Enkenbach-Alsenborn
Wie Polizisten Messerangriffe abwehren – Einblick in die Hochschule Enkenbach
„Die Einsätze mit Beteiligung von Messern gehören zu den gefährlichsten Lagen, mit denen die Polizei konfrontiert ist.“ Das sagt Erster Polizeihauptkommissar André Rohde, Standortleiter der Hochschule der Polizei in Enkenbach-Alsenborn. Zu den jüngsten Fällen gehört der gewalttätige Streit am Fackelbrunnen in Kaiserslautern Ende Februar, bei dem zwei junge Männer durch einen Messerangriff lebensbedrohlich verletzt wurden. Einer der beiden starb kurz darauf. Das hatte Diskussionen um die Sicherheit der neuen Stadtmitte ausgelöst.
Doch wie werden Polizisten auf diese Extremsituation trainiert? Zu Besuch bei der Polizeihochschule Enkenbach-Alsenborn: Hier durchlaufen Polizeianwärter ein polizeiliches Grundlagentraining, hier kommen sie nach dem Theorieteil ihres Studiums zum ersten Mal mit der Praxis in Kontakt. Das „Tatmittel Messer“ nimmt dabei laut Rohde einen großen Stellenwert in der Ausbildung von Polizeianwärtern, aber auch in der Fortbildung von erfahrenen Polizeibeamten ein. Denn die Anzahl an Straftaten, bei denen Messer verwendet werden, hat sich im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte erhöht. Das geht aus der Kriminalstatistik 2025 für die Stadt Kaiserslautern hervor. Demnach wurden im vergangenen Jahr in 33 Fällen Messer als Tatwaffe benutzt. Laut Polizeipräsidium Westpfalz sind dies elf Fälle mehr als im Jahr 2024, wo es insgesamt 22 Fälle gegeben hat. In sieben Fällen (21,2 Prozent) hat es sich um den Versuch gehandelt, ein Messer einzusetzen.
Rohde: „Wir befinden uns in Lebensgefahr“
Ein Messerangriff bedeute sowohl für Passanten als auch für die Beamten: „Wir befinden uns in Lebensgefahr“, macht der Standortleiter klar. Es gelte der Grundsatz: „Der Angreifer darf nicht in den Nahbereich kommen. Die Messerklinge darf den Körper nicht treffen.“ Denn jede Berührung bedeute eine Verletzung. Dabei könne man nicht beurteilen, wie tief oder gravierend diese sei. Gerade in unübersichtlichen Situationen oder einem Gerangel könne man oft gar nicht auf Anhieb erkennen, ob der Angreifer ein Messer in der Hand habe. Dessen Stiche oder Schnitte würden zudem in der Regel erst einmal als Schläge wahrgenommen. „Aus diesem Grund tasten sich die Polizeibeamten nach einer Auseinandersetzung selbst kurz ab, um zu prüfen, ob sie eventuell mit einer Klinge verletzt wurden“, erklärt Rohde.
Doch wie lautet die konkrete Handlungsanweisung in so einer Situation? Im äußersten Fall – dann, wenn ein Angreifer mit dem Messer auf die Beamten losgeht – wird laut Rohde auf das Einsatzmittel zurückgegriffen, das „am erfolgversprechendsten“ ist. Das bedeutet den Gebrauch der Schusswaffe. In letzter Konsequenz heißt das, den Täter „angriffsunfähig zu schießen“, erklärt der Standortleiter.
Beamte trainieren einen festen Ablauf
Wer als unbeteiligter Passant einmal in so eine Situation gerät, der sollte so schnell wie möglich vom Angreifer wegrennen. „Sofortige Distanzvergrößerung“, sagt Rohde, das gelte auch für die Polizeibeamten. Diese lernten im Training folgenden Ablauf: „Ziehen der Schusswaffe bei gleichzeitiger Androhung des Schusswaffengebrauchs. Der Angreifer wird aufgefordert, das Messer wegzulegen. Wenn er dem nicht nachkommt und auf die Beamten losgeht, wird geschossen.“
Wäre es möglich, dem Täter das Messer wegzunehmen oder es mit einem Stock wegzuschlagen? „Dem Täter die scharfe Klinge aus der Hand zu winden, ist unmöglich. Das gibt es nur in Fernsehkrimis. Und mit dem Stock sind Sie wieder in der Nahdistanz. Das klappt nur in Actionfilmen“, lautet dazu die klare Antwort von Rohde.
Demonstration an einem Stück Schweinefleisch
Welche schweren Verletzungen bereits mit kleinen Gegenständen wie einem Schraubenzieher, Brieföffner oder Küchenmesser entstehen können, zeigt der Standortleiter anhand eines Schulungsvideos, das bei einer Fortbildung gedreht wurde. Um verschiedene Stich- und Schnittverletzungen demonstrieren zu können, haben die Ausbilder ein Stück Schweinefleisch mit fester Schwarte mit einer Einsatzhose umwickelt und an einem Holzgestell befestigt. Einer der Ausbilder führt mit verschiedenen Gegenständen Schnitte und Stiche aus. Im Video deutlich zu sehen: Es braucht nur einen geringen Kraftaufwand, um tiefe Wunden in der Haut und dem darunter liegenden Gewebe zu verursachen.
Im Gegensatz zu Schusswaffen ist das Messer laut Rohde in der Nahdistanz auch die gefährlichere Tatwaffe. „Bei einer Pistole gibt es einen klar definierten Schusskanal. Es besteht die Chance, dass sie durch einen technischen Defekt nicht funktioniert. Und irgendwann ist das Magazin auch leergeschossen.“ Im Gegensatz dazu sei das Messer ein Tatwerkzeug, das unendlich oft eingesetzt werden könne. Ein Problem: Dessen Gefahr werde oft unterschätzt. Das liegt laut dem Standortleiter daran, dass Messer eben ein üblicher Gebrauchsgegenstand sind: „Sie sind in allen Formen und Farben zu erwerben und damit frei verfügbar. Im Gegensatz zu Schusswaffen, für die man zum Kauf eine Berechtigung braucht.“