Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel „Halten sich nicht an ihr Wort“: ACC-Betriebsrat schießt gegen Vorstand

Auf dem früheren Opel-Areal wollte ACC rund 2000 Arbeitsplätze schaffen und eine Gigafactory für E-Auto-Batteriezellen bauen. Da
Auf dem früheren Opel-Areal wollte ACC rund 2000 Arbeitsplätze schaffen und eine Gigafactory für E-Auto-Batteriezellen bauen. Das Gelände war bereits vorbereitet worden.

ACC will seine geplante Batteriezellfabrik in Kaiserslautern fallen lassen – eine „unfassbare Nummer“, rügt der Betriebsrat. Mit der IG Metall fordert er jetzt die Rettung.

Der Mann, der hier für 90 Menschen spricht, hat die Hoffnung nicht verloren. Wie könnte er, sagt Florian Krapf. Bei allem, was ihnen „auf dem Silbertablett“ serviert wird: Grundstück, Genehmigungen, fähiges Personal sogar. Aber ACC und Kaiserslauternkann dieser vor fünf Jahren eingefädelte Deal noch eine realistische Zukunft haben? Krapf jedenfalls will das sich abzeichnende Aus des Batteriezellwerks nicht einfach so hinnehmen, natürlich nicht. Der Betriebsratsvorsitzende der 90-köpfigen Lautrer Belegschaft fordert die Rettung des Milliardenprojekts – und verurteilt das Vorgehen von ACC aufs Schärfste. „Das Ganze jetzt sterben zu lassen, wäre eine unfassbare Nummer“, schimpft Krapf. „Hier wollen sich einige nicht an ihr Wort und die Absprachen halten.“ Einige, damit meint er: die führenden Köpfe des ACC-Konsortiums im französischen Bordeaux. Allen voran dessen Chef, Yann Vincent. Sie hätten, wirft Krapf den Verantwortlichen vor, die Angestellten über Jahre „an der Nase herumgeführt“.

„Vielen ist offenbar nicht bewusst, was diese Überlegungen für die Stadt, die Region, das Land und Europa bedeuten“, sagt der Vertreter der Arbeitnehmer. „Die Abhängigkeit von in China produzierten Batterien wird ja immer größer.“ Er und seine Kollegen hätten den Kampf für die Fabrik deshalb nicht aufgegeben – so lange wie möglich würden sie „ihr Herzblut in das Vorhaben stecken“, beteuert Krapf.

„Haben uns hier den Sechser im Lotto versprochen“

Dass der Betriebsrat überhaupt noch Chancen sieht für die Gigafactory mit ihren 2000 Stellen, wurzelt in einem Umstand, der seiner Ansicht nach in der öffentlichen Debatte stets zu kurz kommt. Bis heute nämlich hat ACC nicht offiziell bestätigt, den Bau des Zellwerks endgültig abzublasen. Am 9. Februar kündigte das Unternehmen lediglich einen „konstruktiven Dialog“ mit der Belegschaft an – um Schritte für einen eventuellen Abzug einzuleiten, hieß es. Hintergrund angeblich: der schleppende Verkauf von E-Autos. Viel Neues war später auch aus Mainz und Berlin nicht zu erfahren. „Bislang liegt dem Bund sowie dem Land keine förmliche Erklärung vor“, antwortete die Staatskanzlei auf eine Anfrage der RHEINPFALZ. Und das Bundeswirtschaftsministerium als oberster Sponsor meldete, aktuelle Medienberichte gar nicht erst zu kommentieren – wenn keine schriftliche Absage existiert. Was das bevorstehende Ende des Batteriewerks betrifft, hüllt es sich in einen Mantel des Schweigens.

Im Dezember 2023 erst hatte OB Beate Kimmel die Baugenehmigung für das Batteriezellwerk an Yann Vincent übergeben, den Vorstands
Im Dezember 2023 erst hatte OB Beate Kimmel die Baugenehmigung für das Batteriezellwerk an Yann Vincent übergeben, den Vorstandschef von ACC.

Für die 90 Lautrer ACC-Angestellten um Florian Krapf scheint genau dieser Schwebezustand wie ein letzter Strohhalm zu sein, an den sie sich klammern. Er lässt die Hoffnung am Leben, dass das Konsortium die Pläne für die Produktionshallen doch nicht begräbt. Dass es umschwenkt – unter dem Druck von Land und Bund, die „uns hier den Sechser im Lotto versprochen haben“, so verlangt es der Betriebsrat. Die Argumente für eine Ansiedlung seien erdrückend, findet Krapf.

Gespräche zwischen Mitarbeitern und ACC laufen

Getragen werden all die Anstrengungen von der Gewerkschaft, genauer: der IG Metall. Auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main versicherte Jörg Köhlinger, Leiter des für Rheinland-Pfalz zuständigen Bezirks Mitte, das Thema ACC nicht abgehakt zu haben. Als „skandalös“ bezeichnete er am Montag der Vorwoche die Ansagen aus Frankreich. Bundesweit, so der Gewerkschafter, gebe es keinen besseren Standort für die Fabrik als in der Westpfalz – mit all den geschaffenen Voraussetzungen. Die IG Metall werde auf eine „Koalition der Willigen und Fähigen“ drängen, um den Abschied von ACC zu verhindern, versprach Köhlinger. Zum Widerstand ruft auch Bernd Löffler auf, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Kaiserslautern. Seit Montag liefen die Gespräche zwischen Betriebsrat und ACC-Vorstand, teilt er mit. Erwartet werden wochenlange Verhandlungen.

Wenn Florian Krapf jetzt an die geplante Gigafactory denkt, an ein Werk, das allein an Fördergeldern rund 437 Millionen Euro schwer ist, dann sehe er „einen Leuchtturm“. Heute wie damals, 2021. „Wir müssen uns gegen das Aus stemmen“, fordert der Mitarbeiter. „Mit allem, was wir haben.“

Die 90-köpfige Belegschaft erledigt weiter ihren Job

Es braucht nicht sonderlich viel Fantasie, um zu erkennen, dass sich Krapf getäuscht und hingehalten fühlt. Von einer „kleinen Revolution“, einem „Meilenstein“ sei die Rede gewesen, als ACC seine Absichten veröffentlichte, sagt er. Die meisten Angestellten hier, so Krapf, seien einst dem Ruf der Franzosen gefolgt. Abgeworben, um Großes zu schaffen. „Jeder hat dafür gebrannt“ – auch er, ein früherer Opelaner, der 2022 bei ACC anheuerte. Und mittlerweile? Herrsche Ernüchterung. Dabei habe sich der Niedergang schon 2024 angedeutet, als alle Tätigkeiten unterbrochen worden waren. Dennoch, der Glaube an den Bau ist laut Krapf nie gewichen. „In einem Jahr lachen wir darüber“, hätten sie sich zugerufen. Über drei Millionen Euro waren ja bereits in das Projekt geflossen, dazu Tausende Arbeitsstunden. Dass den 90 „handverlesenen Experten“ gekündigt werden soll, davon hat Krapf bisher nichts gehört. Vorbildlich erledige jeder seinen Job, nach wie vor pendelten die Entwickler zwischen Kaiserslautern und Frankreich. Sie alle hingen in der Luft, sagt er. Gefangen in einem Netz aus Unklarheiten.

„Uns wurde immer wieder garantiert, dass für den Standort eine sichere Lösung gefunden wird“, meint Krapf, der Mann vom Betriebsrat. „Sollen das alles leere Worte gewesen sein?“ Er wundere sich jedenfalls über so einiges, was in den vergangenen Wochen passiert ist. Darüber zum Beispiel, dass Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) die Gründung einer Taskforce veranlasst hat. Sie soll das Gelände zur Turbofläche für neues Gewerbe weiterentwickeln – wo doch 90 Beschäftigte gerade noch dafür kämpfen, ACC in Kaiserslautern zu halten, sagt Krapf.

x