Kaiserslautern
Pfaff: Schließung abgewendet, aber Großteil der Mitarbeiter muss gehen
Das Unternehmen, das in seinen Hochzeiten in den 1980er-Jahren fast 10.000 Arbeitnehmer hatte und Kaiserslautern weltweit einen Namen gab, beschäftigt derzeit noch 124 Personen. Diese sind bei der Pfaff Industriesysteme und Maschinen GmbH im IG Nord schon lange nicht mehr mit der Entwicklung und Herstellung von Nähmaschinen für den Hausgebrauch befasst, sondern mit Industrienäh- und Schweißmaschinen. Seit über zehn Jahren ist das Unternehmen in chinesischer Hand.
Gewerkschaftssekretär Alexander Ulrich von IG Metall, der zusammen mit dem Betriebsrat seit dem Frühjahr an einem Konzept zum Erhalt gearbeitet hatte, fasst deren Ergebnis in zwei Punkten zusammen: „Die gute Nachricht ist, dass Pfaff in Kaiserslautern nicht geschlossen wird. Denn dies war der Plan der Konzernführung. Im März kündigte das Management an: ,Ende des Jahres wollen wir den Betrieb in Kaiserslautern schließen’“. Dies wurde abgewendet, doch die schlechte Nachricht: „71 Mitarbeiter müssen gehen, der Betrieb wird ab Oktober nur noch mit 53 fortgeführt.“
Noch wissen die Beschäftigten nicht, wen es trifft
Darüber informierte die Geschäftsleitung vor Ort, der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall in einer gemeinsamen Veranstaltung die Mitarbeiter am Montagmittag. Wer konkret von der Entlassung betroffen ist, erfuhren sie jedoch noch nicht.
„Dieser Schritt ist sehr schmerzlich“, urteilt Ulrich, „wenn man bedenkt, dass Pfaff mal Tausende Mitarbeiter hatte und die Menschen weltweit Kaiserslautern mit Pfaff assoziiert haben“. Für jene Beschäftigten, die gehen müssen, gibt es einen Sozialplan: „Alle erhalten eine Abfindung, deren Höhe sich nach Betriebszugehörigkeit und Einkommen richtet.“ Außerdem bekommen alle „die Chance, in eine Transfergesellschaft zu wechseln. Der Vorteil ist, dass die Arbeitslosigkeit verschoben wird, sie mehr Geld bekommen und die Vermittlung in einen neuen Job einfacher ist“, fasst der Gewerkschafter zusammen. Die Dauer in der Transfergesellschaft betrage vier bis maximal zwölf Monate, je nach Länge der Kündigungsfrist.
Die Transfergesellschaft stellt sich am Donnerstag vor. „Und erst am Montag nächster Woche erfahren die Mitarbeiter, wer bleibt und wer geht.“
Bisher sind in Kaiserslautern Entwicklung, Produktion, Vertrieb und Verwaltung ansässig. „Die Fertigung von Nähmaschinen wird komplett geschlossen, fortgeführt wird der Bereich Schweißmaschinen und -anlagen“, informiert Herbert Altschuck, zweiter Betriebsratsvorsitzender. Das seien ganz spezielle Anlagen für die Branchen von Bekleidung über Wohnen und Automobil bis zu Medizin. Auch der Vertrieb laufe weiter von Kaiserslautern aus. „Wir bekommen die Teile aus Tschechien oder China geliefert und vertreiben sie europa- und weltweit. Die Kunden legen Wert auf die Kenntnisse von vor Ort“, begründet er diese Strategie.
Betriebsrat hat Zweifel am Konzept
„Wir sind schon lange mit der TBS in Mainz“, der Technischen Beratungsstelle für Betriebsräte und Gewerkschaften, „im Gespräch“, berichtet Betriebsratsvorsitzender Richard Müller. So habe man den Beschluss der Gesellschafter zur Schließung abgewandt und letztlich immerhin 53 Arbeitsplätze gerettet. „Von dem jetzt beschlossenen Konzept sind wir allerdings nicht überzeugt“, wendet er ein, „wir haben große Skepsis, ob es trägt“. Ulrich ergänzt, welche Pläne verhindert wurden: „Wir haben intensiv dafür geworben, dass der Schweißmaschinenbereich erhalten und erweitert wird. Den wollte man auslagern, und zwar unter einem anderen Namen!“, macht er deutlich, dass die Marke Pfaff ein wichtiges Pfund ist. Die Teile kommen laut Altschuck „zu 98 Prozent aus Tschechien; es gibt eigentlich nur noch eine Montage hier in Lautern“.
Für die Beschäftigten sei die Nachricht über die anstehenden Entlassungen „ein Schock“ gewesen. Dass die komplette Schließung im Raum stand, „haben wir den Kollegen gar nicht gesagt, um nicht noch mehr Unruhe zu provozieren“, meint Müller. Nun stehe ihnen „jedoch noch eine Woche mit schlaflosen Nächten bevor, bis sie erfahren, wer konkret betroffen ist“, schiebt Ulrich hinterher. Dass all jene, die bislang in der Fertigung von Nähmaschinen tätig sind, automatisch entlassen werden, könne man jedoch nicht so einfach schließen, sagt Altschuck. „Eventuell werden sie in anderen Bereichen gebraucht.“
Lauterer Geschäftsführer: Das Konzept trägt
Dies bestätigt Frank Meyer, Geschäftsführer des Lauterer Werks. „Es gibt etliche soziale Kriterien, nach denen wir uns richten.“ In Einzelgesprächen mit allen 124 Mitarbeitern will er am Montag die teils gute, aber meist schlechte Nachricht möglichst schonend überbringen.
Er selbst habe sich „selbstverständlich für den Fortbestand“ eingesetzt; doch die Entscheidung fälle letztlich die Geschäftsführung des Konzerns in Shanghai. Die Pfaff Industriesysteme und Maschinen GmbH gehört zur chinesischen Shang Gong Gruppe, „die bestimmt über Dürkopp-Adler in Bielefeld“, ebenfalls ein Tochterunternehmer von Shang Gong. „Und von dort geht es weiter runter nach Kaiserslautern“, beschreibt der Betriebsrat die internen Abläufe. „In Lautern hat man wenig zu sagen.“
Anders als Betriebsrat und Gewerkschaft ist Meyer jedoch von dem beschlossenen Konzept überzeugt. „Die Vorstellungen des Betriebsrates sind nicht umsetzbar, da die Annahmen nicht realistisch sind, von Auftraggeberseite.“ Er sei von dem Konzept überzeugt. Er habe es über drei Jahre gerechnet, „es trägt. Sonst hätten wir es nicht so gemacht“.
