Donnersbergkreis
Winnweiler: Firma Mobotix wieder deutlich im Aufwind
Seit 20 Jahren werden in Winnweiler-Langmeil Kameras von höchster Qualität produziert. Nach einem Zwischentief berappelt sich die Firma Mobotix wieder – und hat ehrgeizige Ziele. Dabei spielt dem Unternehmen Donald Trumps Politik durchaus in die Karten.
Es ist nahezu ruhig in der 6000 Quadratmeter großen Fertigungshalle der Firma Mobotix in Winnweiler-Langmeil. Die Produktion steht aber keineswegs still. „Wir bauen pro Monat 8000 Kameras“, berichtet Richard Pfetsch, der für die Produktion verantwortlich ist. 80 Mitarbeiter seien hier im Einsatz – ein Teil davon arbeitet in einem abgesperrten ESD-Bereich (Elektrostatische Entladungen). „Die Mitarbeiter müssen antistatische Kleidung tragen, sonst kann die Ladung auf die Kamerateile überspringen“, erläutert Pfetsch. Es fällt aber noch etwas anderes auf: Überall hängen schwarze Spiralen, ähnlich wie beim Augenarzt. „Damit wird die Schärfe der Linsen getestet.“ Die Kameras werden aber noch mehr auf den Prüfstand gestellt – mit Hilfe eines Temperaturschranks. „70 bis 100 Geräte werden dort über Nacht elf Stunden lang einem Stresstest unterzogen, bei Temperaturen zwischen minus 30 bis plus 60 Grad.“ Bei all dem läuft ein Kompressor – und damit schließt sich der Kreis. Denn ganz ohne Geräusche geht es auch bei Mobotix nicht.
Dank Features vieles möglich
Die Tests stehen sinnbildlich für die Stärke der Mobotix-Produkte. „Die Kameras sind sehr robust, werden in der Antarktis, aber auch in der Wüste genutzt“, betont Christian Heller, Sales Director für die DACH-Region. Die „Computer mit Linsen“ gibt es in vielfacher Ausführung. „Das Gehäuse und der Hauptprozessor sind bei den Modellen jeweils gleich, der Kunde entscheidet dann, welche Sensoren und Zusätze er möchte“, erklärt Fabian Heidrich vom Projekt Management. So sei vom Bild bis hin zu Lautsprechern oder Temperaturmessern alles möglich. Das macht die Geräte vielseitig einsetzbar, etwa zur Gebäudeüberwachung – dank beweglichen Teilen ist ein 360-Grad-Blick möglich –, zur Baustellendokumentation, dem Erkennen von Tumulten bei Veranstaltungen oder zum Brandschutz. „Die Kamera erkennt beispielsweise bei Recyclingfirmen, wenn in einem Müllhaufen die Temperatur ansteigt und ein Feuer droht“, berichtet Heidrich. Sei dies der Fall, könne die Kamera einen Alarm auslösen oder etwa automatische Löschkräne in Gang setzen. Eine Einsatzmöglichkeit im privaten Bereich ist eine Türstation. Mit Hilfe einer App kann dann von überall aus auf die Kamera zugegriffen und etwa mit dem Postboten gesprochen werden.
Heller verweist zudem auf einen anderen wichtigen Bereich, in dem die Kameras eingesetzt werden: der Datenanalyse, etwa im Einzelhandel. Häufig seien hier etwa Muster zu erkennen, zu welchen Uhrzeiten sich die meisten Menschen wo im Laden aufhalten. „Auf Basis dessen wird dann entschieden, wann wo etwa Smartphones oder Jeans präsentiert werden.“ Ohnehin sei Datenanalyse mittels Videokameras ein boomender Sektor.
Schwere Phase zu überwinden
Alle Features werden in Langmeil entwickelt, die Kameras hier produziert und weltweit Versand. Genutzt werden sie beispielsweise beim britischen Fernsehsender BBC, die Hagebaumärkte werden derzeit damit ausgerüstet. 37 Prozent des Umsatzes erzielte Mobotix nach eigenen Angaben im Geschäftsjahr 2017/18 in der DACH-Region, knapp ein Drittel in Europa, gefolgt von Amerika (17 Prozent) und dem Raum Asien-Pazifik (12). Dabei hat die Firma keinen direkten Kontakt zum Endkunden, sondern verkauft die Kameras vor allem an Händler.
Gegründet wurde Mobotix 1999. „Im Laufe der Zeit hat sich die Firma vom Produzenten zum Anbieter umfassender Lösungen entwickelt“, sagt der Vorstandsvorsitzende Thomas Lausten. Zuletzt galt es seit etwa 2012 eine schwierige Phase zu überstehen. „Es gab einen Umsatzeinbruch, wir mussten das Unternehmen umbauen“, berichtet Klaus Kiener, der seit 2016 Finanzvorstand ist und damit die Mehrheitsübernahme im selben Jahr durch den japanischen Konzern Konica Minolta direkt miterlebte. „Klar mussten wir die Kosten reduzieren, auch die Mitarbeiterzahl anpassen, aber wir haben auch viel investiert, etwa in IT, Produktentwicklung und Vertrieb“, erläutert Kiener. Technikvorstand Hartmut Sprave weiß ebenfalls, dass eine Umstrukturierung unumgänglich war. „Unsere Arbeitsmethoden und Tools waren veraltet, die Technologieführerschaft ist verloren gegangen.“ Es sei nun viel Motivation notwendig, das umzubiegen. „Wir haben heute mehr Experten und mehr Kompetenz, und das Team zieht super mit, darauf bin ich stolz“, lobt Sprave.
„Ich sehe hier keine chinesischen Autos“
„Die Firma war schon immer sehr gut aufgestellt“, will Lausten jedoch die gute Arbeit der Gründer nicht unerwähnt lassen, mit denen er noch immer eng befreundet sei. „Aber der Markt hat mittlerweile andere Anforderungen. Wir bauen auf den guten Entwicklungen auf und wollen das nächste Level erreichen, indem wir uns breiter aufstellen.“ Dabei habe Mobotix eine Vision: Nicht nur Geld machen, sondern auch etwas kreieren, eine Mobotix-DNA erstellen. Lausten läuft zum Fenster und zeigt auf den Firmenparkplatz: „Ich sehe hier keine chinesischen Autos, warum werden aber billige Kameras aus China gekauft?“ Ziel müsse es sein, Mobotix so bekannt zu machen, dass die Kunden in den Laden gehen und sagen: „Ich möchte eine Kamera, am besten von Mobotix.“
Das gute Ergebnis im vergangenen Geschäftsjahr mit einem Ebit von 1,0 Millionen Euro zeigt laut Finanzvorstand Kiener, dass die Kostenoptimierung und Umstrukturierung gegriffen hat. „Der Umsatz hat zugelegt, es gibt Anzeichen, dass der Turn Around da ist, aber es gibt noch einiges zu tun.“ Schließlich hat sich das Unternehmen einen ehrgeizigen Fünfjahresplan auferlegt: Bis 2022/23 soll unter anderem der Umsatz mindestens 100 Millionen Euro betragen. „Für 2019 zeichnet sich bereits ein bessereres Ergebnis ab als erwartet. Wir konnten im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2018/19 bereits ein Ebit von 2,3 Millionen Euro erzielen“, gibt Kiener preis, der das seit 2007 an der Börse notierte Unternehmen nach wie vor in der Neuformierungsphase sieht. „Durch weitere Investitionen in Produkt- und Softwareentwicklung, aber auch Marketing und Kundenevents erwarten wir für das Gesamtjahr ein Ebit zwischen 1,4 bis 1,8 Millionen Euro.“ Dabei würden die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr um zirka 4,8 Prozent steigen – „insbesondere durch die im vergangenen Jahr gestartete Auftragsentwicklung für Konica Minolta“.
Ziel: Mit Software Geld verdienen
Nichtsdestotrotz ist Mobotix laut Kiener nach wie vor stark vom Hardwareabsatz abhängig. Ein wichtiges Ziel sei es deshalb, die Software zu monetarisieren. „Eine Jahreslizenz für Zusatzfunktionen wie Gesichts- oder Nummernschilderkennung kostet dann beispielsweise einen Betrag X“, erläutert Technikvorstand Sprave. Dabei helfen soll eine neue Kameraplattform, die im Herbst präsentiert wird und in die laut Firmenangaben ein siebenstelliger Betrag investiert wurde. „Damit bringen wir die beste Kamera auf den Markt, die es jemals im Sicherheitsbereich gab“, sagt Sprave. Im Vergleich zu den Vorgängermodellen können die Kameras dann mit Hilfe künstlicher Intelligenz auch zwischen Menschen und Tieren unterscheiden. „Im Moment zeichnet die Kamera immer auf, wenn sich jemand bewegt, das ist dann anders.“
Der Aufschwung von Mobotix geht auch auf ein derzeit allgegenwärtiges Thema zurück: den Datenschutz. „Das spielt uns enorm in die Karten, weil unsere Kameras DSGVO-konform sind“, betont Kiener. Möglich ist das, weil die Computer in den Kameras verbaut sind, wie Sprave an einem Beispiel erklärt: „Zählt eine Kamera Personen, werden in der Regel Bilddaten an einen Server gesendet, an die jeder Administrator herankommt. Bei uns bleiben die Bilder in der Kamera und es werden nur die komplett anonymisierten Daten wie die Anzahl der Personen weitergegeben.“ Ein weiterer Vorteil des Systems: Es spart Kosten, Energie und macht das Produkt weniger anfällig für Cyber-Attacken.
US-Politik spielt Mobotix in die Karten
Das große Potenzial in diesem Bereich ist durchaus der Politik von US-Präsident Donald Trump zu verdanken. „Wir profitieren davon, dass er chinesische Produkte ausschließt“, betont Lausten. Vor allem in der Hotelbranche zeige sich das. „Viele Hotels nutzen bislang günstige Kameras, die sind aber leicht zu hacken. Oft finden dort jedoch Geschäftstreffen statt, da ist Privatsphäre ein hohes Gut.“ Und genau hier habe Mobotix seine Stärken. „Trump verbietet mittlerweile sogar chinesische Kameras, und auch in Australien sind sie nicht mehr erlaubt, das hilft uns.“
Um den Unternehmenserfolg künftig zu garantieren und den Herausforderungen gerecht zu werden, ist es laut der Führungsetage nötig, sich für Partner zu öffnen. „Die Entwicklung geht so schnell voran, da kann man es sich nicht leisten, nur sein eigenes Ding zu machen“, betont Sprave. Vielmehr müsse man industriekompatibel sein. „Jeder Softwareentwickler kann im Prinzip unsere Kameras kaufen und sie um eigene Funktionen erweitern, dabei unterstützen wir sie“, sagt Sprave mit Blick auf das bestehende Programm „Partner Society“, mit Hilfe dessen Mobotix mit anderen Akteuren Innovationen vorantreibt und damit Marktlücken füllen möchte.
21 offene Stellen in Langmeil
Bei alledem dürfe laut Lausten aber die Mobotix-DNA nicht verloren gehen. „Wir sind stolz, ein Pfälzer Unternehmen zu sein und wollen die Leute hier mitnehmen“, sagt der Vorstandsvorsitzende, „schließlich wollen wir nicht nur sagen, dass wir tolle Produkte anbieten, sondern das auch leben.“ Im Detail zeigt sich das in den Arbeitsbedingungen: flexible Arbeitszeiten, Home-Office, eine Kantine, ein Fitnessraum und regelmäßige Mitarbeiterveranstaltungen, auch mit den Familien.
Derzeit gibt es 21 offene Stellen in Langmeil. Diese zu besetzen sei zwar mittlerweile einfacher als früher, weil die Menschen sehen würden, dass sich das Unternehmen gut entwickelt. Jeder fünfte Angestellte ist laut Lausten im Laufe des vergangenen Jahres eingestellt worden. „Aber wir sind nicht in einer Großstadt wie Frankfurt.“ Deshalb sei Mobotix sehr auf Studenten etwa aus Kaiserslautern angewiesen. „Wir brauchen alle Fachkräfte, die es in der Region gibt“, sagt Lausten. „Und wer einmal sieht, was wir hier machen, will dann meistens auch zu uns.“
Mobotix
Die Mobotix AG ist führender Hersteller von intelligenten IP-Videosystemen und wurde 1999 von Ralf und Sabine Hinkel sowie Klaus Borchers gegründet. Ende 2009 siedelte das Unternehmen seinen Firmensitz von Kaiserslautern nach Langmeil um. 2011 wurde auch die Produktion an den neu gebauten Standort verlegt. Weitere Vertriebsstandorte gibt es in New York, Dubai, Sydney, Paris und Madrid. 2016 hat der japanische Drucker- und Messgeräte-Konzern Konica Minolta die Mehrheit (64,9 Prozent) an Mobotix übernommen. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 336 Mitarbeiter, darunter 16 Auszubildende (Stand Ende Juni 2019). In Langmeil arbeiten 266 Mitarbeiter. Im Geschäftsjahr 2017/18 erzielte Mobotix nach eigenen Angaben ein Ebit (Bruttogewinn) von 1,0 Millionen Euro.