Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Gewalt in der Notaufnahme: Wenn der Angehörige zum Messer greift

Die Zentrale Notaufnahme in der Kandeler Klinik.
Die Zentrale Notaufnahme in der Kandeler Klinik.

Handgreiflichkeiten und Beleidigungen: Ein Oberarzt und eine Pflegeleitung in der Klinik Kandel berichten von einem Alltag, in dem die Polizei oft zu Hilfe eilen muss.

Die Beispiele sind drastisch. „Einmal hat ein Mann versucht, mit einem Feuerlöscher meinem Kollegen den Schädel zu zertrümmern“, sagt Oberarzt Daniel Schäfer. Oder: Ein 19-Jähriger war jüngst von der Trage aufgestanden und hatte einem Arzt ins Gesicht geschlagen, der sich gerade nach seinem Gesundheitszustand erkundigt hatte. Ein weiterer Fall: Vor einigen Wochen sei in der Notaufnahme nachts viel los gewesen, Angehörige mussten draußen warten. Als eine Klinikmitarbeiterin den Wartenden ein Wasser anbieten wollte, habe ein Angehöriger gefragt „ob er mit dem Messer nachhelfen soll“, erinnert sich Schäfer und seufzt. „Das ist Androhung von Waffeneinsatz.“ Später habe sich der Mann zwar entschuldigt. Aber eine Ausnahme sind solche Vorfälle schon lange nicht mehr.

Oberarzt: „Wir fahren eine Null-Toleranz-Strategie“

Im Gespräch mit der RHEINPFALZ sprudeln die Beispiele geradezu aus Oberarzt Daniel Schäfer und Tanja Demuth, pflegerische Leitung der Notaufnahme, geradezu heraus. Es häuft sich definitiv, das kannten sie so nicht, sagen beide übereinstimmend. Früher sei es überwiegend nachts zu Vorfällen gekommen, inzwischen würde man auch bei hellem Tageslicht angegriffen. Mal sind es die Patienten, mal die Angehörigen, die übergriffig werden. Die Aggressionen seien unabhängig von Alter und Nationalität, betonen beide. Allerdings seien die Täter überwiegend Männer.

Da war zum Beispiel eine Frau, die seit mehreren Tagen an einem Harnwegsinfekt litt und mit ihrem Mann in die Klinik kam. Die Frau wollte ein Rezept für ein Antibiotikum, doch ein solches dürfen die Notaufnahmen nicht ausstellen – so sind die gesetzlichen Vorgaben. Das habe er der Frau erklärt, sagt Schäfer. Doch zehn Minuten später sei der Ehemann wutschreiend zu ihm gekommen und „voll eskaliert“: Er habe sich direkt vor seiner Nase in Boxerstellung gebracht und ihm die Fäuste vors Gesicht gehalten, dann habe er gesagt, „ich werde noch sehen, was passiert“, sagt Schäfer. Auch Fälle von sexueller Nötigung gab es, einer Kollegin sei in den Ausschnitt und zwischen die Beine gefasst worden, sagt Schäfer. Der Mann habe Hausverbot erhalten, auch eine Anzeige sei erstattet worden. „Wir fahren eine Null-Toleranz-Strategie.“

Das Problem gibt es nicht nur in Kandel: Laut einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft gaben 73 Prozent der Kliniken an, dass die Zahl der Übergriffe in ihren Häusern in den vergangenen fünf Jahren mäßig (53 Prozent) oder deutlich (20 Prozent) gestiegen ist. Die Hälfte der Krankenhäuser nennt die Notaufnahme als besonders von Übergriffen belasteten Bereich.

Die Wut kommt während des Wartens

Oft bauen sich während der Wartezeiten die Aggressionen auf, hat Demuth beobachtet. Im Januar und Februar habe die Kandeler Notaufnahme wahnsinnig viel zu tun gehabt, „fast wie bei einem Maximalversorger“. Ein Problem liegt offensichtlich im System: „Menschen kommen zu uns, weil sie am Morgen vom Hausarzt abgelehnt wurden“, schildert Schäfer und deutet in Richtung Behandlungszimmer: „Gerade habe ich zwei von ihnen da.“ Auch hier stößt der Mediziner oft an die gesetzlich vorgegebenen Grenzen: „Ich sage dann, ich sehe zwar, dass es Ihnen nicht gut geht – aber ich darf Ihnen keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen.“

Viele Menschen haben keinen Hausarzt mehr, andere werden von ihrem Hausarzt sogar in die Notaufnahme geschickt – selbst wenn die Erkrankung eigentlich beim Hausarzt behandelt gehört, kein klassischer Notfall ist. Auch die Kassenärztliche Vereinigung ziehe sich immer mehr zurück, die Bereitschaftsdienstzentralen seien immer kürzer besetzt, kritisiert Schäfer. „Die Verlierer des Systems sind die Rettungsdienste und die Zentralen Notaufnahmen, die rund um die Uhr da sind.“ Da ist der Frust im Wartebereich manchmal groß.

Mit einem Mythos will Oberarzt Schäfer aufräumen: „Viele glauben, dass sie schneller an die Reihe kommen, wenn sie mit dem Rettungswagen eingeliefert werden – aber das stimmt nicht.“ Denn alle Patienten werden zunächst triagiert, also hinsichtlich der Dringlichkeit der Behandlung eingestuft.

Seit Corona ist Hemmschwelle gesunken

Doch was sind die Gründe für die niedrige Hemmschwelle, abgesehen von den Wartezeiten? Die Übergriffe hätten seit der Corona-Pandemie zugenommen. „Es kommen definitiv auch mehr Menschen mit Angstzuständen.“ Wobei diejenigen, die wirklich der Hilfe bedürften, kaum auffällig werden.

Ansonsten wird gespuckt, beschimpft, beleidigt – manchmal auch rassistisch: Wie in allen Krankenhäusern arbeiten in Kandel viele Fachkräfte mit internationaler Herkunft, oft weist nur das Namensschild darauf hin. Ein Patient beschwerte sich jüngst, er sei in einem deutschen Krankenhaus und lasse sich nur von einem deutschen Arzt behandeln, schildert Demuth kopfschüttelnd. Und Schäfer merkt an: „Da er kein Notfall war, wurde er wieder nach Hause geschickt.“

Zunehmender Egoismus, mangelnder Respekt gegenüber Pflegekräften, Anspruchsdenken sind weitere Faktoren. Der normale Wahnsinn: Während sich ein jüngerer Mann mit einem Spreißel im Rettungswagen einliefern lässt, kommt ein älterer Mann zu Fuß. Seine Frau hatte ihn vor der Klinik abgesetzt. Der Senior hatte sich mit der Kreissäge schwer am Arm verletzt und selbst notdürftig verbunden. „Das ist mittlerweile grotesk“, sagt Oberarzt Schäfer. „Sie wissen nicht, wie oft ich schon nachts wegen Patienten mit Sodbrennen aufgestanden bin.“

Notrufsystem und Deeskalationstraining

Während es in Kliniken in Großstädten inzwischen Sicherheitspersonal gibt, versucht man sich in Kandel anders zu schützen. So wird gerade im Haus ein Notrufsystem etabliert, mit dem auch direkt die Polizei verständigt wird. Außerdem steht ein Deeskalationstraining mit Spezialisten an. Nach dem Umbau der Kandeler Klinik sollen Patienten und Angehörige in mehreren Sprachen über Leuchttafeln informiert werden.

Zum Abschluss noch ein Blick auf eine besonders heftige Nacht im März, in der die Polizei gleich dreimal mit jeweils zwei Streifenwagen nach Kandel anrückte: Ein Patient hatte Selbstmordabsichten geäußert, später war ein anderer Patient aggressiv. Und dann stand auch noch ein Mann in der Tür, der behauptete, Arzt zu sein und Opiate abholen müsste – ein bundesweit gesuchter Betrüger, der unter mehreren Namen agierte und so gewaltbereit war, dass die Polizei dem Oberarzt dringend riet, ihn in einem Einzelzimmer zu isolieren.

Haben viel Erfahrung in der Arbeit in der Notaufnahme. Chefarzt Manuel Lingner (links), Oberarzt Daniel Schäfer (Mitte) und Tanj
Haben viel Erfahrung in der Arbeit in der Notaufnahme. Chefarzt Manuel Lingner (links), Oberarzt Daniel Schäfer (Mitte) und Tanja Demuth, pflegerische Leitung.
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