Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Es wäre sonst das Begräbnis gewesen“

Die Talentefinder und -Former aus Kaiserslautern: Uli Scherbaum (rechts) und Aydin Kempirbaev.
Die Talentefinder und -Former aus Kaiserslautern: Uli Scherbaum (rechts) und Aydin Kempirbaev.

Uli Scherbaum erklärt im Gespräch mit Maria Huber, warum die Anerkennung als Leistungsstützpunkt Nachwuchs für den Judo-Standort Kaiserslautern-Speyer so wichtig ist.

Was macht es so schwer, die Auszeichnung als Landesleistungszentrum Nachwuchs zu bekommen?
Früher hat es ausgereicht, wenn man bei deutschen Meisterschaften Medaillen hatte. Die Vorgaben wurden immer mehr verschärft. Erst hieß es, alle drei Jahre eine internationale Medaille wäre gut. Dann sollten alle zwei, drei Jahre Nationalkaderathleten ausgebildet werden. Das ging eine zeitlang ganz gut. Nach Corona haben wir dann eine Lücke bekommen. Wir waren immer 40, 45 Judoka an der Schule, hatten zu unserer besten und erfolgreichsten Zeit aber auch vier Trainer mit Sergio Oliveira, Stephan Hahn, Hannah Ertl und mir. Sergio schielte dann Richtung Bundestrainer, hat Kaiserslautern verlassen, ist nach Berlin gegangen. Er hat dort auch festgestellt, dass die Bereitschaft, über die Grenze zu gehen, wo es weh tut, wenn man wirklich erfolgreich sein will, geringer geworden ist. Wir finden die Leute noch und versuchen, sie hierherzubringen.

Wie suchen und finden Sie Talente?
Meist sichten wir die Talente bei Wettkämpfen. So habe ich auch Alex (Anm. d. Red.: Alexander Wieczerzak, zweimaliger Weltmeister bis 81 kg) hierherbekommen. Ich habe ihn gesehen bei den Südwestdeutschen Meisterschaften. Er war so gut und hatte das Feuer in den Augen, wollte unbedingt. Wenn man die Wettkämpfe so lange beobachtet, kann man, können wir im Team, nach einer gewissen Zeit sagen, dass selbst wenn einer noch nicht ganz an der Spitze ist: Das ist ein Rohdiamant. Den kriegen wir soweit, dass er seine Ziele erreicht, wenn er von großen Verletzungen verschont bleibt. Wir hatten viele wirklich gute. Mit Natalia Kubin war ich in Ungarn bei der Weltmeisterschaft, als sie Dritte wurde. In Singapur wurde sie Zweite bei den Olympischen Jugendspielen. Wir hatten so viel Erfolg. Eine zeitlang brauchten wir uns keine Sorgen machen, dass es nicht weitergeht. Nach Corona hatten wir ein paar Jahre, in denen es schwierig war. Wir hatten aber immer was. Seit drei Jahren haben wir aber keine Nationalkadernominierung mehr geschafft. Da haben die uns ein Ultimatum gestellt. Wir sollten dem DJB (Deutscher Judobund) zeigen, dass Kaiserslautern fähig ist, Talente zu entwickeln. Wir haben es gezeigt und jetzt das Prädikat bekommen als einer von sechs Stützpunkten in Deutschland. Damit wurde die hauptamtliche Stelle, seit fünf Jahren besetzt durch Aydin Kempirbaev, verlängert bis zum 31. Dezember 2028.

Was macht es so schwer, die Voraussetzungen zu erfüllen?
Beispielsweise dass ein Judoka frühestens in der U18, wenn er 16 ist, Nationalkaderathlet werden kann. Im Klettern ist das viel früher. Das wird aber verglichen. Judo ist eine Randsportart, die um die 100.000 Mitglieder in Deutschland hat. In Frankreich ist es fast eine Nationalsportart. Nach Fußball und Handball kommt gleich Judo. Die haben über eine halbe Million Judoka bei geringerer Bevölkerung. Wir fahren deswegen immer wieder zum Training nach Frankreich, weil es dort mehr gute Gegner in allen Altersklassen gibt.

Was war der ausschlaggebende Punkt für die Auszeichnung als Landesstützpunkt?
Die Infrastruktur in Kaiserslautern. Auf dem Campus wohnen, Physio hier zu haben, das Dojo, die Krafträume, der Wald vor der Haustüre für Waldläufe. Ohne große Wege haben wir Wohnen, Trainieren und Schule an einem Ort. Mit André Wittek, Arzt und Orthopäde, der als Kind und Jugendlicher am HHG war, haben wir seit zwei Jahren unseren Anschlussverein mit dem JSV Kaiserslautern, dessen Vorsitzender er ist. Sergio Oliveira wohnt inzwischen wieder hier und hilft immer wieder mal aus, auch Paul Ackermann, ein ehemaliger Schüler, der auch im Verein tätig ist, ist mit im Trainerpool. Mit Andreas Kolbig, dem Präsidenten des Pfälzischen Judoverbandes, haben wir einmal pro Woche eine Videokonferenz, treffen uns einmal pro Monat und tauschen uns aus. Das sind alles Kriterien, die dazu bewogen haben, dass wir wieder ein Nachwuchsleistungszentrum für die Jugend sind.

Wie oft trainieren die Judoka in der Woche?
Die fünfte und sechste Klasse trainiert mittwochs und freitags in der Schule, hat dienstags und donnerstags Stützpunkttraining am Nachmittag. Freitagnachmittags ist dann zusätzlich Vereinstraining. Die Achtklässler haben meistens zweimal am Tag Training, bis auf Freitag. Da sollen sie nur ins Vereinstraining gehen. Wir passen aber auch auf, wenn einer nicht so gut in der Schule ist, dass er auch mal trainingsfrei hat, wenn er Arbeiten schreibt. Dass alle die Schule schaffen, ist schließlich Voraussetzung.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Judoka in Speyer?
Der Nachwuchsleistungsstützpunkt heißt ja Kaiserslautern-Speyer. Sie besuchen uns im Training, wir besuchen sie im Training. Über die Landestrainer fahren wir zusammen zu Wettkämpfen und Lehrgängen. Wir tauschen uns gegenseitig aus. Mit Volker Heyer haben die Speyerer einen hauptamtlichen Trainer, unser Präsident Andreas Kolbig, der auch Landestrainer ist, trainiert auch dort. Und es gibt noch mehrere zusätzliche Trainer.

Was bedeutet die Auszeichnung für den Standort?
Wenn die Stelle des Landestrainers weggefallen wäre, die mit der Anerkennung als Stützpunkt verbunden ist, wäre das für den Leistungssport Judo das Begräbnis. Deswegen ist das Schild so wichtig.

Einen Bericht zur Schildübergabe und den Hintergründen lesen Sie hier

Zur Person Uli Scherbaum

Uli Scherbaum stammt aus der Nähe von Kassel, war 1994 Trainer und Sportwart des Judovereins in Kassel und traf bei einem Lehrgang in Köln Norbert Heitgen. Der war damals Lehrertrainer am Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern und fragte Scherbaum, der gerade sein erstes Staatsexamen hatte, ob er nicht Interesse hätte, nach Kaiserslautern zu kommen. Da werde eine Lehrertrainerstelle frei und er könnte sein Referendariat in Kaiserslautern machen.

„Ich war erst mal perplex“, erzählt Scherbaum, doch das Angebot gefiel ihm. Die Hälfte der Stunden würde er Judo unterrichten, die andere Bio und Sport. Scherbaum machte sein Hobby zum Beruf.

1995 wurde er Referendar in Kaiserslautern, wohnte zunächst in Kaiserslautern, zog dann der Liebe wegen nach Mainz und lebt jetzt mit seiner Frau und seinem Sohn im 600-Seelen-Dorf Gau-Weinheim in der Nähe von Gau-Bickelheim. Scherbaum war eine zeitlang Honorar-Bundestrainer und kannte dadurch die Athleten aus dem HHG schon vor seinem Start in Kaiserslautern. Im Alter von sieben Jahren entdeckte er seine Liebe zum Judo.

Der 59-Jährige war wie er sagt „selbst nicht sehr erfolgreich“, wurde in der Jugend mit der Mannschaft deutscher Meister, aber nach der Maueröffnung, als starke Athleten dazukamen, hatte er „zu große Konkurrenz“. Dafür war er als Trainer erfolgreich. Beim 1. Judo-Club Kaiserslautern war er früher zusätzlich Haupttrainer und gibt auch noch heute alles für sein Lieblingshobby und seinen Beruf Judo.

Aydin Kempirbaev

Aydin Kempirbaev (51) stammt ursprünglich aus Kasachstan, ist seit zehn Jahren in Deutschland und hauptamtlicher Trainer für Judo an der Eliteschule des Sports, dem Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern. Als Stützpunkttrainer betreut er Judoka verschiedener Altersklassen und arbeitet als Landestrainer für den Judo Verband Pfalz und den Judo-Verband Rheinland.

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