Karlsruhe
Michelin-Schließung: Wie geht es in Karlsruhe weiter?
Die Belegschaft ist noch im Schockzustand seit der Michelin-Konzern am Dienstag ankündigte, den Standort Karlsruhe bis 2025 komplett schließen zu wollen. Allein in der Fächerstadt sind 601 Beschäftigte betroffen. Jeder zehnte davon kommt aus der Südpfalz. Das seit 1931 bestehende Karlsruher Werk war einst der wichtigste Produktionsstandort im deutschsprachigen Raum und wurde erst vor zwei Jahren aufwendig modernisiert. Reifen für kleine und mittlere Lkw werden dort hergestellt. Jetzt entschied sich die französische Konzernzentrale zu einem Strategiewechsel, der neben Karlsruhe auch die Werke in Homburg und Trier betrifft.
„Die innerbetrieblichen Fortschritte und die Investitionen der vergangenen Jahre in die betroffenen Aktivitäten können den starken Wettbewerbsdruck nicht länger ausgleichen“, begründete die Europachefin von Michelin, Maria Röttger, den Schritt. Hoher Wettbewerbsdruck und steigenden Kosten in Deutschland machten die „Restrukturierung“ aber „unumgänglich.“ Ähnlich argumentiert auch der Karlsruher Michelin-Werksleiter Christian Metzger. „In den letzten Jahren hat sich der Lkw-Reifenmarkt stark verändert. Es ist eine klare Verschiebung von Premiumreifen, hin zu importierten Budget-Reifen aus Niedriglohnländern zu erkennen.“
Verlagerung in Billiglohnländer
Michelin will daher auch die eigene Produktion in Europa stärker in Billiglohnländern ansiedeln. Reifen aus deutscher Produktion sollen nur noch in Bad Kreuznach produziert werden. Zudem soll nach den Plänen mit der Erneuerung von Lkw-Reifen zumindest ein Teil des Werkes in Homburg aufrechterhalten werden. Neben dem Reifenwerk ist in Karlsruhe bislang auch noch das Kundenzentrum für den gesamten deutschsprachigen Raum angesiedelt. Mit einer Verlagerung nach Polen bis 2025 will Michelin eine die Personalkosten drücken.
Mit einer Reduzierung der Kosten will Michelin seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. In seiner Erklärung verweist der Reifenkonzern neben dem Wettbewerbsdruck auch auf die Folgen der Corona-Krise und der laufenden Kriege, die einen deutlichen Anstieg der Energie-, Logistik- und Rohstoffpreise ausgelöst haben. „Diese Faktoren sorgen dafür, dass unser Produktionsstandort in Karlsruhe nicht länger ausreichend wettbewerbsfähig und ausgelastet ist“, sagt Werkleiter Metzger. Fast die Hälfte der Karlsruher Reifenproduktion sei exportiert worden.
Die Gewerkschaft IG BCE will die Unternehmenspläne nicht akzeptieren. „Anstatt in einer Hauruck-Aktion die Werke dicht zu machen, braucht es kluge Strategien, um auf die veränderten Rahmenbedingungen zu reagieren“, sagt der zuständige Bezirksleiter Matthias Hille. Viele der Probleme seien „hausgemacht“, so Hille im RHEINPFALZ-Gespräch. Auch bei den Konkurrenten Continental und Goodyear wird derzeit über Werkschließungen diskutiert. Hill sieht auf der Jagd nach günstigerem Personal und billigeren Produktionskosten eine „Fluchtbewegung bei den großen Reifenherstellern.“
Gewerkschaft will Alternativkonzept erarbeiten
Der geplante Kahlschlag in Karlsruhe sei falsch. „Michelin will allein den Profit maximieren und lässt dafür hochengagierte und hochqualifizierte Beschäftigte fallen.“ Die große Innovationsleistung und die Anstrengungen für eine klimaneutrale Produktion würden aus Profitstreben zu Nichte gemacht, klagt der Gewerkschafter. Durch die Umstellung auf elektronische Reifenpressen wurden die CO2-Emissionen im Karlsruher Werk 2021 um 82 Prozent gesenkt. Die Gewerkschaft will mit dem Betriebsrat ein alternatives Konzept entwickeln, das eine Perspektive für die insgesamt 1.523 Arbeitsplätze an den drei Standorten bieten soll. „Wir haben vom Unternehmen jetzt die Unterlagen erhalten“, sagt Hille zum derzeitigen Stand. Dem Betriebsrat seien Experten zur Seite gestellt worden. Unter anderem die technische Beratungsstelle Rheinland-Pfalz beteilige sich an der Konzeptentwicklung. „Wir werden um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen“, gibt sich die Gewerkschaft kämpferisch.
Das Unternehmen selbst arbeitet hingegen bereits an der Abwicklung des Standorts. Es werde geprüft, inwiefern die betroffenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Transfergesellschaften beschäftigt, mit Weiterbildungsangeboten oder Jobs an anderen Stellen des Konzerns versorgt werden können, heißt es von Michelin. Wie es mit dem Firmengelände in der Grünwinkler Michelinstraße weitergeht, ist nach Unternehmensangaben auch noch offen. Hierzu sollen Gespräche mit der Stadt geführt werden.