Kaiserslautern Ein freier Geist

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Man hat ihm – als drittem Franzosen überhaupt – den Literaturnobelpreis verliehen. Ihn einfach nur Schriftsteller zu nennen, wäre gleichwohl unangemessen. Romain Rolland, heute vor 150 Jahren im französischen Burgund geboren, war einer der großen europäischen Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts, Universalist im Goetheschen Sinn, ein Denker „über den Gräben“, die dieses Jahrhundert schlug, Europäer vor seiner Zeit.

„Über dem Getümmel“ – „Au dessus de la mêlée“ – ist ein Artikel überschrieben, der am 15. September 1914 im „Journal de Genève“ erscheint. Sein Autor, der Musikgelehrte und Literat Romain Rolland, fällt nicht ein in die sich allenthalben ausbreitende Kriegseuphorie und die lauten nationalistischen Töne. Von Beginn an ist für ihn der Krieg, den Europas Mächte seit dem 1. August 1914 führen, eine Katastrophe, „der Zusammenbruch unserer heiligsten Hoffnungen auf die Brüderlichkeit der Menschen“. Was Romain Rolland da in einer Schweizer Zeitung veröffentlicht, bringt ihm in Frankreich den Vorwurf ein, auf der Seite des Feindes zu stehen. In Deutschland wird vor allem gelesen, dass dieser Franzose scharf den „preußischen Imperialismus“ angreift, in dem er den Hauptschuldigen an diesem Krieg sieht. Der Mann, der gegen den Hass anschreibt, sieht sich sich gehasst von allen Seiten: „... und dabei habe ich nichts anderes getan, als humane Worte zu äußern und eine gemäßigte Haltung ohne Lärm und Hass zu vertreten“, notiert er in sein Tagebuch. Die Zeit von 1914 bis 1919 betreffende Auszüge aus seinen weit über 2000 Seiten umfassenden Aufzeichnungen sind vor Kurzem mit dem Titel „Über den Gräben“ erstmals veröffentlicht worden. Es sieht so aus, als entdecke man diesen unangepassten Europäer gerade wieder neu. Sein Hauptwerk allerdings, der zehnbändige Romanzyklus „Jean-Christophe“ – erschienen zwischen 1904 und 1912 – ist derzeit nur antiquarisch erhältlich. Und dabei hat ihm das Nobelpreiskomitee den Preis just für diese in 17 Folgen in der von Charles Péguy gegründeten Literaturzeitschrift „Cahiers de la Quinzaine“ erschienene Geschichte einer deutsch-französischen Freundschaft zuerkannt: Im November 1916 für das Jahr 1915, in dem kein Preis vergeben wurde – „als Anerkennung für den hohen Idealismus seines dichterischen Werkes und für die Wärme und Wahrhaftigkeit, mit der er die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit dargestellt hat“. Manche sagen, die Jury in Stockholm hätte vielmehr die 1915 Sammlung von Rollands Antikriegs-Artikeln ausgezeichnet. Schon damals mag man politische Preise vergeben haben. Das Preisgeld stiftete er dem Internationalen Roten Kreuz, für das er während des Ersten Weltkriegs arbeitete. „Jean-Christophe“ jedenfalls markiert einen Wendepunkt im Leben des am 29. Februar 1866 in Clamecy, einer Kleinstadt im burgundischen Département Nièvre, geborenen Sohn eines Notars und einer musikbegeisterten Mutter. In Paris absolviert er die besten Gymnasien und Elite-Hochschulen, studiert Literatur, Geschichte, Kunst und Musik, heiratet 1892 Clotilde, die Tochter des in Landau geborenen Michel Bréal, von der er sich 1901 wieder trennt. Seit 1904 ist er Professor für Musikgeschichte an der Sorbonne, ein Amt, das er nach dem Romanerfolg aufgeben kann. Rolland schreibt Dramen und Essays. Er ist Musikkritiker und -publizist, organisiert 1900 den ersten musikhistorischen Kongress in Paris, gründet 1901 die Zeitschrift „Revue musicale“, schreibt Biografien über Beethoven und Händel, reist mit der Wagner-Freundin Malwida von Meysenburg nach Bayreuth, korrespondiert mit Richard Strauss wie mit Camille Saint-Saëns – auch hier „über Gräben“ – geht freilich auf Distanz zu Debussy. Ohne die Musik ist auch das literarische Werk undenkbar. Sein „Jean-Christophe“ ist ein deutscher Komponist auf der Suche nach Erleuchtung, ein genialer Musiker, dem er Olivier, einen französischen Dichter zur Seite stellt: ein Versöhnungsroman nach dem Krieg von 1870/71, eine 1914 zerstörte Hoffnung. Aber im Gegensatz zu Stefan Zweig, mit dem er seit 1910 freundschaftlich verbunden ist – auch dieser Briefwechsel erlaubt erhellende Einblicke in Europas Welt von gestern –, gibt Rolland die Hoffnung nicht auf. In den Zwischenkriegsjahren, in denen er in der Schweiz lebt, nähert er, der Tolstoi-Verehrer und Verteidiger der russischen Revolution, sich der Sowjetunion an. Die Russin Maria Koudacheva, die eine russische Ausgabe seiner Werke vorbereiten soll, wird 1934 seine zweite Ehefrau. Man verdächtigt sie in Frankreich, im Auftrag Stalins zu agieren. Der eher konservativen Paneuropa-Bewegung eines Grafen Coudenhouve-Kalergi kann er nichts abgewinnen. In Amsterdam organisiert er 1932 einen Antikriegskongress, lehnt 1933 die Goethe-Medaille ab, erkennt nicht erst mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1938 die dunkle Seite des Kommunismus – und schreibt am 2. Januar 1944 in sein Tagebuch: „Hitlers Deutschland betreibt mit kalter Grausamkeit die Ermordung zweier Völker, des jüdischen und des deutschen.“ Da lebt er schon in der Abgeschiedenheit, unterhalb der Wallfahrtskirche Sainte Marie-Madeleine von Vézelay in Burgund, wenige Monate vor seinem Tod am 30. Dezember 1944 noch immer wach und weitsichtig. „Europa gleicht einem Narrenhaus“, hatte er Ende März 1915 festgestellt. Und weiter: „Den Spielregeln gemäß wird der Andersdenkende des Verrats bezichtigt.“ Wie würde seine Zustandsbeschreibung 100 Jahre später ausfallen? Lesezeichen —Romain Rolland: „Über den Gräbern. Aus den Tagebüchern 1914-1919“, mit einem Nachwort von Julia Encke; C.H. Beck; 176 Seiten; 16,95 Euro. —Romain Rolland – Stefan Zweig: „Von Welt zu Welt. Briefe einer Freundschaft 1914-1918“, mit einem Begleitwort von Peter Handke; Aufbau Verlag; 480 Seiten; 24,95 Euro. —Romain Roland: „Paul und Luce“, Roman; Aufbau Verlag; 139 Seiten; 14,95 Euro.

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