Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Bundestagswahl: Obada Barmou will für Grüne Direktmandat holen

Der Grünen-Kandidat Obada Barmou ist ein EU-Fan. „Wir sind alle Unionsbürger, auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen.“
Der Grünen-Kandidat Obada Barmou ist ein EU-Fan. »Wir sind alle Unionsbürger, auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen.«

Vor der Wahl: Der Grünen-Kandidat Obada Barmou fordert eine eigene Behörde für Erwerbsmigration und niedrigere Energiepreise.

Es sind große Fußstapfen, in die Obada Barmou treten will, aber dem jungen Grünen mangelt es nicht an Selbstvertrauen: Der 27-jährige Jockgrimer ist als Direktkandidat aus der Südpfalz der Nachfolger von Tobias Lindner. Der aktuelle Staatsminister im Auswärtigen Amt tritt bei der kommenden Bundestagswahl nicht mehr an.

Der Wahlkampf fordert seinen Tribut: Gerade bekomme er meist nur fünf Stunden Schlaf, erzählt Barmou beim Gespräch in der RHEINPFALZ-Redaktion. Am Abend zuvor hat er an zwei Podiumsdiskussionen teilgenommen, eine davon war zum Thema Klimawandel in der Stadthalle Kandel. Den frühen Morgen hat Barmou mit seinen Mitstreitern am Bahnhaltepunkt Germersheim Mitte/Rhein verbracht, Äpfel und Informationsmaterial verteilt und Pendler angesprochen.

Dabei habe er sich nach den wichtigsten politischen Themen erkundigt, erzählt er. (Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde vor dem CDU-Antrag im Bundestag, der mit den Stimmen der AfD angenommen wurde, geführt) Die Antworten? Sorgen angesichts der steigenden Lebensmittelpreise und der Inflation, auch die Gesundheitsversorgung wurde angesprochen. Bei Gesprächen mit Schülern sei ihm aufgefallen, dass diese über die sozialen Medien wohl mit Verschwörungstheorien in Berührung kommen und von angeblich reichen Ukrainern berichten, die das deutsche Sozialsystem ausnehmen. Zwar gebe es immer Einzelne, die das System ausnutzten, sagt Barmou. Aber diese Minderheit dürfe man nicht verallgemeinern.

Man müsse unterscheiden zwischen der Erwerbsmigration und Fluchtbewegungen zum Beispiel wegen des Klimawandels oder Kriegen. Da sich die Verwaltung um beides kümmern müsse, sei sie überfordert. Barmou plädiert für eine eigene Behörde für die Erwerbsmigration, „wir müssen nach dem kanadischen Modell schauen“.

Der 27-jährige Student der Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim arbeitet im Wirtschaftssektor. Dabei sei er als Werkstudent im Bereich des bargeldlosen Bezahlens für Bonitätsprüfungen zuständig, sagt er. Und wenn er über Migration redet, weiß Barmou, wovon er spricht: Der gebürtige Syrer protestierte schon als Teenager gegen das Regime. 2015 ist er im Alter von 18 Jahren gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder nach Deutschland geflohen. Beide haben in der Integrierten Gesamtschule Rülzheim ihr Abitur gemacht, beide Brüder studieren. Obada Barmou ist seit 2020 bei den Grünen, seit 2023 ist er deutscher Staatsbürger. „Deutschland hat mir die Chance gegeben, auch Politik zu machen“, sagt er und merkt mit einem Lächeln an: „Hartnäckigkeit ist ein Begriff, mit dem ich vertraut bin.“

Themen hat er schon genug: „Um die Gesundheitsversorgung mache ich mir große Sorgen“, sagt er und fordert: Auch das Rentensystem müsse neu gedacht werden. Die Antwort der Politik dürfe nicht sein, dass Menschen, die lange gearbeitet haben, dann zum Beispiel in die Altersarmut abrutschen, weil sie Selbstständige waren, sagt Barmou.

„Wir brauchen mehr Solar- und Windenergie“, fordert er, Jockgrim nutze zum Beispiel nur drei Prozent seines Potenzials aus. Deutschland habe den Moment verpasst: „Wir waren mal führend in der Herstellung von Solarpaneelen.“ Nun kämen günstige Paneelen aus China und die Installation sei teuer. Ein weiterer Punkt: „Wir müssen schaffen, dass grüner Strom billiger wird.“ Für Energiespeicher müssten die bürokratischen Hürden abgebaut werden, hier müsse Deutschland eine Vorbildrolle einnehmen, fordert Barmou. Immerhin sei es schon gelungen, die Genehmigungsdauer von 32 auf 23 Monate zu senken. Und er wünscht sich, dass das Thema Digitalisierung „von oben“ angegangen, also zur Chefsache gemacht wird.

Der Fachkräftemangel sei auch in seinem ehemaligen Wohnort zu spüren, erzählt er: „Als ich nach Neupotz kam, gab es noch einen Bäcker, jetzt gibt es keinen mehr - nicht, weil es sich nicht lohnt, sondern weil es niemand machen will.“ Dabei gehörten Bäcker und Metzger in einer Gemeinde doch mit zur Lebensqualität.

„Wir müssen uns ehrlich machen und die Menschen entlasten“, sagt er und merkt mit Blick auf die Ampel-Regierung an: „Ein Klimageld hätte vor dem Heizungsgesetz kommen müssen.“ Gleichzeitig dürften Einnahmen aus dem Klimaschutz zum Beispiel nicht für den Straßenbau genutzt werden. Es müsse eine Entlastung für kleine und mittlere Einkommen geben. Ein Vorschlag der Grünen: Statt Miete zu zahlen, sollten junge Menschen ein günstiges Darlehen bekommen, mit dem Ziel, Wohneigentümer zu werden. Allerdings wäre es in Zeiten von hohen Energiepreisen nicht sinnvoll den Mindestlohn zu erhöhen, sagt Barmou. „Der Anstieg auf 12 Euro war gut“, aber hinsichtlich einer weiteren Erhöhung zeigt sich Barmou zurückhaltend.

Hinsichtlich des Angriffs auf die Ukraine sagt er: „Die EU muss gestärkt werden, die Alleingänge schwächen uns alle.“ So könne es ein Referendum unter der UN in den besetzen Gebieten geben, „wenn die Menschen lieber russisch sein wollen, dann muss man das akzeptieren.“ Bei Waffenlieferungen sei kaum davon die Rede, was China oder Nordkorea an Russland liefern. Allerdings müsse man differenzieren, so Barmou: „Liefern wir Waffen um das Völkerrecht zu unterstützen, oder liefern wir in Länder, die einen Krieg anzetteln wollen.“

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