Kaiserslautern
Warum Wandern im Trend liegt und was es zu beachten gilt
„Wandern nimmt den ganzen Körper mit“, sagt Horst Scherschel, erster Vorsitzender und Wanderreferent der Sektion Kaiserslautern des Deutsche Alpenvereins (DAV). Muskelapparat, Sehnen, Herz-Kreislaufsystem – alles werde gefordert und trainiert. „Beim Wandern erbringt man eine Leistung, aber ohne Druck, ohne Wettkampfgedanken.“ Das ist für Scherschel ein wichtiger sozialer Aspekt. Bei anderen Sportarten spiele stets der Leistungsgedanke mit. Wandern fordere den Menschen ganzheitlich – zwar mit einer gemäßigten körperlichen Anstrengung, dafür aber konstant – so, dass man dabei immer noch reden und sich unterhalten könne. Eine bestimmte Zeit zu erreichen sei dabei nicht das Ziel. Vielmehr sei das eigentliche Ziel der Abschluss in der Hütte, wo man beim gemeinsamen Essen die Tour Revue passieren lassen könne.
Anfangs vom Stadtrand zum Bremerhof
Scherschel gefällt auch, dass der Einstieg zum Wandern so niederschwellig ist. „Eigentlich braucht man nur gute Schuhe, die der Wandertour angemessen sind.“ Im Pfälzerwald etwa benötige man andere Schuhe als bei einer Bergtour. Besondere Outdoor-Bekleidung ist für den Sektionsvorsitzenden absolute Nebensache. „Der Hype ist völlig übertrieben“, kritisiert er. „Ein Merinoshirt ist viel angenehmer als spezielle Outdoor-Bekleidung.“ Wichtig sei Schutz vor Sonne, Kälte, Regen und Wind. Bei Sturm oder direkt danach sollte man nicht im Wald wandern, weil lose Äste aus den Baumkronen auf die Wege stürzen können – ein zu großes Verletzungsrisiko.
Wer mit dem Wandern anfangen will, könne die Strecke eines Spaziergangs allmählich steigern – etwa vom südlichen Stadtrand bis zum Bremerhof und dann die Entfernung regelmäßig erhöhen. „Wandern ist ein sehr sozialer und kommunikativer Sport“, betont der drahtige Tourenleiter. Und in der Gruppe mache es viel mehr Spaß. Wenn man zu mehreren wandere und im Gespräch sei, werde die Entfernung unwichtig. „Auf einmal sind dann acht Kilometer gar nicht mehr viel“, weiß Scherschel.
Die Bedürfnisse der Kinder beachten
Wandern könne man in jedem Lebensalter, vom Kleinkind bis zum 90-Jährigen. „Es ist generationenübergreifend.“ Er selbst habe seine Kinder im Sportbuggy bereits den Berg hinaufgeschoben, als diese noch Windeln trugen. „Die waren mit zwei Jahren schon auf dem Berg“, erinnert er sich. „Und im vergangenen Sommer ist mein Sohn mit mir auf dem L 1 in den Alpen mitgelaufen.“
Wandern mit Kindern sei eigentlich gar kein Problem, sagt Scherschel. Wenn mehrere Kinder zusammen beim Wandern dabei seien, komme überhaupt keine Langeweile auf. Die Touren sollten aber auf die Bedürfnisse des Nachwuchses angepasst sein. „Kinder gehen die Strecken ja doppelt oder dreifach“, weiß er. Immer interessant sei ein Bergbach als Station auf einer Tour. Dort könne man etwa gemeinsam Staudämme bauen.
Fast schon ein Überangebot für Wanderer
Der Pfälzerwald sei ein Wanderparadies, betont der Sektionsvorsitzende. „Auf den meisten Strecken geht man nicht einmal 100 Meter weit und sieht schon interessante Felsformationen oder eine Burgruine.“ Der Haardtrand, der Odenwald und der Schwarzwald seien im Umkreis von 50 Kilometern so gut zu erreichen, dass es fast schon ein Überangebot für Wanderer gebe. Die Premiumwege seien gut ausgeschildert, allerdings sei es noch schöner, auf den schmalen, naturbelassenen Pfädchen in der Einsamkeit unterwegs zu sein, befindet Scherschel.
Was die Verpflegung für unterwegs betrifft, will Scherschel keine konkreten Empfehlungen geben. „Da hat jeder seine eigenen Bedürfnisse.“ Rucksackverpflegung für zwei oder drei Stunden sollte jeder dabeihaben. Bei Getränken brauche es nicht unbedingt die neuartigen Trinksäcke, aus denen man sich beim Laufen bedienen könne. Da sind Scherschel die Trinkpausen lieber, bei denen man sich umschauen kann.
Immer mehr Jüngere sind dabei
Durch Corona habe Wandern einen Schub erlebt. „In den Bergen ist das ganz klar – und ich glaube, in der Pfalz auch.“ Wandern sei bei jungen Menschen angekommen, das merke man auf den Rastplätzen und in den Hütten. „Schön, dass man immer mehr Jüngere sieht“, findet der Wanderreferent.
Der DAV, Sektion Kaiserslautern, hat ein breites Angebot an Wander-Aktivitäten für jede Altersgruppe. Die Sonntagswanderungen von 15 bis 25 Kilometern richten sich an alle Interessierten, auch Nichtmitglieder. Vom Westrich bis zur Vorderpfalz, von der Nahe bis zur Südpfalz reicht das Gebiet, aus dem die 20 Wanderleiter ihre Touren zusammenstellen. Wer Interesse hat, meldet sich im Sektionsverteiler an – dort ist die Teilnehmerzahl mittlerweile auf 170 gewachsen. „Besonders gut besucht ist die Januar-Wanderung mit Glühwein und Brezeln“, sagt Scherschel verschmitzt. Die Touren finden unabhängig vom Wetter statt – „es sei denn, es regnet aus Kübeln oder bei Sturm, das ist uns aber in den vergangenen drei Jahren nur einmal passiert“.
Durch Studienfreunde zum Wandern gekommen
2025 will die Sektion wieder Familienwandern anbieten und dieses Angebot weiter ausbauen, berichtet Scherschel. Beim Seniorenwandern an jedem zweiten Mittwoch werden Strecken von rund zehn Kilometern gelaufen. „Da haben wir einen Altersschnitt von 80 Jahren.“ Obgleich die meisten sich jahrzehntelang kennen, freue man sich immer über junges Blut.
Scherschel ist einst durch Studienfreunde aus seiner Wohngemeinschaft in Freiburg zum Wandern gekommen. „Es hat mir total gefallen, so hoch hinauf zu gehen“, sagt er über seine ersten Bergtouren in der Schweiz. Als Kind einer Bergmannsfamilie sei er auch auf Kinderfreizeiten gewesen, bei denen Wandern ein fester Bestandteil war. Bereits seit neun Jahren leitet er in der Sektion Kaiserslautern Berg- und Hochtouren. Als Wanderreferent der Sektion engagiert er sich seit drei Jahren, den ersten Vorsitz hat er im April 2023 übernommen.
Die Serie
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Vorherige Folge: Mit Reha-Sport zu einem besseren Leben