Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Ballons sorgen für Ärger und Aufmerksamkeit

Luftballonaktion vor dem Naturfreundehaus Kandel.
Luftballonaktion vor dem Naturfreundehaus Kandel.

„Ich musste mir einfach Luft machen, das habe ich auf meiner (Facebook-)Seite getan. Die haben mich vorgeführt vor den Leuten.“ Das sagt Peter Bolze, der Wirt des Naturfreundehauses Kandel. Mit seiner Belegschaft hat er sich an einer Protestaktion beteiligt, die für ihn jetzt mit „einem Brief vom Staatsanwalt enden soll“.

Mit Luftballons haben Gastwirte am Tag der Arbeit, 1. Mai, landesweit auf ihre missliche Situation aufmerksam gemacht. Seit November müssen sie ihre Lokale im Corona-Lockdown geschlossen halten, dürfen lediglich Abholservice anbieten. Der hinten und vorne nicht auskömmlich ist, wie Gastronomen sagen, die sich an der landesweiten Aktion der Facebookgruppe Gastgewerbe Rheinland-Pfalz beteiligten. Neben Gastronomiebetrieben in Hördt und Wörth war auch der Pächter des Naturfreundehauses Kandel, Peter Bolze, mit seinen Mitarbeitern dabei. Bolze ist der Initiator dieser Facebook-Gruppe – und rechnet jetzt mit Post von der Staatsanwaltschaft.

Verstöße gegen die Coronaregeln – Abstand und Kontaktverbot – waren es nicht. Er fürchtet , dass ihm eine ungenehmigte Veranstaltung angehängt werden könnte. Der Gastwirt hatte nach eigenen Angaben die Polizei Wörth und das Ordnungsamt Kandel bereits am 26. April auf die Veranstaltung der Gastronomen aufmerksam gemacht. Wie übrigens auch die RHEINPFALZ, die am 30. April über die geplante Luftballonaktion berichtete.

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Viele Gastronomen sind in Not

Am Naturfreundehaus kam es am 1. Mai dann zu einer Zusammenkunft mit geschätzt 60 bis 70 Menschen, die auf der öffentlichen Straße vor dem Haus ihre blauen und roten Luftballons steigen ließen und damit ihren Wunsch nach Öffnung der Gastronomie artikulierten. Woher sie das wussten? Bolze hatte wie andere Wirtsleute auch auf seiner Facebookseite auf die Aktion aufmerksam gemacht. Und das Naturfreundehaus Kandel hat ein riesiges Publikum. Es sei dringend notwendig, auf die schwierige Situation der Gastronomie aufmerksam zu machen, hatte Bolze gut eine Woche vor der Aktion angekündigt. Über 200.000 Mitarbeiter der Gastronomie seien arbeitslos und niemand rede darüber, sagte er gegenüber der RHEINPFALZ. Die Unterstützung vom Staat reiche kaum zum Überleben, wenn sie überhaupt komme. Darauf müsse aufmerksam gemacht werden. Und mit einer Luftballonaktion sei das allemal besser gewesen, als sich bei einer Straßendemonstration eine blutige Nase zu holen.

Dass die Kreisverwaltung jetzt ein Fass aufmache, „wegen nichts und wieder nichts“, wirft Bolze dem Ordnungsamt Kandel vor, das ihn bei der Kreisverwaltung „angeschwärzt“ habe, ohne ihn vorher in irgendeiner Form zu kontaktieren – trotz seiner Ankündigung der Aktion. Vertreter der Kreisverwaltung sind laut Bolze vor Ort gewesen, hätten ihn aufgefordert, den (öffentlichen) Platz sofort nach der Aktion zu räumen, von einer ungenehmigten Veranstaltung und Konsequenzen gesprochen. Ganz anders die Polizei, die sich die Luftballonaktion angeschaut, Masken und Abstand kontrolliert und absolut nichts bemängelt habe.

Die Kreisverwaltung sieht nach aktuellem Stand wohl von Maßnahmen ab, da der Platz vor dem Naturfreundehaus in Kandel in Absprache mit der Polizei sehr schnell und von den Teilnehmenden selbstständig geräumt worden sei. Das geht aus der Antwort der Kreisverwaltung auf eine Anfrage der RHEINPFALZ hervor. „Grund des Einsatzes in Kandel war primär die Überwachung der Einhaltung der CoBeLVO (Coronabekämpfungsverordnung Rheinland Pfalz)“, so eine Kreissprecherin.

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß

Dass andere Luftballonaktionen im Kreis nicht kontrolliert wurden, habe daran gelegen, dass die Kreisverwaltung nichts davon wusste, heißt es in dem Antwortschreiben. Hätte sie es gewusst, wären die auch kontrolliert und gegebenenfalls wie am Naturfreundehaus als öffentliche Versammlung eingestuft worden. Für die Versammlung am Naturfreundehaus wird Bolze als Versammlungsleiter verantwortlich gemacht, da er „die Aktion öffentlich angekündigt“ habe. Von einer Spontanversammlung könne jedenfalls keine Rede sein, weil mit Helium gefüllte Ballons und Hilfsmittel wie ein Megaphon bereitgestellt gewesen seien.

Verschwörungstheorien in der Facebookgruppe

Die Luftballons übrigens waren laut Bolze und Teilnehmern anderer Gaststätten aus Naturkautschuk und biologisch abbaubar. Was allerdings auf der Facebookseite des Naturfreundehauses eine Debatte um Luftballonfetzen und Umweltverschmutzung im Wald nicht verhinderte. Im Kreis Germersheim haben laut Bolze 14 Gastronomiebetriebe an der Aktion teilgenommen. Insgesamt hat die Facebookgruppe der Gastwirte rund 800 Mitglieder bundesweit. Dass einige in ihrem Zorn Querdenker- und rechtes Vokabular nutzen, stinkt Bolze: „Ich habe schon einige Beiträge gelöscht, aber ich kann nicht 800 Mitglieder kontrollieren.“ Es gehe um die Situation der Menschen in der Gastronomie, nicht um irgendwelche Verschwörungstheorien, rechte oder linke Parolen. „Damit sollen die mich in Ruhe lassen“, so der Naturfreundewirt.

Naturfreundehaus-Wirt Peter Bolze ist der Initiator der Facebookgruppe Gastgewerbe, die die Luftballonaktion verabredete.
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Nichts geht: Gastraum und Biergarten sind seit Monaten geschlossen.
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Vor dem Naturfreundehaus haben sich 60 bis 70 Menschen mit Luftballons getroffen.
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