Kreis Germersheim / Hördt
Extremhochwasser: Wie die Hördter Au die Menschen schützen soll
2016 wagte man eine steile Prognose: 2024 sollte der Rückhalteraum für Extremhochwasser in der Hördter Rheinaue einsatzbereit sein. Von diesem Zeitpunkt gingen Fachleute damals bei einer Tagung aus. Nun ist bereits 2025 und man ist noch himmelweit vom Ziel entfernt.
Seit mehr als 20 Jahren wird über den Reserveraum zwischen Leimersheim und Sondernheim geredet und um ihn gerungen. Das Ausmaß und die Planungsdimension des Hochwasserschutz-Projekts sind enorm, die Abstimmungen waren zäh und die Anzahl der Beteiligten groß. Es ist ein Projekt der Superlative in vielerlei Hinsicht. Das dokumentierte Material der letzten Jahre füllt 28 Ordner. Der Laie kann da schon mal den Durchblick verlieren. Nachdem fast drei Jahre wenig Neues zu vermelden war und die Ortsgremien sich nach der Kommunalwahl anders zusammengesetzt haben, haben die Planer der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd nun in Hördt den Stand der Dinge vorgetragen – an dem Ort, vor dessen Toren der Rückhalteraum gebaut werden soll und nach dem er benannt ist.
Für das Katastrophen-Szenario
Bis zu 32 Millionen Kubikmeter Rhein-Wasser soll die Hördter Au fassen, wenn es zu einem extremen Hochwasser kommt. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um eine Reserve, wenn die anderen Polder nicht ausreichen, um eine Katastrophe zu verhindern. Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Frankreich leisten mit Retentionsflächen einen Beitrag, um die Großregion vor einem Hochwasser zu schützen, das statistisch gesehen nur alle 200 Jahre vorkommt. Zu insgesamt 25 Maßnahmen gehören etwa die einsatzbereiten Polder Wörth-Jockgrim oder Daxlander Au bei Neuburg. Am Ende sollen die oberrheinischen Retentionsräume insgesamt 287 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen können. Für Szenarien, die darüber hinausgehen, seien die Reserveräume gedacht, sagte Wolfgang Koch von der Deichmeisterei Speyer im Hördter Gemeinderat. Ein zweiter, ebenso großer, On-Top-Rückhalteraum wie in der Hördter Au ist nördlich von Worms, in Eich-Guntersblum, geplant.
Das Moderationsverfahren zum Reserveraum in Hördt ist 2006 gestartet. „Es war ein schwieriges Unterfangen“, blickt Koch zurück. Das Ergebnis war „ein Kompromiss aus vielen Interessenslagen vor Ort“. Dann kam die Raumordnung ins Spiel, und 2015 begann der öffentliche Beteiligungsprozess mit Abstimmungen zwischen Planern, Bürgern, Vertretern von Landwirtschaft, Verkehr, Naturschutz, Binnenentwässerung und Forst. Mit dem Antrag für das Planfeststellungsverfahren waren die Vorgaben im Sommer 2022 festgezurrt.
Wasser läuft an drei Stellen über
Die neue rückwärtige Deichlinie soll rund 9,5 Kilometer lang werden. Sie beginnt in den Leimersheimer Auwiesen und schließt in der Nähe des Sondernheimer Schleusenhauses an den Rheinhauptdeich an. Der Innenraum hat eine Fläche von circa 830 Hektar. Geflutet wird so: Es gibt drei jeweils 300 Meter lange Überlaufschwellen am vorderen Hauptdeich. Das Wasser wird ab einer bestimmten Pegelhöhe automatisch in den Reserveraum einfließen. Außerdem ist eine Soll-Bruchstelle beim derzeitigen Schöpfwerk Sondernheim-Süd geplant. Sie wird gesteuert. „Diese Bresche darf nur geöffnet werden, wenn Wasser über die Überlaufschwellen läuft“, erläutert Wolfgang Koch. Es sei eine zusätzliche Option, um den Raum optimal zu nutzen und die Hochwasserwelle effektiv abzumildern. Für die Flutung des Reserveraums gebe es wie bei den Poldern klare Regularien. Er kommt nur zum Einsatz, wenn es „dringend notwendig“ wird und die Bemessungsgrenze der Deiche überschritten ist. Der Punkt, auf den die Deiche ausgelegt sind, liegt bei einem Stand von circa 9,20 Metern am Pegel Maxau.
Regelmäßig geplant sind hingegen kleinere ökologische Flutungen einiger Areale innerhalb des Reserveraums. Die Aue soll damit auf seltene Überschwemmungen vorbereitet werden, um Schäden im Fall des Falles möglichst gering zu halten.
Zeitplan bleibt Glaskugel-Leserei
Noch in diesem Sommer soll der Reserveraum mit dem Planfeststellungsbeschluss genehmigt und Baurecht erreicht werden. Es ist sozusagen die abschließende Entscheidung für das Mammutprojekt. Realistisch betrachtet dauere der Bau zehn bis 12 Jahre, meint Koch. Wenn Klagen eingehen, könne sich alles um Jahre verzögern. Das Erste, was umgesetzt wird, sei die Baustraße. Sie soll den Lkw-Verkehr von den Dörfern fernhalten und führt von der B9 südlich von Kuhardt an den dortigen Kies-Seen vorbei. Der Trassenverlauf sei „eine schwere Geburt“ gewesen, berichtet Koch. Zig Varianten wurden abgeklopft. Vorgezogen wurde der Bau des neuen Schöpfwerks in Leimersheim. Es ist seit vergangenem Jahr in Betrieb – und hat einige weitere Ordner mit Planmaterialien gefüllt.
Laut SGD soll der Hördter Reserveraum extremes Hochwasser, das über dem so genannten Bemessungshochwasserstand der Deiche liegt, also verheerender als ein 200-jährliches Ereignis ist, abmindern und so das Risiko eines unkontrollierten Deichversagens reduzieren. „Er wirkt am meisten hier. Der positive Effekt bleibt in der Region“, so Koch. Die letzte Katastrophe sei gut 140 Jahre her. Damals gab es schwere Schäden in der Rheinebene bei Speyer und Germersheim. „Wir sind hier lange vor knackigen Hochwassern verschont geblieben“, sagt Wolfgang Koch. Er lässt durchblicken: Das könnte sich schneller ändern, als allen lieb ist.