Kaiserslautern
Geplanter Abriss im Asternweg: „Mich kriegt man hier nur im Sarg raus“
Und jetzt soll sie also raus hier, nach 16 Jahren? „Frechheit“, schnaubt Manuela Richter (55), winkt ab und stemmt die Arme in die Hüften. Geboren sei sie im „Kalkofen“, aufgewachsen, seit 2010 lebt sie vorne in der 13. Die Straße, sie ist ihre Heimat – nicht weniger als das. Sollten die aber wirklich irgendwann alles abreißen, einen Block nach dem andern? „Dann weiß ich auch nicht weiter“, sagt Richter, „dann war’s das.“ Wenn Verzweiflung einen Klang hätte, bitteschön.
Dienstagnachmittag im Asternweg, kurz nach 16 Uhr. Zwei Männer schleppen eine Kiste Export durch die Sonne, als Manuela Richter vor jenen Häusern innehält, über die im Viertel gerade häufiger denn je gesprochen wird: die berüchtigten Schlichtwohnungen.
Am 21. Mai, es war ein Donnerstag, hat die Stadt Kaiserslautern ihr Konzept präsentiert, wie sie die Zukunft des sozialen Brennpunkts sieht. Baulich und gesellschaftlich. Demnach sollen vier der heruntergekommenen Wohnblöcke verschwinden – darunter zwei, in denen sich Familien längst ein Leben aufgebaut, in denen sie ihre Kinder großgezogen haben. Nach dem Verkauf des Grundstücks an die Bau AG, so das Ziel, wird die städtische Tochter dort brandneue, sozial geförderte Mietbauten errichten, 200 Wohnungen. Nicht sofort natürlich, eher ab 2030. Der angebliche Wunsch: Bürger von außerhalb sollen sich später einmieten, aber auch jene Bewohner, die „ihren Block“ für den Abriss hatten verlassen müssen. Menschen wie Manuela Richter. Keine Schlichthäuser mehr, dafür „bezahlbarer Wohnraum“ – das ist das Versprechen der Stadt. Doch wie denken eigentlich die Betroffenen darüber?
„Wenn du hier wohnst, bist du eh abgestempelt“
Was Richter von den Plänen hält, von den Visionen im Rathaus, das macht sie an diesem Nachmittag jedenfalls deutlich klar, nämlich: gar nichts. „Absolute Sch...“ sei die Idee, ruft sie über den Gehweg.
„Wenn du im ’Kalkofen’ wohnst, bist du doch eh abgestempelt“, meint Richter, „die Leute hier werden niemals eine Wohnung der Bau AG kriegen, die kann sich von uns ja gar keiner leisten.“ Und ob die Stadt denn wirklich glaube, dass „irgendjemand freiwillig herzieht“ – nur weil ein Unternehmen ein paar schicke Häuser hingestellt hat? Einmal Asternweg, immer Asternweg, sagt Richter. Mit ihrem Frust steht sie nicht allein.
Da wären etwa Sabine (59) und Georg Ziegler (62), Aufgang 35. Im September erst sind sie eingezogen in die frisch sanierte Wohnung. Er, Georg, war einer der Helfer, die den Putz von den Wänden geklopft, die den Schutt durchs Treppenhaus getragen hatten. „Für uns wäre ein Abriss die größte Sauerei“, flucht er am Küchentisch im zweiten Stock, „so viel Geld und Arbeit haben wir reingehauen, soll das alles umsonst gewesen sein?“ Seine Ehefrau, Geburtsort „Am Kalkofen“, schüttelt langsam den Kopf: „Mich kriegt man hier nur im Sarg raus“, beteuert sie. „Schon ewig“ leben die Zieglers in dem Block. Wie lange genau, können sie selbst nicht sagen – Jahrzehnte bestimmt.
Über die abgenutzten Betonplatten draußen schiebt Denise Busold (39) einen Kinderwagen, schnelle Frage, sie müsse zum Bus. Wie sie die Pläne der Stadt findet? „Wir sind eine große Familie, jeder passt auf jeden auf“, beschreibt Busold die Gemeinschaft, „für uns ist der Asternweg kein Schandfleck.“ Er gehöre zu Kaiserslautern, und zwar mit den alten Wohnblöcken. Sanieren, erneuern, frischer Glanz: „Natürlich!“, stimmt die Mutter zu.
„Aber wenn die Blöcke weg sind, dann verliert der ’Kalkofen’ seine Seele“, glaubt sie, „man geht ja auch nicht hin und reißt den Kaiserbrunnen ab.“
Die Angst, dass einem die Heimat genommen wird
Egal, wen man an diesem Mittag fragt, überall hört man von den Ängsten, die die Ankündigung der Stadt bei den Menschen schürt. Dass Abriss und Neubau ihre eingeschweißten Nachbarschaften zerstören, Generationen von Familien auseinanderreißen würden. Dass den Bewohnern ihre Heimat genommen werde, man sie durch Mietverträge aus dem Asternweg zu drängen versuche. Dass die meisten von ihnen bei der Bau AG ja gar nicht infrage kämen, Stichwort: Schufa. Und dass die Behörden hier einfach die sozialen Missstände ausradieren, ein neues, unbeflecktes Viertel schaffen wollten – auf Kosten der Ärmsten. Auch das Vorgehen der Stadt stößt in der Straße auf Unmut. Man hätte die Leute wenigstens informieren sollen, wenn man schon über ihre Zukunft entscheidet, heißt es. So aber sei die Nachricht ein Schock für alle gewesen, die im Asternweg verwurzelt sind. „Sobald die Pläne konkret werden, werden wir die Bewohnerinnen und Bewohner selbstverständlich einbeziehen“, garantiert die Verwaltung auf Nachfrage der RHEINPFALZ. Vor einem Grundsatzbeschluss alle Ideen vorzustellen, hätte laut Stadt „wenig Sinn ergeben“.
Wen man an Tagen wie diesen vor den ramponierten Türen der Aufgänge treffen muss, ist Erich Manfred Jackes (78), ein Asternweg-Original. Mit ausgestreckter Hand steuert er auf einen zu, blauer Strickpulli, Sporthosen. „Wie geht’s dir“, fragt Jackes, „alles klar?“ Auch er wohnt seit acht Monaten in der 35, auch er hat angepackt bei der Sanierung, und auch er: will nicht fort. „Nochmal ausziehen, wieder neu anfangen, das schaff’ ich nicht“, sagt Jackes, die Haare gebunden zum Zopf. „Ich kapier’s nicht, was man mit den Leuten anstellen will.“ Vor 26 Jahren strandete der Mann aus dem Ruhrpott im Asternweg, seine Tür steht immer offen. „In meiner Wohnung gefällt’s mir“, sagt er, „hier will ich sterben.“
Eigentlich sollte hier nie jemand sesshaft werden
Hausnummer 7, ein Gärtchen mit Laube, Werkbank und Dartscheibe. Unter einem Pavillon stützt Kalle Ritter (50) die Ellbogen auf einen Biertisch, vor sich der Aschenbecher, dahinter: der Block, den er seit 50 Jahren sein Zuhause nennt. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen“, sagt Ritter, „wir machen uns über vieles Gedanken.“ Darüber, ob er alles, was er sich aufgebaut habe, verlieren wird: den Garten, die Werkstatt im Keller, natürlich sein Heim. Im Erdgeschoss die Wohnung, erzählt Ritter, habe er nach seinen Wünschen renoviert, Tausende Euro reingesteckt. „Ich weiß gar nicht, was ich machen soll, wenn ich weg muss.“ Als würde man einen Süßwasserfisch ins Meer werfen, so sieht er das. Wissen muss man dabei auch: Laut den Statuten der Stadt gelten die Wohnblöcke im Asternweg offiziell als Obdachlosenunterkünfte – ohne geregeltes Mietverhältnis. Ihrem ursprünglichen Zweck nach sollte in ihnen nie jemand sesshaft werden, schon gar keine Familien. Ab den 1960ern aber haben sich Strukturen entwickelt, aus denen die Stadt nicht ausbrechen kann.
„90 Prozent der Menschen hier haben Mietschulden“, schätzt Kalle Ritter, „bei der Bau AG hätten sie nicht den Hauch einer Chance.“ Sein Block, die Nummern 7 bis 15, habe es außerdem „nicht nötig“, abgerissen zu werden, sagt er und zieht an der Zigarette. Sei ja fast alles gemacht, sogar mit Duschen. Sanieren und fertig – das müsse der Weg sein.
Auf einem Sofa ein paar Aufgänge weiter, zwischen Porzellanfiguren und Strickwolle, sitzt am frühen Abend Agy Müller (75), Ritters Mutter. Als „gebürtige Baracklerin“, wie sie sagt, habe sie im Viertel alles gesehen. Das Abbrennen der verwanzten Hütten, den Bau der Schlichtwohnblöcke. Und bald ihr Ende? Müller, so scheint es, schert sich nicht um die Pläne der Stadt. „Wir haben doch eh keinen Einfluss darauf“, betont sie, „nach uns hat noch nie jemand gefragt.“
Nur eines, das wisse sie schon heute. „Einen Umzug, den überleb’ ich nicht.“
Leben im Brennpunkt
Kaiserslautern, Asternweg. Mit ihren maroden Schlichtwohnungen aus den 1950ern gehört die Straße im Osten der Stadt nicht nur zu den ältesten, sondern auch zu den bekanntesten sozialen Brennpunkten der Republik. Keine Bäder, keine Heizung, Armut und Arbeitslosigkeit – wer hier lebt, ist am äußersten Rand der Gesellschaft gestrandet. Wie sieht der Alltag aus im Viertel? Welche Hoffnungen hegen die Menschen? Was müsste getan werden, damit sie in Würde leben? Wer leistet Hilfe? Und was tut die Stadt im Kampf gegen die Probleme? In unserer Serie „Asternweg – Ein Leben im Brennpunkt“ geben wir den Bürgern im einstigen Kalkofen eine Stimme und gehen den Problemen auf den Grund. Alle Serienteile finden Sie hier.