Kreis Germersheim
Erzieher in Kitas sind ausgebrannt
„Ich hab’ keinen Bock mehr. Am liebsten würde ich alles hinschmeißen.“ Diesen Satz hat Kerstin Franz schon mehrmals von Kollegen gehört – und selbst schon gesagt, wenn mal wieder alles zu viel wurde. Infizierte Kinder, kranke Erzieher, geschlossene Gruppen, uneinsichtige Eltern, Corona-Bürokratie, ständig neue oder unklare Vorgaben: Die Leiterin der Louise-Scheppler-Kita in Wörth schildert eine dramatische Lage in den Einrichtungen. Es ist keine Einzelmeinung. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ lassen Leiterinnen aus fünf protestantischen Kitas im Kreis (Wörth, Neuburg, Germersheim und Sondernheim) Dampf ab. Es wird klar: Die Erzieher sind am Limit.
„Ich denke, man nimmt bei den Kitas die Durchseuchung in Kauf“, sagt Andrea Amos vom Oberlin-Kindergarten in Wörth. Wenn ein Kind erkrankt, müssen seit Anfang Februar zwar alle in der Gruppe nach Hause, können aber am Folgetag mit einem negativen Schnelltest zurückkehren. „Die Kinder verbringen ihre Inkubationszeit bei uns.“ Weitere Kinder und Erzieher würden krank, wobei die Erwachsenen die Infektion meist nicht so schnell wegsteckten als die Kleinen. Aktuell seien fast alle Kinder in ihrer Kita da, aber mehr als die Hälfte der Erzieher zuhause. „Die, die noch gesund sind, sind so überlastet, dass sie irgendwann zusammenbrechen“, so Amos. Die Öffnungszeiten sind stark eingeschränkt. Nicht alle Eltern reagierten darauf verständnisvoll. In Rückmeldungen aus weiteren Kitas im Kreis, die Kerstin Franz eingeholt hat, ist von Frust und Anfeindungen die Rede, „wenn die Kita schließen muss oder Kinder abgeholt und getestet werden müssen“.
Auch Lolli-Tests kommen nicht an
Die Erzieherinnen kritisieren die gelockerte Quarantäne und fordern Testregeln, die denen in der Schule vergleichbar sind. Dort testen Kinder fünf Tage hintereinander, wenn ein Klassenkamerad an Corona erkrankt. Auch eine anlasslose Testpflicht für alle würden sie begrüßen. Im Moment setzt das Land in Kindergärten auf Freiwilligkeit. Manche Träger kooperieren dabei mit Teststellen. In der Scheppler-Kita bietet eine Apotheke Tests an. Von 125 Kindern machen aber nur regelmäßig zehn oder 15 mit, erzählt die Leiterin. Einige Eltern sagen, sie hätten keine Zeit, andere, sie testen zuhause. Auch der Satz „Ist mir doch egal“ sei schon gefallen. „Man kriegt die Gründe nicht wirklich raus“, so Kerstin Franz. Manche Eltern hätten angeblich lieber Lolli-Tests statt Popel-Tests. In der Oberlin-Kita gibt es sie schon. Aber auch die würden nicht gut angenommen. Odette Yildirim-Schicke vom Sondernheimer „Sonnenschein“-Kindergarten befürchtet eine hohe Dunkelziffer bei infizierten Kindern ohne Symptome.
Die Erzieherinnen vermissen eine „erkennbare Strategie“, um die Situation in den Kitas zu entschärfen. Vorgaben aus Mainz seien nur „Empfehlungen“ und würden daher in jeder Einrichtung anders umgesetzt. Das führe zu Unverständnis bei Personal und Eltern. Handreichungen kämen oft auf den letzten Drücker. Aktuelles Beispiel: die Ein-Tages-Quarantäne. Die sollte ab montagmorgens umgesetzt werden, die Anweisung kam bei Andrea Amos erst am Montagnachmittag kurz vor Kita-Ende an. Manchmal seien Medien schneller über Änderungen informiert als die Kita-Leitungen selbst.
Ein Testlauf für die Durchseuchung
Die Erzieher seien die einzige Berufsgruppe, die abgesehen von der Impfung weitgehend ungeschützt mit ungeimpften Menschen, den Kleinkindern, arbeite. Maske tragen sei möglich, aber in der Arbeit besonders mit den ganz Kleinen problematisch. „Sie brauchen Mimik und Gestik, auch wegen der Sprachentwicklung“, sagt Kerstin Franz. Die Durchseuchung werde an den Schwächsten der Gesellschaft, den Kita-Kindern, ausgetestet, mahnt Susanne Heinz von der Germersheimer „Arche Noah“.
„Der Tenor aus allen Rückmeldungen ist, dass die Erzieher keine Anerkennung für ihre Arbeit spürbar erfahren“, sagt Kerstin Franz mit Blick auf ihre schriftliche Abfrage in den Kitas. Vom Träger komme Wertschätzung, von einigen Eltern und einzelnen Politikern auch. „Aber wir haben das Gefühl, wir haben keine Lobby, keinen Stellenwert in der Gesellschaft und Politik. Die Kitas werden einfach vergessen.“ Mit ihren Sorgen haben sie sich unter anderem an den Landtagsabgeordneten Martin Brandl (CDU) gewandt. Dass Erzieher wegen ihrer Arbeitsbedingungen auf dem Zahnfleisch gehen, habe Corona noch verschärft, sagt er in der Gesprächsrunde. Wenn Menschen, die ihren Beruf leidenschaftlich gerne machen, kurz vor dem Hinschmeißen wären, sei das „die größte Anti-Werbung dafür, dass Fachkräfte künftig diesen Beruf ergreifen“.
Das „i-Tüpfelchen“ der Bürokratie
„Wir können nicht mehr auf die Bedürfnisse der Kinder individuell eingehen“, fährt Kerstin Franz fort. „Wir haben einen ganz klaren Bildungsauftrag.“ Doch der komme wegen Personalnot und zusätzlicher Corona-Aufgaben zu kurz. Auch Eltern- und Teamarbeit bleibe seit zwei Jahren auf der Strecke. „Ganz viele Dinge sind eingefroren.“ Und die bürokratische Last nimmt weiter zu: Das „i-Tüpfelchen“ sei die Nachricht gewesen, dass die Kita-Leiter nun auch Absonderungsbescheinigungen anstelle der überlasteten Gesundheitsämter ausstellen sollen. Diese brauchen Eltern von infizierten Kindern als Nachweis für ihren Arbeitgeber. „Das ist eigentlich nicht Aufgabe der Kita und keine sinnvolle Lösung“, pflichtet Pfarrer Andreas Pfautsch aus Wörth als Träger-Vertreter bei. Es sei lediglich eine Lastenverschiebung.
Eine „nicht mehr tragbare, eine verzweifelte Situation“ schildert auch Daniel Deutsch, Leiter des Friedenskindergartens in Wörth. Am Freitag hat er einen „Brandbrief“ verfasst, der zunächst die Eltern informieren sollte, bevor er nach Mainz geschickt wird. Von „Schließungen, Notgruppen, Quarantäne und ganz viel Corona“ ist darin die Rede. Auch Resignation ist zwischen den Zeilen zu lesen: „Wir wollen ein guter Kindergarten sein. Dieser Aufgabe können wir aktuell nicht gerecht werden. Dies tut uns leid, aber wir können nicht mehr!“
Die Lage spitzt sich täglich zu
Seit Januar habe sich die Lage mit der Omikron-Welle zugespitzt, erzählt Deutsch auf RHEINPFALZ-Nachfrage. Eine Woche war die Kita ganz zu, weil Personal fehlte. Mehrere Kollegen seien aktuell an Corona erkrankt, einige mit starken Symptomen. Andere, die die Infektion hinter sich haben, seien im Dienst, „aber immer noch nicht richtig fit“. Deutsch blickt mit Sorge auf geplante Lockerungen und was dann auf die Kitas zukommt. Auch er fordert eine Testpflicht, wie sie Baden-Württemberg für Kitas eingeführt hat: „Es kann doch nicht sein, dass man uns so durch die Durchseuchung schickt.“