Lustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Corona: Wenn sich alles anfühlt wie vor knapp fünf Jahren

Während ihres Auslandssemesters in Paris im Spätjahr 2023 trug Linda Weis noch regelmäßig eine Maske. Dieses Spätjahr in der Hei
Während ihres Auslandssemesters in Paris im Spätjahr 2023 trug Linda Weis noch regelmäßig eine Maske. Dieses Spätjahr in der Heimat verzichtete sie darauf. Ihr Mann Jim Weis wurde so zu ihrem Corona-Krankenpfleger – zum Glück nur auf Zeit.

Haben wir aus Corona irgendetwas gelernt? Unsere Autorin ist Risikopatientin, frisch von einer Infektion genesen und hat da so ihre Zweifel.

Die Masken, Desinfektionsmittel und unsere Angst vor dem Coronavirus sind aus unserem Alltag verschwunden. Die Aufforderung zum Impfen ist für viele Meisten ein nerviger Werbespot, nicht mehr. Auch mir geht es ähnlich. Lange genug hat Corona unser Leben bestimmt – gerade bei mir als Risikopatientin, wo aufgrund meiner Vorerkrankungen immer die Devise galt: erkranke ja nicht, niemand weiß, wie der Körper eine Infektion verkraftet. So beachte ich im Spätjahr 2024 noch einige Sicherheitsmaßnahmen, aber bei Weitem nicht alle. Zwar war für Dezember meine siebte Corona-Impfung geplant, aber Masken trage ich selbst bei Veranstaltungen mit mehreren hundert Menschen nicht mehr.

2020 negativ, 2024 positiv

Ein kurzer Rückblick: Es ist Freitag, der 13. März 2020. Ein Mann in Schutzkleidung betritt das Wohnhaus meiner Eltern in Lustadt. Er wurde vom Gesundheitsamt geschickt, um einen Corona Test an mir durchzuführen. Zuvor hatten meine Eltern und ich Stunden in der Hotline 116 117 verbracht. Drei Tage zuvor war ich aus dem Corona-Risiko-Gebiet Grand Est in Frankreich angereist, wo ich damals studierte, und zeigte nun grippeähnliche Symptome. Mein Testergebnis fällt damals negativ aus – glücklicherweise. Schließlich ist zu diesem Zeitpunkt über das Coronavirus kaum etwas bekannt und speziell bei mir als Immundefektspatientin weiß, wie die Telefonate des Tages zeigten, verständlicherweise niemand wie mit einer Infektion umzugehen sei.

Zurück im Jetzt, über viereinhalb Jahre später. Im November 2024 teste ich mich erstmalig positiv auf das Coronavirus. Bereits seit zwei Tagen geht es mir nicht gut, die bisherigen Tests waren jedoch noch negativ. Doch an diesem Morgen bin ich mir bereits beim Wachwerden sicher: ich muss Corona positiv sein. Mein Zustand ist mit keinem bisherigen Infekt – und ich hatte auf Grund meines Immundefekts schon so einige – vergleichbar. Mein Mann musste mir, wie dann auch in den folgenden Tagen, aus dem Bett helfen, muss mich bei jedem Schritt stützen und mir auch beim Test assistieren. Alleine schaffe ich nichts.

Keiner hat Antworten auf Fragen

Was mich als Corona-Risikopatientin besonders besorgt, sind die Schmerzen in meinem Rücken, und die Tatsache, dass ich schwer Luft bekomme. Plötzlich ist Corona bei mir und meiner Familie wieder ganz präsent. In den kommenden Tagen erfahre ich am eigenen Leib, dass in den Arztpraxen und Krankenhäusern Corona zwar noch ein Thema ist, aber kein dominierendes mehr. Und was erstaunlich ist: Wie man mit mir als Immundefektspatientin, die am Virus erkrankt ist und starke bis sehr starke Symptome aufzeigt, tatsächlich umgehen soll - das weiß auch nach fast fünf Jahren Corona niemand so richtig.

Bin ich ein Einzelfall? Oder haben wir aus der Corona-Pandemie tatsächlich nur wenig gelernt und schicken Betroffene einfach weiter, ohne ihnen helfen zu können? Vielleicht tue ich mit dieser Frage vielen Unrecht, die tagtäglich gegen das Virus kämpfen. Aber gehen wir wirklich mit dem Virus um oder verdrängen wir das Thema einfach, bis wieder zwei Streifen auf einem Teststreifen auftauchen – sofern man sich überhaupt noch testet?

Zehn Tage bis es besser geht

Zehn Tage nach meiner Infektion kann ich mich das erste Mal wieder selbst anziehen, ohne danach vor Erschöpfung umzukippen. Inzwischen bin ich glücklicherweise wieder negativ und kann nach Aussage meiner Ärzte, durch die sechsfache Impfung, sehr guter Dinge für eine vollständige Heilung ohne Nachwirkungen sein.

Mir kommen neue Fragen: Was ist mit den Menschen, die bis heute unter ihrer Corona-Infektion leiden? Also den Long-Covid-Patienten, aber zum anderen auch den Menschen, die in der Pandemie Traumatisches erleben mussten, dass sie noch nicht verkraften oder gar aufarbeiten konnten. Werden wir ihnen gerecht? Und sind wir im medizinischen Umgang mit Long-Covid-Patienten sicherer als in dem von frisch infizierten Risikopatienten? Laut meiner Internet-Recherchen klaffen noch immer große Lücken in der Behandlung von Long-Covid-Patienten. Auch das angebliche Wundermedikament soll nun wohl doch nicht halten können, was man sich von ihm erhoffte. Welch’ ernüchternder Befund.

Selbstkritisch muss auch ich sagen: Bisher habe ich mich nur sehr wenig mit der Situation der Menschen befasst, die seit Wochen, Monaten, gar Jahren unter Corona und dessen Folgen leiden. Und auch heute, nur einige Tage nach meiner Recherche, konzentriere ich mich wieder ganz auf mich, meine vollständige Genesung, meine Rückkehr an meinen Arbeitsplatz und meinen generellen Wiedereinstieg in den Alltag.

Ein kurzer Spaziergang mit zwei Pausen

Nach 14 Tagen kann ich zum ersten Mal wieder alleine das Haus verlassen: für einen Spaziergang, der etwa 300 Meter lang ist. Zwei Pausen brauche ich auf diesem Weg, bin unglaublich glücklich und auch stolz, diesen Weg alleine zurücklegen zu können. Ich nehme Platz auf einer Bank in der Morgensonne. Ich nehme das Rascheln des Windes in den Blättern des Baumes wahr, höre die Vögel singen. Ein Moment, der mir so vieles gibt. Ich nehme mir vor, solch kleine Momente der Ruhe ab jetzt in mein Leben einzubauen. Aber eigentlich weiß ich schon jetzt: im normalen Alltag wird dafür genauso wenig Platz sein wie für, so mein Eindruck, Corona in unserer Gesellschaft.

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