Kaiserslautern
Im Schermerhof gibt es Veranstaltungen, Kunst, das „Gleis3“ und das Bachbahnmuseum
Das große Gebäude an der Ecke Siegelbacher- und Jahnstraße hatte lange leergestanden, war arg heruntergekommen. Ein Bauunternehmer wollte es kaufen, um es abzureißen und stattdessen zwei vierstöckige Wohnhäuser zu errichten. Das konnte Ortsvorsteher Paul-Peter Götz nicht zulassen. Er kaufte nach langen, zähen Verhandlungen mit den Erben den Komplex. Sein Ziel war es, „die Dorfmitte zu retten“. Dass der Schermerhof einmal zum Kulturzentrum mit Bachbahnmuseum, Künstlerhaus und vielem mehr werden würde, das konnte der rührige Ortsvorsteher damals nicht ahnen.
Der ehemalige Bauernhof samt Wohnhaus geht auf das Jahr 1820 zurück. Zunächst wurde er von den Brüdern Georg und Jakob Menges bewirtschaftet. Sie waren mit zwei Schwestern aus Feilbingert verheiratet. Das eine Ehepaar hatte neun Kinder, das andere keine. Eine Nachfahrin der Menges mit Vornamen Margarethe heiratete Max Schermer aus Morlautern – so etablierte sich der Name Schermerhof. Jacob Schermer war der letzte Besitzer, er war alleinstehend, weitläufige Verwandte erbten das Gebäude.
Viele Güter und Arbeiter transportiert
Bald nachdem die Familie Götz das Anwesen gekauft hatte, stieg der gemeinnützige Verein Bachbahnmuseum mit ein. Schriftführer Helge Ebling erzählt, dass der Verein sich 2017 gegründet habe. Zuvor habe es bereits eine Modellbahnanlage gegeben, die aber immer wieder auf- und abgebaut werden musste. Als Götz den Modellbahnfreunden anbot, den 250 Quadratmeter großen Heuboden zu mieten, griffen sie begeistert zu. Sie schufen ein einzigartiges Museum. Nachgebildet wurde die historische Bachbahnstrecke in Spur H0.
Die Bachbahn, die seit langem stillgelegt ist, führte von Otterbach über Erfenbach, Siegelbach, Rodenbach, Weilerbach und Schwedelbach bis nach Reichenbach. Sie war seinerzeit nicht nur eine Anbindung an die Lautertalstrecke und ein wertvoller Zubringer für landwirtschaftliche Produkte. Auch die Arbeiter der großen Industriebetriebe auf der Lampertsmühle oder Pfaff und Kammgarn in Kaiserslautern nutzten die 16,5 Kilometer lange Nebenstrecke für ihren Arbeitsweg. „Viele Leute aus der Region erinnern sich noch an die alten Geschichten“, schildert Helge Ebling.
Handwerklich geschickte Freiwillige gesucht
Fahrbetrieb ist immer am ersten Sonntag des Monats von 11 bis 17 Uhr. Dann zeigt der Verein Bachbahnmuseum unter dem Vorsitzenden Jürgen Stemler seine Anlage in Aktion. Etwa 80 Mitglieder zählt der Verein, zehn davon sind aktiv. „Wir suchen noch Leute, die handwerklich geschickt sind, weil wir unsere Bahn erweitern wollen“, erläutert der Schriftführer. Er freut sich darüber, dass eine gute Handvoll Neun- bis 13-Jähriger mithelfen. Sie haben beispielsweise das Lummerland mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer nachgebaut.
Wenn das Museum nach der Winterpause wieder geöffnet ist, werden die Besucher herbeiströmen. Dazu trägt sicher auch die Gastronomie im früheren Kuhstall bei, dem „Gleis 3“. Im Erdgeschoss wurde ein ehemaliger Speisewagen aufgebaut, der früher beim Eisenbahner-Sportclub (ESC) West in Kaiserslautern als Vereinsheim diente. An vier Tischen lässt sich gemütlich speisen, während an der Wand Originalfotos die ehemalige Bachbahn lebendig werden lassen.
Speisen zwischen alten Koffern
Im Raum daneben steht ein langer Tisch mit zahlreichen Stühlen, an der Wand dahinter fährt ein kleines Bähnchen, das die Gläser transportieren kann. Auch alte Koffer haben die Aktiven gesammelt. „Sonntags ist immer viel los“, berichten Götz und Ebling von den Tagen mit Fahrbetrieb. Jeder kann sich wie früher üblich seine Brotzeit mitbringen und dazu etwas zu trinken bestellen. Zwischen 11 und 14 Uhr gibt es aber auch stets eine Kleinigkeit zu essen, welche die Aktiven des Bachbahn-Vereins vorbereitet haben. „Alles, was wir hier einnehmen, wird wieder in das Haus investiert“, versichert Paul-Peter Götz.
Doch nicht nur um Bahn-Nostalgie geht es im Schermerhof. Das ehemalige Wohnhaus wurde zu „Kunst am Gleis“. Im alten Kornspeicher werden unterschiedliche Kunstwerke ausgestellt, es gibt Ateliers und eine Musikschule hat einen Raum gemietet. Zu den Veranstaltungen, die im Schermerhof stattfinden, gehören neben Konzerten und Lesungen sowie Vorträgen auch Whisky-Verkostungen mit Musik. „Die Stauchwiesen-Band hat hier ihr zweites Wohnzimmer“, verrät Götz. Nicht zu vergessen ist das Bachbahn-Bräu: Seit zehn Jahren stellt Diplom-Braumeister Andreas Schlichting im ehemaligen Schweinestall sowohl helles als auch dunkles Bier her, das im Schermerhof ausgeschenkt wird. „Wir haben auch eine Malschule und wollen eine Ausstellung mit Werken der Kinder veranstalten, um den Nachwuchs zu fördern“, sagt der Ortsvorsteher.
„Treffpunkt Dorfkultur“ ist entstanden
Das Leben im Ortsteil hat offensichtlich profitiert von den Räumen im Schermerhof. Helge Ebling, selbst künstlerisch tätig, beschreibt den 2023 erfolgten Zusammenschluss von Interessenten zum „Treffpunkt Dorfkultur“. Die Mitglieder bieten Kurse und Lesungen an, haben ein Erzählcafé ins Leben gerufen, eine Pflanzentauschbörse organisiert und eine Gartengruppe gegründet, die unter anderem eine Insektenwiese pflegt. „Das hat sich alles aus dem Kulturzentrum heraus entwickelt“, sagt der Ortsvorsteher stolz. Man versuche, auch die Amerikaner unter den 2800 Einwohnern Erfenbachs mit einzubinden, was allerdings sehr schwierig sei.
Seit vergangenem Jahr steht der Schermerhof unter Denkmalschutz, ist nun eines der immerhin zwölf Baudenkmäler in Erfenbach. Das Äußere blieb unverändert, nur innen wurden die alten Räume an die neue Nutzung angepasst. Wer den ehemaligen Bauernhof und das Wohnhaus besichtigen will, muss gut zu Fuß sein, denn stets geht es hinauf und hinab über teils steile, enge Treppen und Stufen. Kaum zu glauben, dass in „de Scheier“ früher Autos abgestellt waren. Heute wird sie für Veranstaltungen genutzt, ein alter Heuwagen wurde zur Bühne umfunktioniert. Die Empore ist ebenfalls bestuhlt, Bretter warten darauf, als Decke eingezogen zu werden – die Arbeit geht den Helfern nicht aus. Im früheren „Gaulstall“ ist heute die Essensausgabe, hinter einem Vorhang soll noch eine Glastür zum Innenhof eingebaut werden. Auch über der Modellbahn-Ausstellung geht es noch einmal steil hinauf: Auf dem Heuboden plant der Bachbahn-Verein sein nächstes Projekt: eine Ergänzung des Museums mit anderen Spurweiten.
Ausstellungsraum ist nicht gedämmt
Für den Gebäudekomplex fand man nach Angaben von Götz keinerlei Baupläne, offensichtlich sei immer mal wieder etwas angebaut worden. Im Künstlerhaus wurde bei der Renovierung der alte Kamin entdeckt, in den die Jahreszahl 1820 eingearbeitet ist, was Aufschluss über das Entstehungsjahr gibt. Sehr hoch und licht ist der große Kornspeicher, der als Ausstellungsraum genutzt wird. Er wurde nicht verkleidet oder gedämmt – im Winter ist es eiskalt, im Sommer sehr heiß. „Wir wollten die Scheune erhalten, wie sie war“, betont Helge Ebling. Und siehe da: Die ganz unterschiedlichen Kunstwerke dort passen wunderbar zu den alten Balken, Ziegeln und krummen Mauern. Bei der kreativen Arbeit im „Kunst am Gleis“ ist an einem kalten Wintertag Grafikdesigner Volker Müller und hat es sich mit Heizung und warmem Tee gemütlich gemacht.
Zurück geht es über den Hof mit seinen ursprünglichen Pflastersteinen zum Eingang des Museums und „Gleis 3“. Dort können sich Besucher auch mit originellen Produkten wie dem Bahndamm-Riesling, Bachbahn-Nudeln, Schnaps oder Marmelade eindecken. Götz und Ebling beteuern noch einmal: Jeder Cent werde wieder in den Erhalt des Hofes gesteckt.
Die Serie
Es gibt sie noch, die schönen alten Häuser in Kaiserslautern. Sie haben nicht nur teils mehrere Kriege überstanden, sondern werden auch heute noch genutzt – sei als Wohnhäuser oder öffentlich zugängliche Gebäude. Wir haben uns in der Serie „Neues Leben in alten Mauern“ die Türen öffnen lassen und werfen einen Blick in eine verwunschene, zum Teil geheimnisvolle Welt.