RHEINPFALZ-Report
Stippvisite im Kanalnetz der Stadt
Wer mit Jörg Zimmermann in der Stadt unterwegs ist, lernt diese ganz neu kennen. Denn wenn der Vorstand der Stadtentwässerung durch eine Straße fährt, weiß er genau, was sich darunter verbirgt. „Hier liegen mehrere Kanäle parallel unter der Straße, jeder davon so groß, dass ein Bus hindurch fahren könnte. Ein Teil davon reicht bis auf das Gelände der ehemaligen Kammgarn“, schildert er bei der Fahrt von der Lauter- in die Berliner Straße. „Hier wäre rein baulich gar kein Platz mehr für weitere Kanäle“, sagt Zimmermann. Auf der einen Seite beginnt das Felsgestein Richtung Kaiserberg, gegenüber davon die Wohnbebauung der Innenstadt.
Jeder dieser rechteckigen Kanäle misst im Durchschnitt über drei Meter, an der Berliner Brücke treffen sie unterirdisch zusammen. Es handelt sich um Mischwasserkanäle, über die das Abwasser und das anfallende Regenwasser gemeinsam Richtung Kläranlage transportiert werden. An diesem Morgen im Dezember ist der große Kanaldeckel, der den Zugang zu Kaiserslauterns unterirdischer Welt abriegelt, offen. Über der Öffnung steht ein Dreibaum zur Höhensicherung. Fünf Meter geht es von hier aus an einer Leiter steil nach unten.
Nur mit Sicherheitsausrüstung
Doch bevor es für uns ans Klettern geht, muss zuerst eine Sicherheitsausrüstung angelegt werden: Ein weißer Anzug schützt die Kleidung, ein weißer Helm den Kopf, schwarze Handschuhe sorgen für einen festen Grip um die Leitersprossen und ein Sicherungsgurt würde im Notfall einen Sturz bremsen. Bernd Parr und Hans-Peter Cusnick vom Kanalnetzbetrieb sichern den Einstieg ab und geben routiniert Tipps, wie sich die Ausrüstung am einfachsten anlegen lässt. „Gut festhalten“, geben sie mir noch mit auf den Weg und schon geht es für mich zum ersten Mal ins Kanalnetz. Neben Jörg Zimmermann und mir steigt an diesem Morgen auch Pascal Michels mit ab, der Leiter des Sachgebiets Netzmanagement bei der Stadtentwässerung.
Es ist bei weitem nicht der tiefste Schacht der Stadt, der liegt in über 16 Metern Tiefe. Dafür verfügt der Schacht an der Berliner Brücke über eine Plattform, von der aus sich ins Kanalnetz blicken lässt. Ein steter Strom dunklen Wassers fließt aus mehreren Kanälen zusammen. Der Geruch hält sich hier, einige Meter über der Wasseroberfläche, tatsächlich in Grenzen. Dafür hallt das Geräusch der Autos, die über unseren Köpfen unterwegs sind, deutlich durch das Tunnelsystem.
Je nach Uhrzeit unterschiedliche Mengen
Ist gerade viel los im Kanal? „Es ist noch ein bisschen Schmelzwasser vom Schnee dabei, ansonsten ist das für die Uhrzeit eine typische Menge“, erklärt Michels. Diese schwanke über Tag spürbar. Während nachts 300 Liter pro Sekunde abfließen, sind es tagsüber zwischen 600 und 800 Liter pro Sekunde, wie er erläutert. Im Moment dürfte das Wasser rund einen halben Meter hoch sein. Weiter oben an der Wand zeichnen sich dunkle Linien ab, sie zeigen, wie hoch der Füllstand sein kann.
Insgesamt erstreckt sich das Kanalnetz über 520 Kilometer unter der Stadt. Richtig gefordert wird es bei Starkregenereignissen. Das Wetterereignis aus dem Jahr 2018, als große Teile der Innenstadt unter Wasser standen, ist noch lebhaft in Erinnerung. Irgendwann könne das Kanalnetz die Regenmassen nicht mehr aufnehmen, erklärt Zimmermann. In solchen Situationen könne der Abfluss, also das Gemisch aus Abwasser und Regenwasser, das weiter Richtung Zentralkläranlage fließt, an dieser Stelle innerhalb von 15 Minuten um mehr als das 30-fache anschwellen, das sind dann über 20.000 Liter in der Sekunde. Das sei zu viel für die Kläranlage, diese könne 2000 Liter Wasser pro Sekunde und damit maximal das zwei- bis dreifache des normalen Abflusses aufnehmen und reinigen. Alles, was darüber liege, sei problematisch, erklärt Zimmermann.
Kläranlage bei Extremwetter schützen
Bei diesen Extremwetterereignissen gelte es, die Kläranlage in Funktion zu halten und die betrieblichen Anlagen im gesamten Stadtgebiet vor Überflutung zu schützen. „Die Lage der Stadt in einem Talkessel macht sie anfällig für Überschwemmungen“, sagt der Chef der Stadtentwässerung. Ein Kanalnetz werde nie in der Lage sein, alle Regenereignisse abfangen zu können. In diesen seltenen Situationen passe das viele Regenwasser nicht mehr in das Kanalsystem, stehe eine Zeit lang auf Straßen und Grundstücken oder fließe dann oberirdisch in die Bäche ab.
Die großen Herausforderungen und Chancen im Zusammenhang mit dem Klimawandel und den steigenden Umweltanforderungen sieht Zimmermann jedoch bei den vielen kleineren und mittleren Niederschlagsereignissen: „Ab einem bestimmten Wasserstand läuft ein Teil des Abflusses aus der Kanalisation in die Bäche und Flüsse über. Unser Ziel ist es, dass dies möglichst selten passiert“, schildert er. Dazu habe die Stadtentwässerung zwei Möglichkeiten: Zum einen werde das Wasser über intelligente Speicher- und Verteilsysteme möglichst lange im weit verzweigten System von Kanälen und Rückhaltemöglichkeiten gehalten, um es zeitverzögert an die Kläranlage abzugeben. Zum anderen soll sauberes Regenwasser erst gar nicht in die Kanalisation gelangen, sondern möglichst dort, wo es vom Himmel fällt, in den Wasserkreislauf zurückgeführt werden.
Modernes Abwassermanagement
Was es heißt, die Siedlungsentwässerung zu einem modernen Abwassermanagementsystem umzubauen, demonstriert Pascal Michels von unserer Plattform tief unter der Berliner Brücke. Um das großvolumige Kanalsystem je nach Regenintensität optimal zur Ableitung oder zur Speicherung von Abwasser zu nutzen, gibt es ferngesteuerte Wehre, die sich schnell heben oder senken lassen und das Wasser aus dem Kanal im Extremfall in die Lauter überlaufen lassen.
Im Normalfall fährt bei einsetzendem Regen an dieser Stelle ein sogenanntes Kaskadenwehr hoch, das das Wasser in den Kanälen hält und Regenmengen dosiert an die Kläranlage abgibt. Das alles geschieht üblicherweise automatisch, an diesem Morgen demonstriert es Pascal Michels per Fernbedienung. Er fährt das Kaskadenwehr hoch, das Wasser dahinter staut sich.
Als das Wehr wieder absinkt, nimmt das Wasser durch das plötzliche Gefälle ordentlich an Fahrt auf und der Geruch deutlich zu. „Wir können mit dieser Technik zusätzlich bis zu 20.000 Kubikmeter Wasser aus der Innenstadt im Kanalsystem speichern“, schildert Zimmermann. Damit ließen sich die meisten Regenereignisse abfedern. In der Nähe des Burggymnasiums liegt eine Wasserstandsmessstelle, die Daten darüber liefert, wie die aktuelle Füllhöhe der Innenstadtkanäle aussieht.
Lauter meister verrohrt unter Innenstadt
Die Lauter fließt im Übrigen meist verrohrt unter der Stadt, bis sie in der Lothringer Dell wieder ans Tageslicht kommt. Genau an dieser Stelle tritt ein Kanal an die Oberfläche, über den das überlaufende Abwasser der Kanalisation in das Gewässer abfließen kann. Zwei Wehre, die das regeln, liegen an der Berliner Brücke und an der Lothringer Dell.
„Neben diesen technischen Maßnahmen muss es aber unser oberstes Ziel sein, so viel Regenwasser wie möglich aus dem Kanalsystem herauszuhalten und in der Stadt in den natürlichen Kreislauf zu überführen“, erklärt Zimmermann das Konzept der Schwammstadt. Statt in der Kläranlage zu landen, soll der Regen unmittelbar, dort wo er anfällt, versickern oder verdunsten. Das komme dem Grundwasser zugute und gleichzeitig dem Gewässerschutz, könne so doch vermieden werden, dass die Kanäle bei starkem Regen volllaufen und ein Einspeisen des Abwassers in die Lauter nötig wird. Weiter diene es dem Überflutungsschutz der Innenstadt, denn je weniger oder langsamer Regenwasser bei Starkregenereignissen der Kanalisation zugeführt werde, desto besser.
Eine Möglichkeit, den Regen aus dem System zu halten, bieten die über 50 oberirdischen Versickerungs- und Verdunstungsbecken, die über das ganze Stadtgebiet verteilt sind. Diese Bauwerke fassten rund 100.000 Kubikmeter Wasser, schildert Michels. Derzeit entstehen drei neue Regenrückhaltebecken in der Hohenecker- und Leipziger Straße. Das Regenwasser, das hier anfällt, soll künftig nicht mehr in einem Mischkanal landen und Richtung Innenstadt abfließen, sondern durch einen separaten Kanal gezielt in große Becken geleitet werden, in denen es ins Grundwasser versickern oder verdunsten kann.
Ein ähnliches Prinzip steckt hinter Gründächern und Versickerungsmulden an öffentlichen und privaten Gebäuden. Auch sie sollen helfen, Regenwasser aus den Abwasserkanälen fern zu halten.
Dennoch werde auch das alte System der Mischwasserkanäle in Zukunft seine Berechtigung behalten, ist der Chef der Stadtentwässerung überzeugt. Kanäle seien Anlagen für Generationen: „Insbesondere in urbanen Gebieten bleiben sie das Rückgrat der Siedlungsentwässerung für häusliches, gewerbliches Abwasser sowie für das Regenwasser von stark befahrenen Straßen“.