Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Parkplatz-Debatte: Experte warnt vor Rückschritt

Das Einkaufszentrum „K in Lautern“ mitten in der Stadt. Auf dem Dach kann geparkt werden.
Das Einkaufszentrum »K in Lautern« mitten in der Stadt. Auf dem Dach kann geparkt werden.

Detlef Kurth, Professor für Stadtplanung an der Universität, erklärt im Interview, warum er Kaiserslautern für autofreundlich hält und was der Innenstadt helfen könnte.

Herr Kurth, die CDU im Stadtrat und Vertreter des Einzelhandels fordern mehr Parkplätze in der Innenstadt, wollen beispielsweise den Stiftsplatz, den Raiffeisenplatz sowie den Platz neben dem Casimirschloss für Autos freigeben. Wie bewerten Sie diese Vorschläge aus stadtplanerischer Sicht?
Das ist eine sehr einseitige Sichtweise. Es gibt eine grundlegende Krise im innerstädtischen Einzelhandel. Aber die gibt es nicht nur in Kaiserslautern, sondern überall in Deutschland. Und das liegt unter anderem am zunehmenden Onlinehandel und daran, dass Outlet-Center und große Einkaufszentren auf der grünen Wiese den Innenstädten Konkurrenz machen.

Detlef Kurth
Detlef Kurth

Und daraus folgt dann was?
Die Innenstädte müssen attraktiver werden. Neue Parkplätze tragen zunächst nicht dazu bei. In Städten, die fußgängerfreundlich sind und eine sehr hohe Aufenthaltsqualität bieten, wie beispielsweise Landau, Heidelberg oder Freiburg, geht es dem Einzelhandel wesentlich besser. Deshalb plädieren Stadtplaner in Innenstädten für eine Gleichberechtigung der Verkehrsmittel, also für ein Nebeneinander von Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern. Dabei geht es nicht darum, das Auto aus der City zu verdrängen, sondern es am Rand der Innenstadt in Parkhäusern zu konzentrieren.

Aufenthaltsqualität und Veranstaltungen ziehen Menschen in die Stadt.
Aufenthaltsqualität und Veranstaltungen ziehen Menschen in die Stadt.

Wo müsste man aus Ihrer Sicht in der aktuellen Debatte in Kaiserslautern ansetzen?
Zunächst müsste man ganz dringend untersuchen, wie viele Parkplätze es in der Innenstadt überhaupt gibt, aufgeschlüsselt nach Flächen in Parkhäusern und oberirdischen Parkgelegenheiten am Straßenrand. Man sollte schauen, ob es in manchen Parkhäusern Leerstände gibt, und herausfinden, warum die Menschen angeblich nicht gerne in Parkhäuser fahren.

Die Parkplätze rund ums Rathaus zum Parken freizugeben, das hält Kurth für eine gute Idee.
Die Parkplätze rund ums Rathaus zum Parken freizugeben, das hält Kurth für eine gute Idee.

Wie ist denn Ihre Wahrnehmung?
Ich nehme Kaiserslautern als eher autofreundlich wahr. Wenn ich etwas Größeres abholen möchte, fahre ich auch mal mit dem Auto in die Innenstadt, Parkplätze sind immer verfügbar. Insbesondere gibt es sehr viele Parkhäuser nahe der Fußgängerzone. In Freiburg zum Beispiel ist das ganz anders – da befinden sich die Parkhäuser außerhalb und man muss einen längeren Fußweg in Kauf nehmen, um in die City zu kommen.

Es heißt immer, die Besucher der Stadt parken nicht gerne im Parkhaus. Ist das Argument nachvollziehbar?
Für Kaiserslautern müsste dringend eine Bestandsaufnahme der Parkhäuser gemacht werden. Die Autos sind leider viel größer geworden, die älteren Parkhäuser wirken teilweise eng. Vermutlich gibt es hier ein großes Optimierungspotenzial. Eventuell müssten einige Parkhäuser umgebaut werden, auch zu Mobilitätszentren, die einen Wechsel von verschiedenen Verkehrsmitteln möglich machen. Aber ohne solche Untersuchungen einfach zu sagen: Wir schaffen neue oberirdische Parkplätze auf öffentlichen Plätzen, das lehne ich als Stadtplaner ab.

Auch wenn die CDU argumentiert, man sollte zumindest vorübergehend Flächen freigeben?
Vorstellbar ist für mich nur die Mehrfachnutzung von Behördenparkplätzen, die dadurch besser ausgelastet werden. Das könnte man ausprobieren. Warum sollen die Parkplätze rund um das Rathaus am Abend und am Wochenende, wenn dort niemand mehr arbeitet, leer stehen?

Kennen Sie die Forderung nach mehr Parkplätzen auch aus anderen Städten?
Das ist mir in dieser Deutlichkeit nicht bekannt. Dass sogar wieder auf dem Stiftsplatz geparkt werden soll, das ist schon sehr ungewöhnlich. Deutschlandweit wurde in allen mir bekannten Städten das Parken auf dem Marktplatz abgeschafft. Lediglich in Saarlouis gibt es das noch, aber auch dort soll es verschwinden. Unter dem Stiftsplatz befindet sich eine Tiefgarage zum Parken. Diese Abfahrt zu benutzen, ist durchaus zumutbar. Zudem ist der Stiftsplatz für die Gastronomie am Rand und als Wochenmarkt sehr attraktiv. Er sollte aber deutlich grüner sein. Aber dort das Parken wieder zuzulassen, das wäre ein extremer Rückschritt und würde sicherlich den angrenzenden gastronomischen Betrieben missfallen.

Fehlende Parkplätze sind aus Sicht des Stadtplaners nicht das Problem.
Fehlende Parkplätze sind aus Sicht des Stadtplaners nicht das Problem.

Wären niedrigere Parkgebühren eine sinnvolle Lösung?
Derzeit kostet Parken im Schnitt etwa zwei Euro pro Stunde. Zwei Euro sind aus meiner Sicht nicht zu viel. Da zahlen Sie woanders mehr. Und wer mit dem Bus kommt, der fährt auch nicht umsonst.

Wenn zusätzliche Parkplätze und günstigere Parkgebühren nicht helfen, wo muss man ansetzen?
Wir müssen die Innenstadt neu denken. Wir brauchen dort nicht nur Einkaufsangebote und Gastronomie, sondern auch Dienstleistungen, universitäre Räume, Kreativwirtschaft und Kultur. Die Leute müssen viele Anlässe haben, Kaiserslautern zu besuchen. Je vielfältiger, desto besser. Wir müssen es schaffen, dass die Menschen gerne in der Stadt verweilen. Das muss unser Anspruch sein, nicht Stop-and-go, wie man es aus dem Supermarkt kennt, nicht nur einladen und schnell wieder weg.

Wie weit ist Kaiserslautern da aus Ihrer Sicht?
Die Stadt hat in jüngster Zeit erhebliche Fortschritte gemacht. Die Feiern zum 750. Stadtgeburtstag sind genau das Richtige. Es ist viel los, die Menschen finden immer wieder einen Anlass, die Stadt zu besuchen. Beeindruckt hat mich beispielsweise bei der Kultursommereröffnung, wie sich die hervorragenden kulturellen Orte geöffnet haben in einer Kulturmeile. Das Pfalztheater, das Museum Pfalzgalerie, die Kammgarn, die Fruchthalle. Man hat das große Potenzial dieser Stadt gesehen und gespürt. Wenn so etwas regelmäßig stattfindet, werden die Leute ihre Stadt nach und nach als attraktiver empfinden. Das weckt dann automatisch auch wieder das Interesse, öfter mal dort shoppen zu gehen. Außerdem wurde deutlich mehr für die urbane Sicherheit getan.

Lassen sich Kundinnen und Kunden langfristig zu anderen Mobilitätsgewohnheiten bewegen? Und wenn ja, wie?
Wie gesagt, es geht nicht darum, das Auto zu verdammen. Aber man sollte schon mehr Anreize schaffen, damit die Leute dort, wo es geht, eben auch mit dem Bus, dem Fahrrad oder zu Fuß in die Stadt kommen oder mit der Bahn fahren und dann vom Hauptbahnhof aus laufen, den Bus nehmen oder eben ein Leihfahrrad oder einen Leihroller.

Was sollte in der Debatte über mehr Parkplätze dringend bedacht werden?
In erster Linie sollte die Diskussion um die wahren Probleme geführt werden. Das Traditionsgeschäft Pallmann beispielsweise hat nicht aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen, sondern weil kein Nachfolger da war. Dass Interessenten für kleinteiligen Einzelhandel fehlen, ist ein Thema. Auch die Mieten vor Ort sind offenbar ein Faktor, der dem Einzelhandel schadet. Da gibt es schon Möglichkeiten der Stadt, Einfluss zu nehmen. Die Shoppingmall „K in Lautern“ ist einfach zu groß geraten, sie hat dem Einzelhandel geschadet, weil man damit unnötig Konkurrenz geschaffen hat. Es benötigt eine integrierte Strategie für die Innenstadt, um diese insgesamt wieder attraktiver zu machen.

Zur Person

Detlef Kurth, Jahrgang 1966, ist seit 2017 Professor für Stadtplanung an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität in Kaiserslautern. Er hat an der TU Berlin studiert, war Mitarbeiter bei der Planergemeinschaft Dubach, Kohlbrenner Berlin, promovierte über Strategien der Stadterneuerung für Berlin. Von 2003 bis 2017 war er Professor für Städtebau und Stadtplanung an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Er lebt mit seiner Familie in Kaiserslautern.

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