Pfälzerwald
Blinde wandern 78 Kilometer durch die Pfalz: Wie das geht und was die Gruppe erlebt
„Kuckuck, gurrgurr, tschilp-tschilp, piieeeeep!“ Das Vogelstimmenkonzert hallt durch das Waldstück bei Bornheim in der Südpfalz. Aber wie viele Stimmen sind es überhaupt? Still horcht die Gruppe und kann schnell zwischen vier und sechs Vögeln benennen: Taube, Amsel, Kohlmeise und Buchfink sind definitiv darunter. Philipp Maurer vom örtlichen Forstamt ist dabei und prägt bei seiner Vorstellung den Satz: „Bäume muss man nicht sehen, um sie zu erkennen.“ Dafür erntet er große Zustimmung aus der rund 30-köpfigen Gruppe aus blinden und sehbehinderten Wanderern sowie ihren Begleiterinnen und Begleitern.
Hambacher Schloss, Nachenfahrt und Westwall
Ein wortwörtlich eingespieltes Team sind Helga Rögele aus Baden-Württemberg, selbst stark sehbehindert, und Gerhard Wagenblatt aus Rülzheim. Wagenblatt ist in erster Linie als Wegpate des Otterbachbruchwegs bei Rheinzabern in der Südpfalz bekannt – und mit Rudi Wintergerst, dem Organisator der Blindenwanderwoche, befreundet. So hat er bei einer anderen Wandergelegenheit bereits Helga Rögele kennengelernt, wie die beiden erzählen. Und nun wandern sie eben gemeinsam durch die Südpfalz. Dabei hält sich Rögele mit der rechten Hand am Rucksack von Wagenblatt fest, läuft also links von ihm. Ziemlich flott sind die beiden unterwegs und während sie marschieren, bleibt sogar noch Zeit fürs Gespräch mit der Medienvertreterin.
Zu Menschen, die sie führen – in ihrer Heimat wird sie beispielsweise zum Schwimmen begleitet – habe sie natürlich Vertrauen. Viele Kommandos wie „Achtung“ oder „Vorsicht“, „Links“ und „Rechts“ braucht es jedoch nicht. Wenn Wagenblatt beispielsweise ein paar Stufen oder einen Absatz hochgeht, spürt Rögele das sofort und reagiert entsprechend.
Das Vertrauen muss stimmen
Das verdeutlicht auch Ralf Augspurger im RHEINPFALZ-Gespräch. Der Mit-Organisator der Pfälzer Blindenwanderwoche engagiert sich bereits seit Jahren für mehr Inklusion im Wandern. Los ging es mit den ersten Angeboten im Schwarzwald, wie er zurückblickt. Doch auch in der Pfalz gibt es mittlerweile vielfältige Möglichkeiten. Augspurger, der auf dem Weg in die Queichwiesen Hand in Hand mit seiner Frau unterwegs ist, wird demnächst die Zugspitze erklimmen. Er erklärt: „Für blinde und sehbehinderte Menschen zählt bei solchen Touren jeder Schritt, jeder Klang.“ Das Stück entlang einer vielbefahrenen Straße beispielsweise stresst die Gruppe, schöner ist es da in der stillen Natur. Und wie konkret geführt wird, ist individuell unterschiedlich, so Augspurger: am Arm, am Rucksack, mittels einer Schnur oder mit miteinander verbundenen Kugeln. Auch ein Blindenhund ist auf der Wandertour in der Südpfalz dabei. „Es geht darum, Berührungsängste abzubauen. Die Wege sind da, was fehlt, sind Menschen, die mitgehen“, sagt Augspurger, während es nun mit dem Biologen Pirmin Hilsendegen in die Queichwiesen geht – ein über Generationen gewachsenes Feuchtgebiet, dessen traditionelle Bewässerung den Status des immateriellen UNESCO-Kulturerbes innehat.
Inklusion im Wandern fördern
Zuvor hat die Gruppe beim Storchenzentrum Bornheim schon einiges über das Leben und Verhalten der weiß-schwarzen Vögel erfahren, die die Region prägen. Jessica Lehmann, Leiterin der Einrichtung, erzählt: Die Pflegestation nimmt Tiere aus einem Umkreis von bis zu 200 Kilometern auf, oft nach Unwettern oder Verletzungen. „Gezähmt wird hier niemand“, betont sie. Und: „Ziel ist die Rückkehr in die Freiheit.“ Auch Ausflüge unter anderem ins Hambacher Schloss, in den Bienwald, auf den Westwallwanderweg bei Schaidt, zur Hohen Loog und sogar per Nachenfahrt über den Altrhein bei Germersheim hat die Gruppe bereits erlebt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, viele kennen sich bereits. Mit dabei ist auch eine Studierendengruppe der TU Kaiserslautern, die sich mit der barrierefreien Gestaltung von Wanderwegen befasst.
Neben Augspurger läuft nun Rudi Wintergerst aus Rheinzabern, der die Woche durchgeplant hat, Organisatorisches wird besprochen. „Wandern ist für alle da“, hatte der 70-Jährige zuvor gegenüber der RHEINPFALZ gesagt. Eine bessere Inklusion im Wanderbereich ist eines der Ziele, weshalb sich Wintergerst und Augspurger über das Interesse aus dem Tourismusbereich und der Politik an der Blindenwanderwoche freuen. An einzelnen Tagen waren Vertreter dabei und hätten sich intensiv und interessiert ausgetauscht. Im nächsten Jahr soll es wieder eine Blindenwanderwoche in der Pfalz geben, kündigt Wintergerst an. Insgesamt legte die Gruppe rund 78 Kilometer zurück – ohne nennenswerte Zwischenfälle und bei bestem Wetter, wie er nach der Blindenwanderwoche resümiert.
