Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Gemeinsam statt einsam: Lange Warteliste für Nils auf Pfaff-Gelände

Ecke Albert-Schweitzer-Straße und Birgit-Reinert-Straße soll ein Nils mit 50 Wohnungen gebaut werden.
Ecke Albert-Schweitzer-Straße und Birgit-Reinert-Straße soll ein Nils mit 50 Wohnungen gebaut werden.

Leben wie auf dem Dorf – mitten in der Stadt. Das ist der Anspruch der Bau AG an ihr Wohnprojekt für Generationen. Sie investiert über 20 Millionen Euro in einen Neubau.

„Wer ein reines Seniorenwohnprojekt sucht, ist bei uns in einem Nils nicht richtig. Auch wer lieber anonym lebt, für den passt das nicht.“ Gabriele Gehm von der Bau AG nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie will, dass auch der dritte Nils ein Erfolg wird. Jetzt erst Recht. Denn weil das Kaiserslauterer Wohnmodell längst bundesweit als Vorbild fungiert, wird es künftig von den Pflegekassen unterstützt und vom Land Rheinland-Pfalz bezuschusst. Gerade kam die gute Nachricht, dass der Neubau auf dem Pfaff-Gelände mit 570.000 Euro gefördert wird.

Der große Innenhof ist Programm. Der Nils im Goetheviertel mit 43 Wohnungen.
Der große Innenhof ist Programm. Der Nils im Goetheviertel mit 43 Wohnungen.

Nils, das steht für nachbarschaftlich, inklusiv, lebenswert und selbstbestimmt. Zwei Nils-Projekte gibt es bereits in Kaiserslautern, eines im Goetheviertel, wo 2017 43 Wohnungen entstanden sind, ein anderes in der Friedenstraße im Grübentälchen mit 56 Einheiten. Für Gehm, die das Sozialmanagement bei der Bau AG leitet und die Nils- Vorhaben betreut, ist das Besondere daran: „Uns geht es um das Miteinander, wir wünschen uns, dass die Menschen hier leben wie in einem Dorf. Gemeinsam statt einsam, mehrere Generationen unter einem Dach, junge und alte Menschen, mit und ohne Pflegebedarf, möglichst auch aus unterschiedlichen sozialen Schichten.“ Thomas Bauer, Vorstand der Bau AG, drückt es so aus: „Wir wollen in den Nils-Bauten die ganze Gesellschaft abbilden, auch Familien mit kleinen Kindern sollen einziehen. Und idealerweise gehen die Jüngeren für die Älteren einkaufen und die 70-jährige Bewohnerin springt bei den Nachbarn als Ersatzoma ein, liest dem Nachwuchs vor, hilft bei den Hausaufgaben.“

Ins Erdgeschoss zieht eine Kita ein

Über 20 Millionen Euro investiert die Bau AG auf dem Pfaff-Gelände in einen Nils-Neubau. Entstehen soll er an der Birgit-Reinert-Straße, grob gesprochen zwischen der Psychiatrie in der Albert-Schweitzer-Straße und Lidl, angrenzend an das Gebiet, auf dem das Frankfurter Unternehmen BPD Wohnungen baut. Anders als in den bisherigen Projekten ist im Erdgeschoss eine Kita geplant, für bis zu 100 Kinder. Darüber sollen auf fünf Ebenen Wohnungen entstehen, zwischen 56 und 110 Quadratmeter groß. Die Mieten werden zwischen sieben und elf Euro pro Quadratmeter liegen. Zwei Drittel der Wohnungen sind für Menschen mit Wohnberechtigungsschein vorgesehen, also für jene, die es besonders schwer haben, auf dem freien Markt eine neue Bleibe zu finden. Erschlossen werden die Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft über Laubengänge. „Das hat sich bewährt, so laufen sich die Menschen öfter über den Weg“, erläutert Bauer. Anders als in den bisherigen Wohnkomplexen wird die „Guud Stubb“, das Nils-Herzstück, nicht ins Gebäude integriert, sondern sie soll in einem Solitärbau aus Holz auf 160 Quadratmetern untergebracht werden.

Bau AG-Chef Thomas Bauer im Fischerpark.
Bau AG-Chef Thomas Bauer im Fischerpark.

„Sie wird Anlaufstelle für alle im neuen Pfaff-Quartier sein“, unterstreicht Gehm. Genauso sei es mit den Unterstützungsleistungen, die zugebucht werden können. „Wir arbeiten mit dem Ökumenischen Gemeinschaftswerk als Kooperationspartner zusammen, jeder, der auf dem Pfaff-Gelände lebt, kann gegen Zuzahlung die Offerten nutzen, von der Haushaltshilfe über Alltagsbegleitung bis zur Pflege.“ Eine Betreuungspauschale werde nicht erhoben, so Gehm. Auch die Außenanlagen, mit Angeboten zum Gärtnern, Spielplatz und Boulebahn sollen einmal allen Menschen im Quartier zur Verfügung stehen. Dass in der „Guud Stubb“ richtig viel geboten wird, davon ist Gehm überzeugt. „Wir haben mittlerweile 60 Ehrenamtliche, die kochen mittags, bieten Yoga und Singkreise an, Spielenachmittage, Handarbeitstreffs, alles ist möglich, nur nichts Kommerzielles.“

„Wahnsinn“: 600 Menschen bei Infoveranstaltungen

Bei Infoveranstaltungen zu dem Neubau-Vorhaben wurden die Verantwortlichen der Bau AG – dem größten Vermieter in der Stadt – förmlich überrannt. „Wir hatten 600 Interessenten da, das ist Wahnsinn“, sagt Bauer. Schon jetzt gebe es eine lange Warteliste mit 400 Namen, obwohl voraussichtlich erst im Herbst Baubeginn ist und die ersten Mieter frühestens im Jahr 2028 einziehen. Die Menschen wollten aufs Pfaff-Gelände ziehen, wegen der Nähe zur Innenstadt, den Einkaufsmöglichkeiten in der Königstraße, dem Medizinischen Zentrum vor der Haustür. „Aber für viele ist das auch nicht das Ausschlaggebende. Sie wollen in ein Nils-Projekt ziehen“, so Bauer. Er kündigt an, dass die Bau AG auf dem Bännjerrück und ganz sicher auf dem Betzenberg ebenfalls einen Nils bauen wird.

Mittags wird in der Guud Stubb zusammen gekocht.
Mittags wird in der Guud Stubb zusammen gekocht.

Bleibt die Frage, nach welchen Kriterien die Bau AG, die über 5000 Wohnungen im Bestand hat, für den Neubau ihre Mieter auswählt. „Das ist ganz schwer“, sagt Gehm. „Wir losen nicht. Wir führen mit allen Bewerbern Gespräche und schauen am Ende, wer am besten zusammenpasst. Das ist ein bisschen wie ein Puzzle“, verdeutlicht Bauer.

„Wir verkaufen keine Sozialromantik“

Wenn Gehm über das Miteinander im Nils redet, ist sie völlig euphorisch. „Wir verkaufen keine Sozialromantik. Aber es ist ja bewiesen, dass Menschen, die weniger einsam sind, länger gesund bleiben.“ Froh ist sie, dass eine Studie über Nils – Wohnen im Quartier geplant ist. Annette Spellerberg, Stadtsoziologin an der RPTU in Kaiserslautern, wird die Untersuchung leiten.

Verantwortet die Nils-Projekte: Gabriele Gehm.
Verantwortet die Nils-Projekte: Gabriele Gehm.

Mitspielen muss jetzt eigentlich nur noch die Förderbank des Landes Rheinland-Pfalz, die Investitions- und Strukturbank (ISB). Dort stellt die Bau AG den Antrag auf Förderung von sozialem Wohnraum. „Teilweise dauert es 18 Monate, bis die Bescheide kommen, die Voraussetzung dafür sind, mit dem Bau beginnen zu dürfen“, erklärt Bauer. Allzu pessimistisch ist er aber offenbar nicht. Immerhin hat er schon eine neue Quartiersmanagerin für das Projekt „bei Paffe“ eingestellt. Michelle Olle fängt am 1. April an.

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