau legt nach eigener Aussage Wert darauf, dass die guten Beziehungen der Soldaten zu den Südpfälzern weiter gepflegt werden, unter anderem bei öffentlichen Gelöbnissen. Was sein Bataillon angesichts der vielen anderen Aufgaben nicht mehr leisten könne: die Ausrichtung des Festungsballs.