Ramstein
Kultband Guru-Guru rockt das Congress Center
Über fünf Jahrzehnte auf Tour, bald 3800 Konzerte in Deutschland, Italien, Österreich, der Schweiz, Schweden, in den USA und sogar in Japan. Alben wie „UFO“, „Don’t Call Us“, „We Call You“, „Dance Of The Flames“ oder „Mask“ sind vielen Fans noch immer im Ohr. Besonders ist vor allem, dass die Pioniere Guru Guru seit ihrer Gründung 1968 ohne längere Pausen aktiv sind und seitdem wacker die Fahne des deutschen Krautrock hochhalten. Bei einer so langen Bandgeschichte ist es mehr als beachtenswert, dass die Band noch immer offen für viele Einflüsse aus Industrial, Jazz und Avantgarde ist. Wer nach einer so langen Zeit mit gleichbleibender Leidenschaft und Virtuosität bei der Sache bleibt, hat es verdient, als eine der ganz Großen genannt zu werden.
Großartig, krautiger, Guru Guru – in dieser Steigerung muss man sich vor einer Truppe verbeugen, die in der Ära des Krautrock Mitte der 1970er Jahre stilbildend war. Der Krautrock – ein Begriff, den Neumeier nie mochte – verschwand bald wieder, Guru Guru aber blieben. Und sie haben immer noch etwas zu sagen, zelebrieren ihren großartigen Sound und ihr sozio-politisches Links-Bekenntnis mit Hawaii-Gitarre, improvisieren ein Thema locker und scheren sich nicht um verpasste Einsätze. Groove und Gefühl waren das Einzige, was auch am Sonntag in Ramstein zählte.
Wie ein junger Gott
Schon mit dem Auftakt-Titel „Read Air“ bewiesen die Veteranen, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Da hatten sich vier Geister zusammengefunden, die sich ein ausreichendes Maß an Unabhängigkeit, Naivität und infantiler Lust bewahrt haben, um sich ihrer Musik im ursprünglichen Sinne des Wortes spielend zu nähern. Am Schlagzeug wirbelte Mani Neumeier mit seinen 82 Jahren, die er bereits auf dem Buckel hat, wie ein junger Gott. Sein Spiel besaß einen eigenen, farbenreichen Sound und war bei aller Impulsivität stets durchsichtig und präzise.
Sein pulsierendes Spiel verknüpfte sich dabei organisch mit Peter Kühmstedts erdigen Basslinien, die ohne jede Spur von Nervosität ruhig voranschritten, während der 72-jährige Zeus B. Held Keyboard und Synthesizer zauberhafte Sounds entlockte – und wie einst Göttervater Zeus über allem zu schweben wirkte. Als Zauberer der Melodie zeigte sich der Multiinstrumentalist Roland Schaeffer. Der 73-Jährige begeisterte mit gesanglich wohltönenden Linien, dann wiederum mit kurzen Riffs und perkussivem Klang. Oder er glitt beim Slide-Spiel wie in „Pow Wow“ mit den Fingern über die Saiten und erzeugte damit ein schwirrendes Vibrato.
Von Rock über Jazz zu Elektronik
Mit „Idli Killer East“ folgte ein beinharter Vierviertel-Takt, bei dem Schaeffer mit einem außergewöhnlichen Instrument Aufsehen erregte: einer Art Schalmei aus Doppelrohrblättern, deren langer Korpus aus Ebenholz ist, eine konische Bohrung hat sowie am unteren Ende eine Holzglocke besitzt. Mit diesem Nadaswaram genannten südindischen Instrument erzeugte er aufgrund dessen Volumens einen höchst intensiven Ton. So entstand, wie auch in „Dark Blue Star“ und „Wonderland“ („Für euch zum Muttertag“, so Neumeier trocken) ein mitreißender Mix aus Rock, Funk, Jazz, Weltmusik und Elektronik – alles unterschiedliche Genres, die auf hohem Niveau zusammengeführt wurden.
Und im Zentrum stand immer wieder voller Elan und virtuoser Polymetrie Mani Neumeier, der immer noch jedem jüngeren Schlagzeuger die Show zu stehlen versteht. Mit „Free Kraut“ präsentierten die Knaben sogar einen brandaktuellen Titel aus dem Album „The Three Faces Of Guru Guru“. „Und immer gib ihm“, lautete die Parole. Virtuosität und kraftstrotzende Power waren ein weites Markenzeichen von Guru Guru. Sehenswert war auch Neumeiers Solo an den Drum-Kits und die Einlage, als er kniend Blechdeckel und Glocken mit seinen Schlagzeugsticks bearbeitete.
Guru-Fans schwelgten in Nostalgie
Wie Musik von einem anderen Stern wirkten die Titel „Space Baby“ und „Izmiz“, wobei Held am Synthesizer als „Weltraum-Pilot“ wirkte, und Schaeffer mit zungenakrobatischem, rauputzrauem Gesang begeisterte. Noch rauer sang Neumeier in „Moroso“, dem laut dem Bandleader „ersten Anti-Atomkraft-Stück der Welt“, und in „Tribes und Vibes“ blies Schaeffer sogar Saxophon und Nadaswaram gleichzeitig. Da wischte so mancher alte Kämpe heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Besonders als das Quartett zum guten Schluss „Ooga Booga“ aus dem allerersten Album mit dem Titel „Känguru“ aus dem Jahr 1972 zum Besten gab. Da schwelgte die Nostalgie der Guru-Fans sehnsuchtsvoll in die Vergangenheit. Begeisterter Beifall.