Kaiserslautern Sci-Fi-Thriller: Profitgier, die den Tod nicht achtet
Ein guter Science-Fiction-Thriller aus Europa? Heute fast unvorstellbar. Schon allein deshalb, weil Filmproduzenten auf dem alten Kontinent nicht mal ansatzweise die Unmengen an Geld zur Verfügung haben, um mit den Effekte-Spezialisten in Hollywood mitzuhalten. Doch Regisseur Valentin Hitz beweist mit „Stille Reserven“: Das ist durchaus machbar.
Der aus Deutschland stammende, überwiegend in der Schweiz lebende und vor allem in Österreich arbeitende Valentin Hitz ist aber nicht der erste erfolgreiche Europäer im Thriller-Genre: Fritz Lang hat schon 1960 in „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ weniger auf Tricktechnik denn auf Philosophie und Schauspielkunst gesetzt, ebenso 1966 François Truffaut in „Fahrenheit 451“, jüngst der schottische Regisseur Colm McCarthy mit der im Februar hierzulande in den Kinos gestarteten Dystopie „The Girl With All The Gifts“. Hitz beleuchtet in seinem Spielfilm ein höchst verbreitetes Phänomen: die Zunahme an Misstrauen gegenüber dem Nächsten. Dabei konzentriert er sich auf einen Berufszweig, dem, zumindest in den Industrienationen, wohl kaum mehr jemand vertraut: Versicherungsunternehmen. Hitz hat dazu als Drehbuchautor eine originelle Idee ausgebrütet: In naher Zukunft kann der Tod ausgetrickst werden. Doch den Menschen wird es möglich sein, sich per Police das Recht aufs Sterben zu sichern. Heißt: Nicht mehr die Angst vor dem Ende geht um, sondern die vor dem Danach. Denn ist jemand etwa verschuldet, droht ihr oder ihm, deswegen zwangsweise 200 Jahre lang als komatöses Ersatzteillager ausgeschlachtet zu werden. Die Profitgier kennt nun mal keine Pietät. Zentralfigur der Erzählung ist Versicherungsvertreter Vincent Baumann (Clemens Schick). Er verkauft Todesversicherungen. Sein Versprechen: Seine Kunden können darauf bauen, nach dem Ableben nicht als Datenbank, Gebärmaschine oder Reparaturlager missbraucht zu werden. Ganz klar – von den Verträgen hat nur einer etwas: der Konzern, der sie verscherbeln lässt. Aktivisten wie Lisa Sokulowa (Lena Lauzemis) laufen Sturm gegen das System, das noch aus dem Allerletzten Geld macht. Doch die Profiteure wissen sich zu schützen. Eine Entmachtung der Herrschenden scheint unmöglich zu sein. Dann aber begegnen Lisa und Vincent einander. Und wer weiß: Vielleicht stimmt es ja doch, dass Einigkeit stark macht ... Grau ist die vorherrschende Farbe des Films. Kälte herrscht überall. Nie sah Wien im Kino trister aus. Valentin Hitz setzt auf ein faszinierendes Nicht-Farb-Konzept, um dem Film eine wirklich reizvolle Optik zu geben. Kameramann Martin Gschlacht hat ihn dabei unterstützt, indem er zwar oft nah an die Protagonisten geht, jedoch stets genau so weit wegbleibt, dass eine Aura undurchdringlicher Eiseskälte entsteht. Es fröstelt die Zuschauer. Je länger die in einer offenbar nicht sonderlich fern vor uns liegenden Zukunft angesiedelte Geschichte dauert, umso stärker schockiert sie schon deshalb, weil man mehr und mehr an die bereits allgegenwärtige Profitgier erinnert wird. Einen großen Teil seiner Spannung verdankt der Film dem Spiel von Hauptdarsteller Clemens Schick. Der 45-Jährige gehört seit Jahren zu den verlässlichen Größen des deutschsprachigen (und auch internationalen) Kinos, hat es bisher aber in der Publikumsgunst nicht bis nach ganz oben gebracht. Zu Unrecht. Klug und kunstvoll verleiht er dem Versicherungsvertreter Charakter. Er gibt Vincent ohne billige Dämonisierung eine neugierig machende Undurchsichtigkeit. Man bleibt an der Figur und damit an der Geschichte dran, weil man wissen möchte, ob er nun wirklich ein Guter geworden oder doch ein Böser geblieben ist. Zum Finale bekommt man als sensibler Zuschauer übrigens einen mächtigen Hieb versetzt. Hitz zeigt nämlich brutal deutlich, dass es kein Entrinnen vor der Gier der Profiteure gibt. Nicht mal in den Tod.