Hatten / Elsass
Zeitreise in die 1960er Jahre
Die Krise steckt ihnen noch in den Knochen. Mehr als drei Monate hatte das kleine Museum im nordelsässischen Hatten südlich von Wissembourg wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Doch am Wochenende öffnete „La Cour de Marie“ wieder seine Pforten. „Wir sind sehr erleichtert, dass es wieder weiter geht. Wir mussten rund 75 Reisebussen absagen. Aber jetzt sehen wir wieder Licht am Ende des Tunnels“, sagt Nathalie Freyermuth, die gemeinsam mit ihrem Mann Jean-Claude das Museum betreibt, das sich mit der Historie des Nordelsass befasst.
Ihre alte Scheune haben sie eigens dafür umgebaut und es gibt dort allerlei zu entdecken. Aktuelles Ausstellungsthema: Camping in den 1960er Jahren an der Cote d’Azur. Der Besucher erblickt unter anderem Campingwagen aus jener Zeit, eine nachgebaute Tankstelle, einen französischen Zeitungskiosk und historische Michelin-Karten. „Ich stamme ursprünglich aus Saverne. Mit der Familie ging es im Sommer immer an den Atlantik. Mit Kind und Kegel. Wir hatten sogar noch den Hund und Papagei dabei. Getankt wurde immer bei FINA“, erinnert sich Nathalie Freyermuth lächelnd an ihre Kindheit zurück.
Oder es ging in den Süden. Auf der A7, der Autoroute du soleil, den Stränden entgegen. „In den Sommerferien steht das Land komplett still. Alle machen gleichzeitig Urlaub während der Grandes vacances. Ende August, Anfang September beginnt dann ganz langsam die Rentrée, nachdem alle die A7 wieder hochgekrochen sind“, berichtet die Elsässerin. Natürlich wütet einem in dem privat betriebenen Museum auch das leicht missmutige Gesicht des Gendarmen von St. Tropez, alias Louis de Funès, via Plakat entgegen.
Schnaps, Moped und Nähmaschine
Stolz ist Jean-Claude Freyermuth auf den Kultwohnwagen Eriba, den sie am Rande der Auvergne entdeckt und dann ins Elsass transportiert haben, um ihn in der Ausstellung zu präsentieren. Die berühmten französischen Anisschnäpse Pastis von Ricard werden ebenfalls in historischen Flaschen der „Swinging Sixties“ präsentiert. Natürlich hat das Museum noch eine ganze Reihe andere Objekte und Themen in seinen Räumen. Historische Nähmaschinen, alte Solex-Mopeds, Radios, Kinderwagen von 1870, Landwirtschaftsmaschinen, ein komplett eingerichteter Friseursalon, eine Wäscherei, Puppen oder einen Krämerladen aus den 1950er Jahren .
Im Übrigen: Natalie Freyermuth ist nicht nur passionierte, Museumschefin, sondern auch lizenzierte Geschichtenerzählerin. Das hat sie mit Brief und Siegel. Das glaubt man gerne. Denn wenn die Elsässerin mit ihrer ruhigen, freundlichen Art quasi zu jedem Objekt eine Anekdote preisgibt, hört man einfach gerne zu.
Zertifizierte Geschichtenerzählerin
Zu Gute kommt deutschen Besuchern, dass die 59-Jährige perfekt parlierend von Französisch über Elsässisch ins Hochdeutsche wechselt „Ich habe den Titel tatsächlich beim Chambre de Commerce in Strasbourg beantragt. Dort habe ich meine zu Papier gebrachten Geschichten hingeschickt. Am Ende wurde ich als Künstlerin und Geschichtenerzählerin anerkannt“, erklärt sie strahlend. Seitdem ist sie vor allem in Kindergärten, Schulen und Seniorenheimen unterwegs und erzählt die Geschichten der Puppen von Raynal, einer berühmten Manufaktur aus Paris.
Vieles entdeckt man beim Rundgang: Hier eine Peugeot-Nähmaschine aus dem 19. Jahrhundert, dort ein Oceanic-Radio von 1950 oder ein Staubsauger, datiert auf das Jahr 1924 – aus dem Staunen kommt man in der Museumsscheune kaum heraus. Ein Besuch mutet wie eine Zeitreise an. Im Nachbargebäude gibt es Kaffee und selbst gemachten Kuchen im gemütlich rustikalen elsässischen Ambiente. Ein Raum mit zahlreichen Pokalen ist zudem der Rennfahrer-Karriere von Jean-Claude Freyermuth gewidmet, der einst als Formel II-Champion des Elsass seine Runden gedreht hat.